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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-13 · Heft 7 (13.2.1914) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 7 (13.2.1914)
Date
1914-02-13
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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74 selbst übernehmen und diese Arbeit nicht den Vereinen überlassen. Es genügt nicht, daß man einem jüdischen Verein angehört und sich an den Vereinsabenden als Jude betätigt, im Leben draußen muß es die ganze Lebensanschauung verraten, daß man Jude ist. Wahrer Idealismus will sich über das ganze Leben erstrecken und nicht auf eine bestimmte Richtung hin eingeschränkt werden. Was hat uns denn bis auf den heutigen Tag erhalten? Das jüdische Haus! Mit welch heiligem Stolz geleitete ehedem der Vater seinen Sohn am Barmizwahtage nach der Synagoge im frohen Bewußtsein, aus seinem Hause dem Judentum eine neue Stütze, einen neuen Beschützer zuzuführen! Heute wird dieser Tag nicht anders empfunden wie ein besonderer Geburtstag, etwa wie der siebzigjährige. Es ließe sich dieses und manches andere an vielen Beispielen beweisen. Sie alle aber zwingen uns zu der Einsicht, daß die jüdische Familie nur dann wieder zu neuem Leben gebracht werden kann, wenn in ihr die Religion eine dominierende Stellung eiiuümmt. Ein jüdisches Haus ohne Religion unterscheidet sich durch nichts von einem christlichen und sieht diesem frappant ähnlich, so feiner Kunstsinn in ihm herrscht und schönen Madonnenbildern Platz eingeräumt wird. So entsteht auch ein unüberbrückbarer Kontrast zwischen Schule und Haus, indem ein Kind im Unterricht Dinge hört, von denen man zu Hause nicht weiß oder richtiger so tut, als wüßte man nichts davon. Man unterschätze nicht die Größe der Gefahr, die dem Judentum droht, wenn seine Häuser die Religion hinauswandern lassen. Das lebendige Beispiel, das man zu Hause täglich sieht, kann allein auf uns wirken, nicht aber ein Buch oder ein Vortrag. Es muß gewiß jedem überlassen bleiben, das von der jüdischen Religion zu behalten und zu feiern, was ihm besonders naheliegt; entscheidet doch nicht die Meiuze der Gebräuche über den Wert der Religion, sondern immer der Grad der Innigkeit, mit dem das geübt wird, was uns Religion ist. Gewisse Tage aber, wie die Feste und Freitagabende müssen in allen Häusern die Familien um sich sammeln. Auch sonst wird man dem Aufenthalt in der Familie den Vorzug geben gegenüber dem Besuch von Lokalen usw.; denn nur so allein lvird der uns eigene Familiensinn vor dem Untergang gerettet. Ein alter Grundsatz lautet: „Die Familie ist die Grundlage des Staates." Er hätte für keine Gemeinschaft eine größere Bedeutung als für das Judentum. Denn dieses werden und können wir nur dann erhalten, wenn wir das alte jüdische Hans nicht aufgebe». Lie Woche. Berlin, den 10. Februar 1014. Das „Berliner Tageblatt" schreibt: eber ein Eindringen des A n t i s e m i t i s m u s i n d t e 2 eh w e r i n d u st r i e klagt ein Eingesandt im „Dortm. Tageblatt". Ein Ingenieur, mit dem das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk in Essen wegen eines Engagements in Unterhandlung stand, erhielt von dem Werke schließlich nachstehenden Brief: „Sehr geehrter Herr Rosenthal! beider muß ich Ihnen mitteilen, daß meine Direktion nicht mit einem Engagement einverstanden ist. Da es sich in einer gewissen Beziehung um eine prinzipielle Frage handelt, hat Herr Direktor Bußmann mit unserem Generaldirektor Herrn Goldenberg Rücksprache genommen. Dieser hat entschieden, daß wir von Ihrer Bewerbung keinen Gebrauch machen können. Ich bedauere diesen Entscheid, kann jedoch in dieser Angelegenheit nichts mehr machen, lieber die Gründe, ummm sich unsere Direktion in diesem Sinne entschieden hat, werde ich Ihnen bei einer gelegentlichen persönlichen Rücksprache gern Auskunft geben. Vielleicht besuchen Sie mich bei einen: gelegentlichen Hiersein Ihrerseits einmal, dann können wir uns ja über diesen Punkt aussprechen. Indem ich nochmals bedauere, daß aus Ihrer Anstellung durch uns nichts geworden ist, zeichne ich Hochachtungsvoll" Herrn Rosenthal wurde dann auf Anfrage mitgeteilt, daß das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk Juden grundsätzlich nicht anstelle. Vielleicht führt Herr Generaldirektor Goldenberg (!), um in jedem Falle judenreine Elektrizität liefern zu können, für alle Angestellten des Werkes nach dem Muster antisemitischer Korporationen das Blutbekenntnis ein. Als erster tritt Herr Goldenberg vor das versammelte Volk und schwört, daß weder in ihm noch in seiner Gattin Adern ein Tropfen nichtdeutschen Blutes rollt. Dann folgen die übrigen Angestellten. Vielleicht geht man sogar noch einen Schritt weiter und liefert nur an "solche Abnehmer Kraft und Licht, die sich zum Antisemitismus bekennen. Aber das ist wohl nicht beabsichtigt. *. Der „Vossischen Zeitung" entnehmen wir nachstehende Notiz: Tie Gesellschaft jüdischer Aerzte und Naturwissenschaftler für sanitäre Interessen in Palästina hat ihren ersten Jahresbericht herausgegeben, der einen Ueberblick über das bisherige Ergebnis der Tätigkeit der Gesellschaft gibt. Trotzdem sie erst dreiviertel Jahr besteht, hat sie schon einen Bestand öou 050 Mitgliedern. Bereits zwei Monate nach Gründung der Gesellschaft konnte mit der praktischen Arbeit begonnen werden, nachdem schon vorher durch den Philanthropen Nathan Straus in New Port in: Frühjahr 1912 ein Gesundheitsamt zur Bekämpfung der eudemischen Krankheiten, insbesondere des Sumpsfiebers, begründet worden ist. Das Gesundheitsamt nahm im August seine Tätigkeit mit der Bekämpfung der Malaria in der stark verseuchten Kolonie Chedera und mit der Feststellung der Ursachen und der Verbreitung der Malaria in Jerusalem auf, um 1913 mit der Bekämpfung der Malaria in Jerusalem, mit serologischen und bakteriologischen Arbeiten und mit der Bekämpfung der ägyptischen Augenkrankheit zu beginuen. Zurzeit sind in dem unter Leitung des Herrn Dr. Brünn stehenden Healthbureau drei Aerzte beschäftigt. Mit der „Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Malaria in Jerusalem" wurde, um einer Zersplitterung vorzubeugen, ein Vertrag abgeschlossen, nach dem die beiden Gesellschaften und das Jewish Health Office ein internationales Gesundheitsamt begründen, das vier Abteilungen enthält: 1. Eine Abteilung für Malaria, unterhalten von der deutschen Gesellschaft: Leiter Prof. Dr. Mühlens; 2. eine hygienische Abteilung, unterhalten voll Jewish Health Office; Leiter Dr. Brünn; 3. eine serologische ilnd Wutschuhabteilung, unterhalten von der Gesellschaft jüdischer Aerzte, Leiter Dr. Behau; und 4. eine bakteriologische Abteilung, unterhalten von Jewish Health Office, Leiter Dr. Goldberg. Die Malarianbteilung begründete außerdem eine arabische Fürsorgestelle in der inneren Stadt, das Jewish Health Office eine Station zur Bekämpfung der Angellkrankheiten. In der Wutschutzabteiüulg wurden in acht Monaten 126 Tollwntimpstlngen vorgenommen Mld aufklärende Vorträge über die Tollwut gehalten. A Auch von anderen Maßregeln, Jerusalem zu modernisieren, berichten die Zeitungen. So lesen wir in der „Berl. Allg. Ztg.': Ein kulturgeschichtlich hochinteressantes Projekt ist soeben voll einer srauzöstschen Gesellschaft mit der türkischen Regierung vereinbart worden. Das französische Bankhaus Pvrier hat eine auf 40 Jahre lautende Konzession erhalten zum Bail einer Trambahn von Jerusalem ilach Bethlehem, zur Installierung der elektrischen Beleuchtung in der Stadt und zur Anlage einer Wasserleitung von Wadi Forah aus. Das Gefühl, die Gewohnheit der überlieferten Anschanungell sträubt sich fast gegen die Vorstellung einer elektrischen Bahn in unmittelbarer Nähe des Hebrontales, blendender Glühlampen neben den Ampeln der Lukasherberge. Man nluß, um diesell mächtigen Wechsel zu verstehen, den Verstand allrufen, den modernen wirtschaftlichen Verstand, der die Länder und Städte auf ihre Hilfsquellen und Entwicklungsmvglichkeiten ansieht und die Pflege einer

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