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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-13 · Heft 7 (13.2.1914) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 7 (13.2.1914)
Date
1914-02-13
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 Orok. 0. Dr. Ausult Wünlchr. Von Rabb. Dr. Leopold Stein in Dresden. ^f^^er sich mit der heiligen Lehre beschäftigt, ist, auch wenn er nicht zu Israel gehört, dem Hohenpriester gleich zu achten." Dieser Ausspruch Rabbi Meirs (Sanh. 59a) entspricht der großen Wertschätzung, die man im Judentum stets der Wissenschaft entgegenbrachte, besonders dem Wissensgebiete, das die religiösen Wahrheiten und sittlichen Erkenntnisse behandelt. Wenn es aber für den als Inden Geborenen gleichsam zur Pflicht wurde, sich möglichst viel Kenntnisse in der Gotteslehre anzueignen, verdient der Andersgläubige, der unter großen Mühen und Opfern zu edlem Zwecke in unser Schrifttum einzudriugen sich bemüht, besondere Anerkennung, um so mehr, wenn er durch seine emsige Arbeit bedeutende Erfolge erzielt und andere in ihren Studien gefördert hat. Darum betrauern wir den vor kurzem erfolgten Heimgang des Professors D r. A u g u st W ü n s ch e in Dresden, der durch jahrzehntelange ununterbrochene Forschungstätigkeit einer der bedeutendsten Kenner der altjüdischen Literatur geworden ist. Sein Lebensgang sei kurz skizziert: Im Jahre 1838 ist Wünsche in Hainwalde bei Zittau geboren, er besuchte das Kreuzgymnasium in Dresden und studierte in Leipzig, wo er sich neben der Theologie auch der klassischen Philologie, der Philosophie und den orientalischen Sprachen widmete. Im Jahre 1869 wurde er als Oberlehrer an die städtische höhere Töchterschule in Dresden berufen und blieb hier bis zu seiner Pensionierung in dem Jahre 1905. Von feinen Lehrern Franz Delitzsch und Julius Fürst war Wünsche in Leipzig zur Erforschung des jüdischen Schrifttums angeregt worden, und wir verdanken seinem Fleiße eine ganze Reihe bedeutsamer Werke. Eine große Meisterschaft errang Wünsche als U eberst tz e r altjüdischer Texte. Die Haggada hatte es ihm besonders angetan. In ihren herrlichen Gärten weilte er mit Vorliebe, und es drängte ihn, die wunderbare Poesie der talmudischen Zeit wie auch die Midraschim aus der folgenden Epoche der Mitwelt zugänglich zu machen. Diese eigenartigen Schöpfungen der Volksphantasic sollten nicht mehr von der Mehrheit der Gebildeten vernachlässigt werden, sondern, nach ihrem vollen Werte in die Weltliteratur eingesügt, in ihrer ganzen Schönheit und sittlichen Kraft erkannt werden. Im Jahre 1880 erschien zuerst „Der j e r u s a l e m i s ch e T a l m u d in seinen haggadischen Bestandteilen zum erstenmal ins Deutsche übertragen", es folgte 1881/85 die Uebersetzung des „M i d r a s ch R a b b a" in mehreren Bünden, dann, neben Uebertragungen geringeren Umfangs, 1886/89 Prof. A. wünsche. „Der babylonische Talmud in seinen haggadischen Bestandteilen". Die letzten Jahre brachten uns die 1907/10 erschienenen fünf Bände „Aus Israels Lehrchallen", Uebertragungen interessanter Legenden aus Jellineks „Beth Ha-Midrasch", in denen die Stimmungen der Volksseele treffend zum Ausdruck kommen. Zur Erläuterung werden hier auch Vergleiche aus der mohammedanischen und keilschriftlichen Literatur gegeben. Wünsches Uebersetzungen können im allgemeinen als bewllndernswerte Leistungen angesehen werden. Die Tätigkeit des Uebersetzens bringt ja manche Schwierigkeiten mit sich. Ist die Uebertragung wörtlich, so ergeben sich oft Härten und Unebenheiten; ist sie frei, so wird es mehr eine Umschreibung. Wünsche hatte sich nun so sehr in diese Tätigkeit eingcarbeitet, daß es ihm leicht wurde, bei möglichst getreuer Wiedergabe des Originals der deutschen Sprache keinen Zwang anzntun. Und wo seine Kraft nicht ausreichte, scheute er sich nicht, die Hilfe von Fachmännern in Anspruch zu nehmen, damit die wissenschaftliche Wahrheit möglichst zutage gefördert werde. In seinen Werken finden wir darum vielfach Bemerkungen und Ergänzungen jüdischer Gelehrter beigedruckt. Das Streben nach wissenschaftlicher Genauigkeit war es auch, das ihn veranlaßte, mit dem Dresdener Rabbiner Professor Dr. Winter in Verbindung zu treten, als er von einer Verlagshandlung zur Abfassung eines Kompendiums über „Die jüdische Literatur seit Abschluß des Kanons" veranlaßt wurde. Es kam hier nicht daraus an, die Resultate neuer Forschungen mitzuteilen, sondernZmEinklang mit dein derzeitigen Stand der Wissenschaft, ein zusammenfassendes Bild der nachbiblischen Literatur vorzuführen. Der Hauptzweck des Unternehmens war jedoch nicht, wie bei sonstigen Literaturgeschichten, über die verschiedenen Stoffe zu sprechen, sondern möglichst bezeichnende Stücke aus der Literatur als Proben darzubieten und nur einleitend die nötigen Erläuterungen zu geben. Zur Bearbeitung des dreibändigen Werkes, das im Jahre 1897 abgeschlossen wurde, haben die Herausgeber eine Reihe namhafter . Gelehrter für die Behandlung der einzelnen Wissensgebiete herangezogen, während sie selbst im ersten Bande die jüdischhellenistische Literatur, die aramäischen Bibelübersetzungen (Targumim) und das talmudisch-midraschische Schrifttum zur Darstellung brachten. Natürlich ist hier neben der Haggada auch den halachischen (gesetzlichen) Bestandteilen Rechnung getragen worden. So erweist sich diese Anthologie für jeden, der die Quellen nicht selbst benutzen kann, als ein recht wirksames Mittel, die eigenartige und vielseitige jüdische Literatur kennen zu lernen.

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