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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-06 · Heft 6 (6.2.1914) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 6 (6.2.1914)
Date
1914-02-06
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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früherer Jahre gedeckt werden. Der Gesamtetat der Anstalt schließt mit 49 386,93 Mart ab. Sehr bedauerlich ist, daß die Zahl der Mitglieder von 1670 auf 1573 zurückgegangen ist und auch die einmaligen Schenkungen der Anstalt um 948,80 Mark in diesem Jahre geringer znflossen, als im Vorjahre. Grundkapital und Ernenerungsfonds (ohne Grundstück und Inventar im Rechnungswert von rund über 264 000 Mark) schließen mit 234 500 Mark ab. Die Chronik der Anstalt gedenkt der schmerzlichen Verluste einer Anzahl hochverdienter Mitarbeiter der Anstalt durch den Tod, aber allch der Freudentage des 50jährigen Amtsjubiläums als Rabbiner der Shnagogengemeinde Kolberg, des „Vaters der Anstalt", des Herrn Dr. G o l d s ch m i d t, unb der Feier des 70. Geburtstages des Herrn S a l l y B r i t l e s. Besonderen Dank spricht der Bericht nicht nur allen hochherzigen Spendern, sondern auch allen denen aus, die sich selbstlos in den Dienst der guten Sache , gestellt und das Liebeswerk gefördert haben. Dem Appell zur tatkräftigen Förderung und Unterstützung dieser sozialhygienisch so bedeutsamen segensreichen jüdischen Anstalt, die dringend weiterer Mittel bedarf, dürfen wir uns nur wärmstens anschließen. L. T. Leipzig, 30. Januar. Der Hilfsverein israelitischer Gewerbetreibender veranstaltete am Dienstagabend im Theatersaal des Kristallpalastes aus Anlaß des Geburtstages des Kaisers einen Gesellschaftsabend, dessen Ueberschuß zum Besten der Hilfskasse des Vereins Verwendung finden soll. Die Festrede hatte Rabbiner Dr. Lew in übernommen, der, ausgehend von den Festlichkeiten des Jahres 1913, darauf hinwies, daß auch die Juden an ihnen lebhaften Anteil nahmen und in der Begeisterung für die Taten des deutschen Volkes vor hundert Jahren in nichts gegenüber den Bekennern anderer Religionen zurückstandeu. Die Begriffe Judentum, Deutschtum und Vaterlandsliebe enthalten feine Gegensätze und am allerwenigsten da, wo es sich um den Ausdruck recht patriotischer Gesinnung handelt, die von den Juden schon oftmals bewiesen wurde. Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser, an das sich das Absingen der Kaiserhymne schloß, beendete der Redner seinen mit großem Beifall anfgenommenen Vortrag. Das übrige Programm des Abends bestand zunächst in einem bunten Teil, der vom Willy-W o l f-Orchester mit patriotischen Liedern eingeleitet wurde, dann zeigte sich Willy M a n n als Operettensänger mit viel Talent, Ernest S o l m a r erwies sich als eil, in allen Sätteln gerechtes Universalgenie, Adolf Holzer kopierte mit'Geschick Paul Beckers Type Fliegentütenheinrich, und Toni R a w e l l vom Kristallpalast-Varietö stellte sich ebenfalls mit bestem Gelingen in den Dienst der guten Sache. Hiernach folgte eine Wiederholung der bereits vor einigen Wochen aufgeführten Posse „Tango im Cafe" von Siegwart E h r l i ch, die der Komponist selbst am Dirigentenpult leitete, und die mit gleichem Erfolge wie bei der ersten Aufführung durchgeführt wurde. Das Fest endete mit einem Ball. Frankfurt a. M., 30. Januar. Die Frauenvereinignng der Frankfurt-Loge beging kürzlich ihr zehnjähriges Stiftungsfest. Die akademische Feier nahm einen würdigen, stimmungsvollen Verlauf. Dem Harmoniumspiel und Gesang folgte ein einleitender Vortrag von Frau Ella Selig m a n n „Wandlungen im Leben der jüdischen Frau", dem sich ein Vortrag von Frau Martha Schlesinger „Zehn Jahre Arbeit" anschloß. Die Großloge hatte in der Person des Herrn Justizrats Apfel-Köln zum erstenmal einen offiziellen Vertreter zu dem Feste einer Frauenvereinigilng entsandt, verschiedene andere auswärtige Logen waren gleichfalls durch Delegierte vertreten. Dem Festmahl nach der akademischen,Feier folgte die Aufführung eines Festspieles „Die Ueberweiber" von Erwin Seligmann, das, von Herrn Alfred Hauk vorzüglich einstudiert, großen Beifall bei beit Zuschauern auslöste. Ein gemütliches Beisammensein und Tanz beschloß die wohlgelungene Feier. Rach Ablauf von zehn Jahren kann die Frauenvereinigung der Frankfurt- Loge auf erfolgreiche Arbeit zurückblicken. Die Mitgliederzahl wächst stetig und ist jetzt auf zirka 500 gestiegen, davon sind mehr als 100 Frauen tätige Mitglieder. Die Arbeitsgebiete der Frauenvereinrguug geben ein Bild vielseitger Wirksamkeit. Das soziale Komitee widmet sich der Hauspflege in bedürftigen Familien — entweder in Verbindung mit dem Frankfurter allgemeinen Hauspslegeverein oder für sich allein in solchen Fällen, in denen die allgemeine Hallspflege statuteugemüß nicht eintreten kann. In den beiden letzten Jahren wurden gemeinsam mit dem allgemeinen Hauspflegeverein 183 Fälle behandelt, von dem sozialen Komitee allein 200 Fälle. Ein Kleiderdepot versorgt bedürftige Frauen und Kinder mit Kleidern, Wäsche, Stiefeln usw. Es sind in den letzten zwei Jahren 412 Familien aus diese Weise wirksam unterstützt worden. Die Kindersparkasseneinrichtung hat einen erfreulichen Aufschwung genommen. Die Sparkassen finden in den Kinderstuben ihr Plätzchen. Bis jetzt sind zirka 500 Kassen verteilt. Der Ertrug der Kassen ist für die Kinderwohlfahrtspflege bestimmt. Eine gemeinschaftliche Schöpfung der Franenvereinigung und der Frankfurt-Loge ist das Israelitische Mädchenheim. Zur Unterhaltung desselben hat sich jetzt ein selbständiger E. V. gebildet. Demnächst wird das Mädchenheim aus seiner provisorischen Wohnung in ein eigenes Haus übersiedeln, das zirka 50 Mädchen eine zweite Heimat bieten soll. Schon vor lnehreren Jahren hat die Frauenvereiniguug eine Jugendgrnppe ins Leben gerusen, die sich bald zu einer selbständigen Institution entwickelt hat. Voll den Mitgliedern (zirka 250 junge Mädchen) haben etwa 60 soziale Arbeit übernommen. Sie helfen in Volkskinder gärten, Krippen, Kinderlesehallen, Kinderhorten, Suppenanstalten, Milchküchen und bei Kinderausslügen. Mehrere geben unentgeltlichen Musik-, Sprachllnd Nachhilfeunterricht an arme Kinder; einige schreiben Blindenschrift. In einem regelmäßig stattfindenden Nähkursus werden Kleider und Wäschestücke für das Kleiderdepot der Franenvereinigung angefertigt. In Krankenllnd Siechenhäuseru, Irrenlind Blindenanstalten und Jugendpflegevereinen erfreuen die jtrugen Mädchen durch musikalischdeklamatorische Unterhaltullg ihre daukbaren Zuhörer. Vorträge, religionsphilosophische Kurse, Bibellesen, allgemein wissenschaftliche Kurse, eiu Zeitungskurs u. a. m. bienen zur geistigen Fortbildung der jnngell Mädchen. Die Frauenvereiniglmg ist benrüht. ihren Mitgliedern reiche geistige Anregung durch regelmäßige Vorträge auf allen die jüdische Frauenwelt interessierenden Gebieten zu geben; auch Teenachmittage mit Rezitationen und kurzen Referaten werden auf vielfachen Wunsch der Mitglieder veranstaltet. Dem jüdischen Frauenbund und dem Bund deutscher Frauenvereine ist die Frauenvereinignng angeschlvssen, -ebenso dem Verband Frankfurter Frauenvereine. Im November 1912 gelang es der Frauenvereinigllng, einen langgehegten Plan zu verwirklichen, gemeinschaftlich mit anderen Frauenlogen die Frauenvereinigungen der II. O. B. B.- Logen zu einem Verband znsammenznschließell. Durch diesen Verballd soll einmal Einheitlichkeit aller Fraueubestrebungeu innerhalb der Logen zum Allsdruck gebracht und andererseits ein ständiger Gedankenaustausch zwischen den einzelnen Organisationen vermittelt werden. Ein engeres Zusammenarbeiten von Männern und Frauen aus erzieherischem und charitativem Gebiete wird vor altem augebahnt, und Anregungen zu Neugründungen von Frauenvereinen der Logen und sozialen Neuschöpfungen im Sinne der Logen sollen gegeben werden. Der Verband hat sich als korporatives Mitglied dem Jüdischen Frauenbund angeschlossen. Kutzlsnd. Z. Warschau, 30. Januar. Nacheinander kommen trostlose Nachrichten über Ausweisungen von Judenmassen aus ben Dörfern in Russisch-Polen. Allein in den letzten Tagen wurden zehn Orte registriert, aus denen 880 jüdische Familien ausgewiesen wurden. Unter diesen Orten befindet sich selbst Dombrowo, ein Zentrum der Industrie, das die Juden teilweise selbst groß gemacht haben. Diese Ausweisungen treffen die Juden in Polen um so empfindlicher, als sie im Grunde die gesetzliche Ausschließung aus den Dörfern nicht kennen. Die berüchtigten Vorschriften vom Mai 1882, welche in dem gesamten russisch-jüdischen Leben eine Perturbation hervorgerufen haben, bezogen sich nicht ans Russisch-Polen, so daß die Juden auf diesem Territorium die Finessen des Wohnrechtes bis zur letzten Zeit überhaupt nicht kannten. Um also Allsweisungen von Juden aus Russisch-Polen in die Wege zu leiten, mltßlen die russischen Verwaltllngen einen Kniff zur Anwendung bringen. Seit einiger Zeit berufen sich nälnlich die Lokalbehörden auf das für die Juden (auch in Polen) bestehende Verbot, Grirndbesitz zu pachten. Wer nun eine Wohnung mietet, wird von jetzt ab von den offiziellen Gewalten als Pächter von Grllndeigentum proklamiert, der demgemäß wider das Recht verstoße,, und dieser Verstoß wird als Anlaß zur Ausweisung der betreffenden Familien benutzt. Ist es auch eine unerhörte Verdrehung des Sinnes der Gesetzgebung, da damit das Wohnrecht der Juden in den Dörfern Russisch-Polens fast aufgehoben wird, so sind bereits die Folgen dieser Rechts-

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