Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
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77 erstreckenden Orientreise zurückkam, hatte ich mit einem Führer der Zionistßn über die Ergebnisse meiner Wahrnehmungen eine eingehende Unterredung. Es war noch vor Ausbruch des italienischen Krieges, der indessen mein auf Grund sorgfältiger Beobachtungen gewonnenes Urteil nicht zu erschüttern, sondern nur zu bekräftigen vermocht hat. Meine Ausführungen waren kurz folgende: Im Reiche des Halbmonds kriselt es an allen Ecken und Enden. Gewiß wünschen wir eine starke und mächtige Türkei, da dies im ureigensten Interesse der Juden liegt; wir müssen jedoch auch mit der umgekehrten Möglichkeit rechnen und auf alle Fälle vorbereitet sein. Aber so oder so, stets wird die Nationalitätenfrage in der Türkei im Vordergründe des Interesses stehen und bei allen Entscheidungen eine ausschlaggebende Rolle spielen. Für uns sollte daher in der Türkei zunächst nur die einzige Aufgabe existieren, das jüdische Element dort mit allen Mitteln quantitativ und qualitativ zu heben. Man sorge mit Kräften dafür, daß das jüdische Kontingent beständig zunehme und sich möglichst vermehre; man gebe sich alle erdenkliche Mühe, die Juden auf eine wirtschaftlich höhere Stufe zu bringen und suche sie auch intellektuell und moralisch in modernem Sinne zu beeinflussen. Aus diese Weise werden unsere Glaubensgenossen in eine andere soziale Stellung gelangen und werden dadurch politisch ganz andere Rechte genießen und im Staatsleben eine ganz andere Rolle spielen. Nicht etwa, daß sie erst darum kämpsen müßten; dazu würden sie vielmehr ganz von selbst kommen. Denn im Nationalitätenstaate stehen eben Nationalitätsfrage und öffentliches Recht in engster Beziehung zueinander, und meist gewinnt ein Volksteil schon allein an politischem Einfluß infolge seines nationalen Wachstums. Sollten indessen die Dinge in der Türkei, unerwünschtermaßen, eine andere Wendung nehmen, dann wäre in diesem Falle nicht weniger eine numerisch starke und sozial gehobene jüdische Masse zu wünschen, zumal ihr bei einer Aufwerfung der Araberfrage unter Umständen eine schwer ins Gewicht fallende Aufgabe zuerteilt werden könnte. Ist nach dieser Richtung etwas Durchgreifendes geschehen? Nichts derartiges ist mir bisher bekannt geworden. Als eine erste Abschlagszahlung ließe sich also hier die Wirkung des Technikums gar nicht übel in Rechnung setzen. Nun wird allerdings von zionistischer Seite gegen die Leitung der erwähnten Anstalten der Vorwurf erhoben, daß ihre Tätigkeit nicht genügend von jüdischem Geiste getragen werde. Der Begriff „Jüdisch" ist ja außerordentlich vielsagend und schließt ebenso die religiösen, wie die nationalen, wie die kulturellen Momente in sich ein. Daß die Pflege des traditionellen Judentums im Lehrprogramm der Hilfsvereinsschulen einen überaus breiten — für manche „Moderne" sogar einen viel zu breiten — Raum einnimmt, ist hinlänglich bekannt. Wie sehr ferner gerade der Volkstumscharakter in den Erziehungsanstalten des Hilssvereins zur Geltung kommt, ergibt sich aus dem Umstand, daß da der Unterrichtsplan ganz den Lokalbedürsnissen angepaßt ist und auf jede besondere Eigenart nach Möglichkeit Rücksicht nimmt. Bleibt also tatsächlich die Frage der Sprache — allein wer wollte nach dem, was wir ausgeführt haben, noch im Ernste behaupten, der Hllssverein sei je gegen das Hebräische gewesen? Er war nicht für eine a-tout-xrix-Einführung des Hebräischen als wissenschaftliche Unterrichtssprache, wie er überhaupt stets gegen jede Festlegung und jedes Sichbinden war, und die Dinge, soweit es ging, mehr vom kasuistischen als vom prinzipiellen Standpunkt zu behandeln suchte. Oder, um mich anders auszudrücken: er war nicht gegen das Hebräische, aber er glaubte auch nicht dafür sein zu können; er war gegen das Hebräische nicht aus prinzipiellen, sondern aus kasuistischen Gründen — ebenso wie er umgekehrt sich für die deutsche Sprache entschied aus einer rein kasuistischen Erwägung, keineswegs etwa infolge einer, prinzipiellen Stellungnahme zur Sache. Jur Grunde also hat der Hilfsverein, oder in unserem Falle eigentlich der Verwaltungsrat der technischen Anstalten, sich, wenn ich so sagen soll, nur negativ festgelegt, indem er sich nach keiner Seite binden wollte. In positiver Hinsicht überließ man die Entscheidung der Dinge ganz der Zukunft, wie es sich eben in der Folge als notwendig Herausstellen würde. „Eine offizielle Unterrichtssprache, die für alle Fächer der Institute bleibend obligatorisch ist, wird nicht eingeführt", heißt es ausdrücklich im ersten Punkte der von Dr. Nathan vorgeschlagenen Resolution. Also: eine Sprache, derbleibende Geltung für den Unterricht zukonimen sollte, wurde nicht proklamiert. Das ist meines Erachtens der entscheidende Punkt in der vom Kuratorium des Technikums angenommenen Resolution; entscheidend schon vor allem deswegen, weil sich hier, wie wir später sehen werden, die Wege nicht zu kre'uzen brauchten, sondern sehr wohl sich zusammenfinden könnten. Denn auch das Deutsche sollte ja, was man freilich fast immer zu übersehen scheint, als die durchgehende Unterrichtssprache nicht bleibenden Charakter tragen, sondern nur provisorisch benutzt werden, solange eine Neuordnung der Dinge sich nicht ohne Gefahr durchführen ließe. Bis dahin sollte, das Hebräische, gemäß der Entwicklung und der Bedeutung der Sprache in Palästina und im Hinblick auf den jüdischen Charakter der Schulen, an den technischen Anstalten die eingehendste Pflege erhalten; es sollte im Lehrplan eine so weitreichende Berücksichtigung finden, daß die Schüler befähigt werden, die hebräische Literatur im Urtexte zu studieren und sich des Hebräischen als Uingangssprache zu bedienen. Hier hätten die Kulturzivnisten ihre ganze Kraft, ihre ganze Energie, ihr ganzes organisatorisches und Produktives Vermögeneinsetzen sollen; hier hätten sie den Acker pflügen, das Feld bestellen, hier den „Baum der Erkenntnis" Pflanzen sollen, aus daß er köstliche Früchte trage. Natura non facit saltus. Langsam nur und ganz mählich ist der Entwicklungsgang der Tinge, während alles Gewaltsame und Sprunghafte sich früher oder später im Leben rächt. Pfleget die hebräische Sprache, kultivieret ihren Geist, lasset diesen immer tiefer in die Massen des Volkes dringen. Und dann suchet das Erziehungswerk und alle Bildungszwecken dienende Anstalten von innen heraus zu reformieren, nach den neugeschafsenen Verhältnissen umzugestalten und in organischer Fortentwicklung mit dem Geiste des wiedererwachten Nationallebens völlig ausznfüllen. Wie kläglich müßte es doch um den ganzen Hebraismus bestellt sein, wenn es ihm am Ende gar an der Kraft gebrechen sollte, seinen Einfluß in diesem Sinne zur Geltung zu bringen. Haben wir aber einmal ein entwickeltes Volkstum, echte und wahre National- und Kulturgüter in Palästina, dann wird dieses Besitztum uns von keinem Feinde der Welt mehr genommen oder selbst nur verkümmert werde»! können. Denn die wirksamste aller Revolutionen ist und bleibt allein die Evolution. Indem nun die Zionisten diesen Weg nicht beschritten haben, sind sie aus die schiefe Bahn geraten, die unvermeidlich zur Niederlage führte. Esmußger ade herausgesagt werden, daß der Zionisrnus eine Schlacht verloren hat. Denn selb st wenn er siegen sollte, würde das ja nur ein Pyrrhussieg sein, ein Pyrrhussieg in den Augen aller derjenigen, die das Judentum über die Parteien und die Sache über die Personen stellen. Welchen Ausgang auch immer der Kampf noch nehrnen mag, stets werden die jüdischen Bestrebungen im Orient darunter zu leiden haben und damit dann natürlich die Bemühungen des Zionismus, zumal dieser für sich die Verfechtung der Interessen der Gesamtjudenheit in Anspruch nimmt. (Ein Schlutzartikel folgt.)