Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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76 Berkehr mit dem Oberhofprediger Dr. Dittenberger, dem Kaiserlich Nussischen Probst Sabinin und dem katholischen Pfarrer Hohmann. » In der Monatsschrift „Hie English Review" wird ein bisher unbekanntes englisches Notizbuch Voltaires mitgeteilt. Es enthält manche interessante Notizen; für unsere Leser dürfte folgender Ausspruch von Wert sein: „W e n n ich (5 h r i st e n auf die Juden schimpfen höre, so dünkt es mich, ich sähe Kinder ihre B ater schlagen." Der Sprschenkonkliktt in OsMina und der Wksvrrrin der Deutschen Inden. Vvn Dr. Alphons I. Subnitzki. III. wei Momente können für die Einleitung eines Kampfes bestimmend sein: prinzipielle Bedenken und Opportunitätserwägungen. Wo grundsätzliche Gegnerschaft besteht, wird der Streit in gewissem Sinne zum Selbstzweck und demgemäß auch ohne eigentliche Rücksicht auf den Ausgang geführt. Bisweilen kommt es jedoch vor, daß die Auflehnung sich gegen den eigenen Kampfgefährten richtet, mit dessen Verhalten man sich nicht mehr zufrieden geben zu können glaubt. In solchem Falle handelt es sich um eine Frage der Zweckmäßigkeit, und da vermag allein der Ausgang des Streites zu entscheiden, inwieweit das Vorgehen von Anfang an auch gerechtfertigt war. Während dort also der Widerstand sich gegen die Sache selbst richtet und infolgedessen schon mit jeder Schwächung des Gegners einen Teil seiner Aufgabe erfüllt, gilt hier die Auseinandersetzung im wesentlichen einer Frage formaler Natur, wobei es in erster Linie auf die Stärkung der eigenen Position ankommt. Nur unbestrittener Erfolg ist in diesem Falle imstande, den Beweis für die Ueberlegenheit der eigenen Auffassung zu erbringen und damit sozusagen nachträglich das eigenmächtige Vorgehen zu sanktionieren. Auch dann noch wird es heißen, genau zu prüfen, ob nicht statt wirkliche nur vermeintliche Erfolge erzielt worden sind, und ob man post kvstum nicht doch wird zu der Erkenntnis kommen müssen, daß inan im ersten Rausch der Begeisterung vielfach nur Scheingewinne für echte gebucht hat. Was will der Zionismus? Er will und erstrebt, daß in Palästina eine jüdische Kultur entsteht, und daß auf dem heiligen Boden der Väter die jüdisch-völkische Eigenart zur Entfaltung gelangt. Ta indessen Kultur und völkische Eigenart sich nur des Mittels der Muttersprache zu bedienen vermag, hat der Zionismus die Neubelebung und Pflege des Hebräischen sich zur Aufgabe gemacht. Allein nichts anderes verfolgt auch der Hilfsverein. Mag sein, daß der Hilfsverein auf halbem Wege stehen bleibt, indes die Zionisten ihn bis zu Ende zu gehen entschlossen sind. Aber es ist doch immer die gleiche Richtung, in der sie sich bewegen. Mag sein, daß der Hilfsverein sich über die ganze Tragweite des Prozesses nicht genügend Rechenschaft ablegt, während die Zionisten das Problem in seiner Tiefe restlos ausgeschöpft haben. Aber es bleibt doch immer dieselbe Gesinnung, die sie beide leitet. Mag sein, daß der Hilfsverein in seiner Tätigkeit sich vorwiegend auf das Nächstliegende und unmittelbar Gegebene beschränkt, die Zionisten hingegen unentwegt 'ihr Augenmerk auf das Endziel gerichtet halten. Aber selbst das höchste, selbst das schönste Ziel läßt sich — soll es sich nicht zur Fata Morgan» wandeln — nur erreichen, wenn der Weg stufen- und etappenweise, über das Nächste und Unmittelbarste, zu ihm emporführt. Auch Moses war es, und mit ihm dem ganzen auS Aegypten stammenden Geschlechte, verwehrt, in das gelobte Land einzuziehen, weil er vorerst das jüdische Volk vierzig Jahre durch die Wüste leiten mußte ... , Schließlich sollte man doch in den inaßgebenden Kreisen stets der Tatsache eingedenk bleiben, daß der Kulturzionismus ans eine werbende Tätigkeit nach außen niemals ganz zu verzichten in der Lage sein wird. Träumen wir eine Weile den schönen Traum und denken wir uns für einen Augenblick den günstigsten Fall aus. Dank besonderer Umstände ist es den Juden endlich gelungen, im Lande der Väter eine große nnd starke Gemeinschaft zu schaffen und Hand in Hand damit eine eigene Volkssprache, eine blühende hebräische Literatur und eine das ganze Leben umspannende, scharf ausgeprägte nationale Kultur hervorzubringen: ein wahrhaft jüdisches Zentrum, das mit Inbrunst ersehnte Altneuland. Aber Palästina als Sammelpunkt jüdischen Lebens behielte letzten Endes vorzüglich qualitativen Wert, da es für eine irgendwie in Betracht kommende Majorität der Judenheit als Sammelbecken auf keinen Fall dienen könnte. So ergäbe sich daraus mit Notwendigkeit die Forderung zur Befolgung einer Politik der Diaspora. Wie von einem Brennpunkt müßte aus dem heiligen Lande der Geist der jüdischen Kultur nach allen Himmelsrichtungen allsstrahlen, sich über die weithin in der Zerstreuung lebende Judenheit befruchtend ergießen, ihre nationalen Gefühle entflammen lind beleben und ihr Gefühl der Zugehörigkeit zum Stammlande in immer reicherem Maße zlir Entfaltung bringen. Und nun dachte ich mir schon jetzt den Hergang so. Indem der Hilfsverein durch die Schaffung des Lehrerseminars in Jerusalem die Möglichkeit zur Heranbildung jüdischer Erzieher der Jugend geboten hatte, wies er zugleich dem Versuche, einen Hauch reinen Geistes aus Palästina auf die Außenwelt zu übertragen, die Wege. Von Zion sollte die Lehre hervorgehen. In der Tat sehen wir auch, wie das Jerusalemer Seminar immer mehr an Einfluß lind Bedeutung gewinnt, immer mehr an Ansehen und Popularität zunimmt und in immer höherem Grade sich zu einem entscheidendeil Faktor im geistigen Leben der orientalischen Juden entwickelt.. Viele der Lehrer haben denn auch bereits, weit über das palästinensische Gebiet hinaus, in der asiatischen wie in der cliropäischen Türkei sowie in den einzelnen Balkanländern eine Anstellung und angemessene Wirkungsstätte gefunden. Dabei ist die Nachfrage nach Absolventen des Lehrerseminars beständig im Wachsen begriffen. Zunächst natürlich für die Schulen des Hilfsvereins selbst, der auf den Ausbau seines Erziehnngswerkes dauernd mit Eifer bedacht ist. Tann auch vielfach für Anstalten, welche Gemeinden gegründet oder zu gründen mitgeholfen haben. Ja sogar in den Allianceschulen ist ihre Verwendung für den hebräischen Unterricht wiederholt begehrt worden. Und wer weiß? Vielleicht kommt es wirklich mit der Zeit noch dazu, daß die Alliance ihren starken Bedarf an Lehrkräften, zum Teil wenigstens, ans Absolventen des Jerusalemer Seminars zu decken bereit sein wird. Damit befänden wir uns auf dem besten Wege, der am Ende gar zu einem gewissen Zusammenarbeiten der beiden auf dem Gebiete der Erziehungstätigkeit größten jüdischen Organisationen führen könnte. Nicht minder bedeutungsvoll wäre aber auch die Wirksamkeit des Technikums, das in kürzester Frist ganz wesentlich dazu beigetragen hätte, in der Türkei eine Schicht von Juden in gesicherter, teilweise sogar gehobener sozialer Lebensstellung zu schaffen. Das wäre gewiß schon an sich sehr schön, aber ich hebe dies mit besonderem Nachdruck hier noch deswegen hervor, weil dadurch zugleich auch Vorteile für die Gesamtjudenheit des türkischen Reiches erwachsen könnten. Als ich vor zweiundeinhalb Jahren von meiner auf viele Monate sich