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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-13 · Heft 7 (13.2.1914) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 7 (13.2.1914)
Date
1914-02-13
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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75 Tradition auf Kosten dieser Entwicklung als gemeinschädlich brandmarkte Unter diesem Gesichtspunkt gibt es im Heiligen Lande allerdings nod) sehr viel zu tun. Jerusalem ist mit der Welt des Verkehrs nur durch die kurze schmalspurige Bahn nach der Küstenstadt Jaffa (87 Kilometer, 1892 den: Betrieb übergeben) verbunden. Eine Zweiglinie der Linie Haifa- Derat, die bei Derat die Hedsck)as-Bahn erreicht, soll in naher Zukunft von der Station Afnleh aus nach Jerusalem geführt werden. Damit finb die Verkehrsbedürfnisse der Hauptstadt Palästinas noch) lauge nicht gedeckt: das wichtigste Erfordernis ist eine Bahn von Jerusalem nach dem Toten Meere, in dessen Gebiet sich reichie Lager von Phosphat und anderen Mineralien sowie ergiebige Petroleumqnellen befinden. Die elektrische Bahn Jerusalem-Bethlehem ist augenscheinlich in erster Linie für den Touristenverkehr bestimmt, der dort mit jedem Jahre znnimmt, seitdem die Palästinafahrten durch den Besuch des Deutschen Kaisers in Mode gekommen sind. Daneben wird die Linie wohl auch der kunstgeloerblichen Industrie Bethlehems, die ihre Wurzeln eben in diesem regen Fremdenverkehr hat, zugute kommen. * Die jüdischen Blätter veröffentlichten in der vorigen Woche! folgende Notiz, die ich im Einvernehmen mit den mastgeben- : den Persönlichkeiten zurückhalten zu sollen glaubte. Ich gebe! sie nun auch meinen Lesern: Herr Dr. James Simon und j Dr. Paul Nathan sind aus dem Kuratorium des jüdischen Technikums in Haifa ausgetreten. Aus telegraphische Anordnung des Geschäftssührenden Ausschusses aus Berlin wurden -die Arbeiten am jüdischen Technikum in Haifa eingestellt. Bisher sind bereits 65. jüdische Arbeiter entlassen worden. * Der „Breslauer Zeitung" entnehmen wir folgendes: „Jüdisches im christlichen Leben" war das Thema des Vortrages, den, wie bereits mitgeteilt, Universitätsprofessor Dr. .D. H v enni ck e in der letzten Sitzung der S ch l e s i s d) e n Gesells ch a f t für Volkskunde hielt. Griechenland, Rom und Judäa haben, so führte der Vortragende aus, bis auf unsere Zeit hin gestaltend fortgewirkt.- Griechenland in wissenschaftlich-künstlerischem Sinne, Rom auf dem Gebiete des Red)ts und der gesellschaftlichen Organisation, Judäa ans dem der Religion. Denr Judentum verdankt die Welt viel durch seinen Gottesgtauben und das proklamierte Sittengesetz, die die Menschheit ans eine höhere geistige Stufe gehoben. Das Judentum hat dem Christentum den Weg gebahnt: ja das letztere ist selbst ein Stück Judentum. Wenn and) Jesus die jüdischen Schranken sprengte und Paulus das Christentum loslöste, so blieb dod) lange das Christentum jüdisch gefärbt. In der kalt) o l i s d) c n Kirche, in Kultus und Sitte ist die Nachwirkung des jüdischen Elements e r k e n n b a r. Redner wies dies im einzelnen nach. Was die gottesdienstlichen Gebäude anbetrifft, so ist die Bauform der christlichen Basilika kaum von der Shnagogenbansorm beeinflusst worden, wie behauptet worden ist, aber die Einteilung der Kirche in Vorhalle, Sd)ifs, Sanktuarium entspridst der jüdischen Stistshütte, wie and) das Wasserbecken der katholischen Kirck)e eine Nachbildung des Wasserbeckens im salomonischen Tempel ist. Das Tabernakel ist vielleicht eine Nachbildung der Thorarolle; die Wachskerzen bienten ursprünglich, wie in der Synagoge, dem Vvrbeter. Aus der Synagoge stammen and) die wesentlichsten Formen des Gottesdienstes: Schriftverlesung, Predigt und Gebet. Die katholische Messe trägt in allen ihren Teilen, wie der Vortragende nachwies, jüdischen Charakter. And) der christliche Friedenstuß, der später durck) Küsse auf den Altar, die Heiligtümer, die Hand des Priesters ersetzt wurde, ist von dm ersten Christen ans dem jüdischen Kultus übernommen worden. Die Gewandung der Priester, die eine große Entwickelung durchgemacht hat, hat man neuerdings auf antiken Yeidnisck)en Ursprung zurückführen wollen, aber als ihr Vorbild ist wahrscheinlick)er die alttestamentliche, jüdisck)e Priestertrack)t au(znsehen. Meßopfer und Abendmahlsfeier, die Höhepunkte des christlichen Gottesdienstes, haben zunächst nichts mit der Passahfeier zu tun, beruhen vielmehr auf der Uebernahme alter jüdischer Brudermahle: später aber hat die Passahfeier auf die Ausgestaltung der Abendmahlstetev emgewirkt. Jüdische Rudimente finden sick) in den Gebeten des Breviers, und durchaus jüdisch sind die Forderungen der katholischen B e i ck) t e. Die Sonntagsfeier ist nick)t eine Fortsetzung der Sabbatfeier, sie hat eine selbständige Wurzel; aber die Christen Übernahmen doch von den Inden die siebentägige Woche und die Bezeichnung der Tage. Alan feierte and) den Sonntag von Abend zu Abend und erst seit Papst Alexander HI. von Mitternacht zn Mitternack)t. And) das d)ristlick)e Kirchenjahr läßt die Einwirkung des Judentums erkennen; es fällt, wie das jüdische, nicht mit dem bürgerlichen znsammeu und begann früher nick)t, wie heute, mit dem Advent, sondern mit der Vvrbereitnngszeit auf Ostern. Redner.ging auf die Beziehungen der großen christlichen Feste (Ostern, Pfingsten, Weihnachten) zu den jüdisck)en näher ein, wies darauf hin, daß das Lichtmehfest sick)er jüdischen Ursprungs sei, und auch die Buß- und Festtage auf jüdisck)e zurückgehen. Alttestamentliche Namen, wie Josua, Samuel, Susanne, Gabriel, Michael, Elisabeth, waren bei Christen wie Inden üblich, und die mittelalterliche Sitte der Namensänderung, insbesondere bei Bischöfen und Päpsten, durch die man innere Wesensänderung zn erzielen glaubte, ist jüdisch). Beschineidung und Taufe sind in Parallele zn stellen, die Bräuche bei der letzteren wie bei der Firmung finb den jüdischen nachgebildet. Auch die Sitte der Fußwaschung, die Zeremonien und Symbole bei der Eheschließung, versckstedene Einrickstungen der Wohltätigkeit, wie der dein jüdischen Schatzkasten entsprechende Almosenkasten, sind Zeugnisse des jüdischen Einflusses; desgleichen die auch im Christentum zeitweilig erlassenen Speisegesetze. Das S ü n d e n b e k e n n t n i s vor dem Tode ist jüdische Sitte. Die Klageweiber spielten auch bei der d)ristlichen Trauer eine Rolle; in den Bestattnngsfonnen schlossen fick) die Christen in der ältesten Zeit völlig den Juden an. Redner ging dann ans die altchristliche Kunst ein, auf die Abbildungen in den Katakomben, das Symbol des Fisches, mit dem Christus identifiziert wurde, die Amulette, die als Zauber- und Schutzmittel gebrauchten Dinge, Glocken, Ringe nsw. mit jüdischen Jnsd)riften, und bemerkte, daß auch die christlick)e Buchmalerei auf jüdische Vorbilder zurückgehe. Zum Schluß behandelte der Vortragende den Einfluß des T a l rn u d s auf die ch r i st l i ch e L egende und die Ausgestaltung des mittelalterlichen Dämonen- und Teuselsglaubens. * In den „Hamburger Nachrichten" steht folgende interessante Notiz, die wir als Ergänzung ähnlicher Berichte hier folgen lassen: „Dich aber segne der Gott deiner Vater. . ." Aus W e r m a r wird uns unterm 28. Januar gesck)rieben: Am heutigen Tage waren h nn d e r t Jahre verflossen, daß in der Stadttirche „Peter und Paul" zu Weimar die Einsegnung und Eidesleistung der „W e i m a r i s ch e n Schar der F r e i w i l l i g e n" stattfand, die andern Tags ihrem Herzog Karl August, der 1813 nock) an Napoleon gebunden war, ins Feld folgen sollten. Bei dieser erhebenden kirchlichen Feier ereignete sich eine Episode, die in unserer von konfessionellen Kämpfen zerrissenen Zeit verdient, der Vergessenheit entrissen zu werden. Unter den jungen Kriegern befand sich, wie Kuhn u. a. in seinen „Erinnerungen" berichtet, auch der Sohn des „Hofjuden" E l k a n. Der junge A l e x a n d e r E l k a n wollte sich trotz des Widerstandes seiner hochbetagten Mutter der freiwilligen Schar anschließen mtfj zog denn mit den übrigen Gefährten zum Abschiedsgottesdienst in die Kirche. Ernster Orgelklang geleitete die Jünglinge zum Altarraume, vor dem Altar aber stand der würdige Oberkonsistorialrat Dr. Johann Znnkel, ein von Toleranz und Friedfertigkeit erfüllter Geistlicher. Als die Rede zn Ende und der Gemeindegesang verklungen war, forderte er die Freiwilligen auf, das Sakrament zu empfangen. Langsam und tief bewegt nahten diese dem Altar, unter ihnen auch der Jude Elkan. Schon wollte ihm der Geistliche die Hostie reick)en, als er den Andersgläubigen erkannte und auch in den nahestehenden jungen Kriegern die Erkenntnis der schwierigen Lage erwachte, in der sich der Geistliche wie der Jude befand. Aber nur einen Augenblick dauerte die Spannung; der Geistliche war Herr der Situation. Würdig zog Dr. Znnkel die Hostie zurück, feierlich erhob er die Rechte über des Juden Haupt und weihevoll erklangen seine Worte: „Dich aber segne der Gott deiner Väter Abraham, Isaak und Jakob!" Dann trat Elkan mit den Freiwilligen, die das heilige Mahl empfangen, vom Altar zurück. — Elkan ist aus dem Feldzug glücklich heimgekehrt und in Weimar ein geachteter Kaufmann (Bankier) geworden. Noch als Greis Pflog er einen freundschaftlichen

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