Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Noch zweimal hat sich Wünsche mit dem ihm inzwischen;uin Freunde gewordenen Dresdener Rabbiner vereinigt, um im Dienste der Wissenschaft tätig zu sein. Im Jahre 1909 gaben sie eine Uebersetzung der „M e ch i l t h a", eines halachischen Mdraschs zum zweiten Buche Moses heraus, dessen Text vielfach verderbt und schwer verständlich ist, und 1911 den zweiten Band der Ethik des Judentums von Moritz Lazarus. Die Aufgabe der Herausgeber bestand wesentlich darin, das auf Blättchen geschriebene Material des Philosophen zu vrdnen, die vielfach nur angedeuteten Zitate festzustellen und durch neue Belegstellen zu ergänzen. Zn einer umfassenderen Bearbeitung dieses Werkes hielten sie sich aus Pietät gegen den Verfasser nicht für befugt. Jedenfalls sind wir ihnen zu Danke verpflichtet, denn trotz der fehlenden Abrundung, die den ersten Teil auszeichnet, bildet der zweite Teil des Werkes eine Fundgrube für die wissenschaftliche Erkenntnis der jüdischen Ethik. In den letzten Lebensjahren ging Wünsche auch daran, feine ästhetischen Studien zur Heiligen Schrift in dem Werke „Die Schönheit der Bibel" zusammenzufassen. Während die Behandlung des Neuen Testaments durch die entstehende Krankheit mitten in den Vorarbeiten abgebrochen ,verden mußte, ist die Würdigung des Alten Testaments bereits im Jahre 1906 zum Abschluß gekommen. (Vgl. meine Besprechung in dem betr. Jahrgang der Allg. Ztg. d. Jud.) Wünsche zeigt hier, wie die Bibel nicht bloß ihrem Inhalte nach von grundlegender Bedeutung ist, sondern auch durch die Art der Darstellung dem Leser einen wahren Genuß gewährt. Frei von jeder christologischen Färbung, den ethischen Gehalt stets betonend, macht Wünsche aus die Schönheit der Gedanken und ihre Ausführung aufmerksam. Wie Herder in seiner Schrift „Vom Geiste der ebräifchen Poesie" die Bibel >enter den Gesichtspunkt der Aesthetik stellt, so bemüht sich Wünsche mit Wärme und edler Begeisterung, den künstlerischen Wert der Bibel hervorzuheben, um sie möglichst wieder zu einem Volksbuche zu machen. Ob die Naturpoesie des Alten Testaments von ihm dargestellt wird oder die Poesie des Todes, ob die Prophetie in ihrer religiös-sittlichen Bedeutung gezeigt wird oder die unvergängliche Schönheit des Psalters, in all diesen verschiedenartigen Denkmälern des israelitischen Altertums findet er eine Quelle der Erbauung und Erhebung des Gemüts. Darum sei es kein Wunder, wenn die Bibel eine befruchtende Wirkung auf große Dichter geübt hat, wenn in der Weltliteratur Epen und Dramen ihre Stoffe der Heiligen Schrift entlehnten. In dem gleichfalls 1906 erschienenen Werke „D i e Bildersprache des Alten T e st a m e n t s" hat Wünsche die formale Schönheit der Heiligen Schrift ins rechte Licht gerückt, indem er die künstlerische Gestaltung in der Verwendung von Bildern und Vergleichen deutlich macht. Abgesehen von dem ästhetischen Genüsse, den eine derartige Betrachtung des biblischen Schrifttums gewähren muß, kann sie auch für die Kritik von Bedeutung sein, denn man merkt an den Bildern, die ein Dichter gebraucht, in welchem Klima er lebt, ob am Meeresstrande oder im Binnenlande, man fühlt sein Seelenleben, sein Temperament heraus. Es würde zu weit führen, wenn wir alle sonstigen Arbeiten Wünsches erwähnen würden, seine verschiedenen Abhandlungen auf dem Gebiete der Volkskunde über Märchen, Fabeln und Sagen sowie die Herausgabe der Werke und des handschriftlichen Nachlasses des Philosophen K. Ehr. Fr. Krause. Hervorheben wollen wir nur noch, daß auch die Assyriologie ihn zu wichtigen Vergleichen assyrischer Texte mit dem biblischtalmudischen Schrifttum veranlaßte. Von den auf diesem Gebiete verfaßten Studien ist die ebenfalls 1906 erschienene Abhandlung „Salomos Thron und Hippodrom, Abbilder des babylonischen H i m m e l s b i l d e s" zu erwähnen. Hier zeigt er, wie der babylonische Astralglaube sich auch im nachbiblischen Schrifttum der Juden abspiegelt, der Thron Salomos soll das babylonische Himmelsbild, der Hippodrom den Jahresmythus symbolisieren. Das Lebenswerk eines Gelehrten von bewunderungsvoller Vielseitigkeit und erstaunlicher Ausdauer liegt nun vor uns. Aber zu wahrer Größe gehört auch Adel der Gesinnung, Würde der Persönlichkeit. Und von Wünsche können wir sagen, daß er stets durch charaktervolles Verhalten sich auszeichnete. Wahrheitsdrang und Ueberzeugungstreue leiteten ihn bei all seinem Tun. Darum trat er, der große Kenner der jüdischen Literatur, auf das entschiedenste gegen das Ritualmordmärchen auf, das finsterer Glaubenshaß immer noch als giftige Saat zur Vernichtung des Judentums ausstreut. Und sein gerichtliches Gutachten in dem Meineidsprozeß Rohling-Bloch gilt als glänzendes Zeugnis seines Mannesmutes wie der Reinheit der jüdischen Religion. Der bedeutende Mann verdient mit Recht ein Denkmal in unserer Mitte, und wir freuen uns, daß die israelitische Religionsgemeinde in Dresden in Anerkennung seiner großen Verdienste die von ihm benutzte Büchersammlung übernommen hat, um sie als eine gesonderte Bibliothek, die seinen Namen trägt, demnächst der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen. Lur Lage Lrr Juden in Sutzlsnd. Von C. N i w e l. I. s ist durchaus keine Uebertreibung, wenn gesagt wird, daß die Lage der Juden in Rußland gegenwärtig sowohl absolut als relativ schlimmer ist als vor der Revolution. Die revolutionäre Bewegung der Jahre 1905/06 ist trotz des Fiaskos, welches sie schließlich erlitten hat, doch immerhin nicht ganz spurlos verschwunden. Das bureaukratische Regime in Rußland ist, solange die Duma existiert, doch nicht so allmächtig, wie es vor dem russisch-japanischen Kriege und der Revolution war, und es sind schon immerhin einige Ansätze zur Verwirklichung des Parlamentarismus gemacht. Trotz den Beschränkungen, denen sie unterworfen ist, ist die Presse doch wesentlich freier als vor der Revolution. Die verschiedenen christlichen Konfessionen und Sekten erfreuen sich jetzt, dank dem sogenannten Manifest über die Glaubensfreiheit vom April 1905, doch viel größerer Rechte als früher. Auch wurde der Versuch einer Agrarreform durchgeführt, wenn auch die dabei ergriffenen Maßnahmen zur Hebung des j Bauernstandes als ungenügend bezeichnet werden müssen.! Manche Nationalitäten, selbst die Polen, verlangten gewisse! Konzessionen auf dem Gebiete nationaler Forderungen. Man kann also sagen, daß im allgemeinen verschiedene soziale, religiöse und nationale Elemente der Bevölkerung des russischen Reiches sich doch jetzt in einer besseren Lage befinden als vor 1905. Die einzige Ausnahme, von Finnland vielleicht abgesehen, bilden die Juden. Nicht nur hat ihnen die Revolution keine Erleichterung ihrer Lage gebracht, sondern seither verschlimmert sich dieselbe konsequent und systenmtisch immer mehr. Die zahllosen Ausnahmegesetze, denen die Juden unterworfen sind, werden jetzt mit einer Brutalität angewendet, die sogar unter Plehwe, welcher die Juden ja auch nicht mit Glacehandschuhen anfaßte, unbekannt war. Alle Ressorts der Regierung, welche nur irgendwie mit den Juden zu tun haben, führen gegen sie einen förmlichen Kreuzzug, und soweit sich tue, Reichsduma bisher mit der Jirdenfrage zu beschäftigen hatte, was schon einigemal bei Beratung verschiedener Gesetzentwürfe der Fall war, hat sie die Rechte der Juden nicht nur nicht erweitert, sondern im Gegenteil oft eingeschränkt.