Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-06 · Heft 6 (6.2.1914) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 6 (6.2.1914)
Date
1914-02-06
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229130--70156-3282486
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

78. Jahrgang. Nr. 6 Berlin,' 6. Februar 1914 Der Gemetndevote. Vellage zur „Allgemeinen Teilung drS Judentums". Lorrklpondrnzr» und Machrichtm. Seutschisnd. y. Berlin, 3. Februar. Der Verband für j ü d i f ch e Wohlfahrtspflege hielt am 29. v. M. seine 33. Vertreterversammluug ab, die sich außerordentlich reichen Besuches erfreute. Herr Justizrat Meyer eröfsuete die Tagung mit einigen geschäftlichen Mitteilungen, denen zu entnehmen ist, daß dem Verband jetzt, nachdem sich auch der jüdische Frauenverein für die westlichen Vororte angeschlossen hat, 93 Vereine und Institute angehören. Anfragen sind im Berichtsjahre 1912/13 nicht weniger als 26 532 gestellt.und 22 248 Berichte an die Zentralstelle erstattet worden. Personalkarteu wurden 2438 neu angelegt. Dem Vereinsbureau beigetreten ist das jüdische Kurhospital Satzbrunn, so daß ihm jetzt 10 Vereine angeschlossen sind. Nach einigen weiteren Mitteilungen über die Tätigkeit des Berliner Frauenvereins der Logen wurde dann die Wahl von Mitgliedern des Geschäftsführenden Ausschusses vorgenommen. Die ausscheidenden Herren Sauitütsrat Tr. W. F e i l ch e n s e l d , Direktor Dr. Minden, Eugen E a s p a r y , Moritz K n o l l e r , Kommerzienrat Wassermann und Frau Gertrud Seligsohn wurden wiedergewählt. Frau Paula O l l e n d o r s, Breslau, hielt hieraus einen ungemein fesselnden, von großen Gesichtspunkten ausgehenden und die Materie völlig beherrschenden Bortrag über: „I ü d i s ch e soziale H i l f s - arbeit." Die Grundidee der jüdischen Religion sei so sozial und modern, daß man sagen könne, es finde sich in ihr die Grundlage unserer ganzen heutigen Sozialgesetzgebung. Wir Juden brauchen heute mehr denn je soziale Arbeit, denn wir befinden uns in einer besonderen 3coklage durch die Entwickelung der Verhältnisse. Die Armut sei in der Zunahme begriffen, die Armut, die die Mutter des Verbrechens sei. Not und Armut sind nicht immer die Schuld der davon Betroffenen, sondern oft unsere Schuld. Auch bei uns Juden haben sich die Wirkungen des Ileberganges aus dem Agrarin den Industriestaat geltend gemacht. Abwanderung, Konzentration des Kapitals, bei uns Juden auch der Antisemitismus, sind die treibenden Kräfte. Der Anteil der Juden am Handel ist um 10 Prozent von 1882 bis 1907 zurückgegangen. Heute haben lvir bereits eine jüdische Lohnarbeiterschaft. Dazu kommt die Zunahme der Frauenarbeit, die Konzentration in den Großstädten bringt in die Judenheit die allgemeine Rote der Großstädte, die Wohnungsnot, Vergnügungssucht und Leichtsinn. Die Vortragende gibt ein großzügiges Programm der außerordentlich weitverzweigten notwendigen jüdischen Sozialarbeit und schildert in klarer Weise, wie sehr durch die Mitarbeit in du: interkonfessionellen Vereinen gerade das erreicht werden wird, was die politische Zusammenarbeit bisher nicht ermöglichen konnte: das sich einander näher Kennen- und Verstehenlernen. Besonders bedeutungsvoll, und darauf legte die Vortragende das größte Gewicht, sei die soziale Fürsorge für die Jugend und das Heranwachsende Geschlecht. Zur Erfüllung der außerordentlich großen Aufgaben seien drei Dinge erforderlich: mehr Selbsterziehung, mehr Selbsthingabe und Organisation. Herr Sanitätsrat Dr. Feilchenfeld und sämtliche anderen Diskussionsredner konstatierten widerspruchslos den außerordentlich tiefen Eindruck, den der glänzende Vortrag gemacht hat. In der Debatte wurde aus das Sachliche des Vortrages, um den 'Rachhalt nicht abzuschwächen, nicht eingegangen, jedoch von Herrn Dr. Levy betont, daß viel zu wenig jüdische soziale Arbeit geleistet loerde, was Herr Dr. Finkel an der Hand bestimmter Angaben bestritt. Der Vortrag der Frau Oltendorf soll, wie wir hören, gedruckt und einer größeren Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werden. E. 8. Berlin, 3. Februar. Am 22. v. M. hielt im Verein für jüdische Geschichte und Literatur Herr Direktor Dr. Jakob Loewenberg aus Hamburg eine Vorlesung aus eigenen Dichtungen. Nach einer kurzen Einleitung, in der er zur Frage des „deutsch-jüdischei: Parnasses" Stellung nahm und seine Dichtungen als deutsche bezeichnete, wenn sie auch zum Teil jüdische Stoffe behandeln, getreu einen: Worte Dehmels, „Deutscher Boden trägt deutsche Frucht", las Loeweuberg: 1. Aus einem demnächst erscheinenden Roman. „Aus zwei Quellen" eines der einleitenden Kapitel über den Eindruck des Krieges von 1870 aus das Heimatdorf des Helden und des Helden- $ todes des älteren Bruders auf das Etterupaar, das die Nachricht gerade Freitag abend nach Begrüßung des Sabbatsriedens erhält. 2. Einige Gedichte aus seinem Buch „Aus jüdischer Seele", besonders solche patriotischen Inhalts, einige aus dem Zyklus „Zu Hause", Erinnerungen aus dem Familienleben. 3. Endlich folgte ein ungedruckter Einakter, der das Problem der Mischehe und des Judenhasses berührt, allerdings keine Lösung dafür findet. Ein junger christlicher Assessor hat ein jüdisches Mädchen aus Liebe geheiratet, sich jedoch mit ihrer Familie sofort entzweit. Sie durste niemand ihre Herkunft verraten, hat sie selbst vor den eigenen Kindern verleugnet, so daß diese in kräftiger antisemitischer Gesinnung aufwachfen. Ter Sohn wird erster Chargierter einer Verbindung, die den Haß gegen die Fremden mit allen Schlagworten der antisemitischen Schule verficht. Die Tochter aber verliebt und verlobt sich mit einem jüdischen Arzt, einem Vetter, der nach dem Tode des Vaters, als die Mutter schwerkrank dauiederlag und eine Annäherung an ihre Familie sucht, ins Haus kam. Der Sohn wird von der Universität nach Hause gerufen, damit er zu dem Ehebündnis einwillige. Die 9Jtutter bereitet ihn schonend vor, klärt ihn auch über ihre Abkunst ans, mit dem Erfolg, daß er geradezu wahnsinnig wird, sich in sein Zimmer zurückzieht; die Mutter null folgen, bricht aber ohnmächtig zusammen, nnd der Sohn endet durch Selbstmord. Herr L. las sehr schön und ausdrucksvoll, und die Anwesenden waren tief ergriffen. - Ans den auswärtigen Vereinen: In Bayreuth sprach Rabbiner Dr. Eckstein-Bamberg über „Die Emanzipation der Israeliten in Bayern"; in Diedenhofen Rabbiner K ah n über „Streiflichter aus der Geschichte der messianischen Hoffnungen"; in München Oberkantor Professor Kirschner über „Die Entwickelung der jüdischen Dichtkunst"; in Wiesbaden Dr. M a y - Frankfurt a. M. über „Moses Mendelssohn als Reformator des Judentums"; in Köln Schriftsteller Hans Eschelbach-Bonn über „Die llllakkabäergeschichte; in Magdeburg Albert K atz-Berlin über „Die moderne hebräische Poesie": in Königsberg in Preußen Oberkantor B i r n b a u m : „Was uns ein alter Kalender erzählt"; in Grünberg i. Schl. Schauspieler Georg Rosent h a l - Charlottenbnrg: Rezitationen jüdischer Dichtungen; in Bernstadt Prediger Wolfgaug: 1. „Die beiden letzten Monate des Jahres 1813", 2. „Der Fall der Zwingburgen in Deutschland im Jahre 1813". Ju Oppeln hielt Rabbiner Dr. Gold mann einen Zyklus voll acht Vorträgen über „Die Geschichte der Religionen vom Standpunkt des Judentums ans"; in Köln (Jngendvereiu Gabriel Riester) sprach Rechtsanloalt Dr. L. Holländer-Berlin über „Selbsterziehnng, Charaktererziehung und staatsblirgerliche Erziehung in jüdischen Jugendvereiuen". 22 Berlin, 3. Februar. Das Bureau für Statistik der Juden in Berlin, welches von Dr. Arthur Ruppiu begründet worden ist und jetzt seit sechs Jahren von Dr. Bruno Blau geleitet wird, kann am 1. Oktober d. I. auf die ersten zehn Jahre einer erfolgreichen Tätigkeit zurückblicken. - Aus Aula-; dieses Jubiläums wird das Bureau eine Sammelschrift heraus geben, welche die Bedeutung der Statistik der Juden sowohl für die allgemeine Wissenschaft als auch für die besonderen Zwecke der Juden (Gemeindeverwaltung, Wohlfahrtspflege nsw.) darstellt und über die bisherigen Leistungen des Bureaus und seine zukünftigen Aufgaben unterrichten wird. Es haben sich zur Mitarbeit an dieser Schrift bisher u. a. der Leiter der großherzoglich hessischen Zentral' stelle für die Landesstatistik, Regieruugsrat Knoepfel, die Direktoren der Statistischen Aemter in Amsterdam und Kopenhagen, > Faltend it r g und Trap, und von den jüdischen Gelehrten: Dr. F i s h b e r g-New Port, Professor Dr. C o h e n-Müncheu, Dr. 'Rudolf W a s s e r m a n n - München, Dr. Wilhelm H a u a u e r - Frankfurt a. M., Dr. Arnold W a d l e r - München nsw. bereit erklärt. Der Altmeister der statistischen Wissenschaft, Unterstaatssekretär z. T. Professor Dr. v. Mayr, welcher ursprünglich ebenfalls die Absicht hatte, einen Beitrag für die Sammelschrift zu liefern, hat. wie er in einem außerordentlich liebenswürdigen Schreiben mit teilt, zu seinem größten Bedauern von seinem Vorhaben Abstand; nehmen müssen, da er mit seinen Amtsgeschästeu als Rektor der Universität 'München zu sehr überhäuft ist."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.