Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- Seite 72 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Preis auf der Welt jetzt die Partie zurückgehen lassen, aber -so wie es jetzt ist, kanns nicht bleiben. Ich kann nicht mehr zusehn, wie mein Kind sich grämt und von Tag. zu Tag abnirnmt — es muß sich jetzt ändern. (5hajim Grünwald und ich haben uns alle Müh' gegeben, dir 31t der nächsten Verteilung die „Familie" zu schaffen. Ich mein', mit „Gotteshilf", wir Werden s durchsetzen. Indes muß man aber aus alles vorbereitet sein. Ich habe daher fest beschlossen, wenn du die „Familie" nicht „kriegst" so-wa ndert i h r beiden nach Amerika a 11 s, und lebt dort glücklich und znfrieden. Anders kann und wird es nicht sein. Bist du zufrieden, Meier?" Der Gedanke, nach Amerika auszuwandern, sich loszureißen von allen Banden der Heimat und der Familie hätte zu anderen Zeiten Meier unglücklich gemacht; heute nahm er den merkwürdigen Vorschlag des Schwiegervaters mit wahrhaft männlicher Würde auf. Außerordentliche Zeiten finden auch die Menschen anders, als sie sonst sind, und losgelöst von allen Fehlern und Schwächen, von Furcht und Schrecken. Nach kurzer Pause erwiderte Meier: „Was soll ich gegen Ihren Willen haben? Wenn Sie ein solch' Opfer bringen, und die einzig geliebte Tochter wegschicken wollen, weit, weit hinaus, soll ich mich dagegenstemmen? Dann wäre ich ja nicht wert, Ihr Schwiegersohn zu werden. Ich versprech' Ihnen feierlich, wenn ich diesmal die „Familie" nicht soll' bekommen -" „Genug, genug, Meier, ich glaub' dir schon; ich weiß, du bist ein folgsam Kind, und schon deswegen wird dir das Verdienst von deinen frommen Eltern beistehen, daß du die „Familie" bekommen wirst. Komm jetzt zu Vögele, um sie zu beruhigen; sie wird besorgt sein über mein Außenbleiben. Uebrigens bleibt alles geheim, und Gott, gelobt sei er, wird schon alles zum guten wenden. Du sollst dir alles Gute ausbeten, Meier. (Mit diesem Wunsche begrüßen sich die Juden am Rüsttage zum Neujahrsfeste.) Gilt' Morgen!" Mit diesem Wirnsche und einem warmen Händedrucke schieden auch Joel und Meier, um sich jeder nach seiner Weise zum Empfange des neuen Jahres zu rüsten. * Aber der Rüsttag zum Feste ist ein langer Tag, viel länger als jeder andere, wenn man die Fülle des Treibens und Tuns an demselben erwägt. Noch mußte die Hauptsache geschehen — nämlich der „Rabbi" den hartherzigen, stolzen Vorsteher rufen lassen. Und? das dauerte ziemlich lange. Sei es, daß der greise Rabbi viel! zu tun, ilnd vielleicht im Drang der Geschäfte vergessen hatte,! sei es, daß ihm selbst vor der Schwere seiner Aufgabe und! deren möglicher Nichterfüllung bangte genug, es dairerte! bis vier Uhr nachmittags, als der schnellfüßige, leichtbeschwingte Schammes (Bote) desselben den Weg 31t dem einzigen einstöckigen Hause der „Gasse" unternahm, und Jsak Veigelstock die Zitation seines greisen Lehrers überbrachte. Derartige Geschäfte werden ja überhaupt erst in einerspäten Nachmittagsstunde des Rüsttages ausgeführt. Wenn die letzte Sonne des alten Jahres ihre wehmütig scheidenden Strahlen in die „Gasse" sendet, dann fühlt sich jedes Herz in Demut ilnd Ergebilng dem großen Weltenrichter näher, der da morgen entscheidet über Glück und Unglück, über Leben und Sterben . . . Und ein Strahl dieser Scheidesonne war auch in jene verborgene Herzensfalte, des sonst Gemütsregungen, kaum zugänglichen Jsak gefallen, so daß ihm der Ruf seines „Rabbi" gerade gelegen kam. „Der Rabbi hätt' nicht gebraucht, nach mir zu schicken. Ich bin bis jetzt noch nie, seinen Segen zu erbitten, ausgeblieben. Ich komm' gleich," sagte er dem Boten. Und in der Tat dauerte es kaum eine Viertelstunde, daß der stolze Vorsteher in fast kindlicher Liebe und Ehrerbietung vor seinem greisen Rabbi stand, und kein Wort zu reden wagte, ehe ihn derselbe angesprochen. So groß ist die moralische Macht der Wissenschaft im Judentum, die nirgends klarer und würdiger dir vor die Seele tritt, als im Anblicke eines jener greisen, würdigen Rabbinen, vor dem selbst das verstockteste Gemüt in Ehrfurcht und Zagen erbebte. (Schluß folgt.) Sprrchsaal. Berlin, 25. Januar 1914. Eine verehrt. Redaktion bitten wir um Aufnahme der folgenden Mitteilung an geeigneter Stelle Ihres geschätzten Blattes. Bon der unserer Verwaltung unterstellten Ludwig-Philippson- Gedächtnis-Stistung, deren Erträgnisse dazu verwendet werden sollen, um gediegene, allgemein verständliche Schriften, die zur Aufklärung über Inden und Judentum dienen, an kleine, bedürftige Gemeinden, deren Schulen und Beamte, sowie an Vereine und Institutionen zur Erziehung und Förderung der jüdischen Jugend zu verbreiten, können jüdische Volksschullehrer und Jugendvereine, soweit die vorhandenen Mittel reichen, zu ermäßigten Preisen beziehen: 1. Elbogen: „Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung", broschiert für 4,55 Mark statt 12,50 Mark, gebunden für 5,80 Mark statt 13,75 Mark. 2. Herford: „Das pharisäische Judentum", übersetzt von R. Perles, broschiert für 1,60 Mark statt 3,50 Mark, gebunden für 2,45 Mark statt 4,50 Mark. 3. Pick: „Judentum und Christentum in ihren Unterscheidungslehren", broschiert für 1,50 Mark statt 3,00 Mark. 4. „Soziale Ethik im Judentum", herallsgegeben vom Verbände der deutschen Juden, gebunden für 1,20 Mark statt 1,50 Mark. 5. Feiner: „Ludlvig Philippson", gebunden für 0,30 Mark statt 1,30 Mark. Bestellungen sind spätestens 14 Tage nach Erscheinen dieser Allzeige unter gleichzeitiger Einsendung des Betrages für die gewünschten Werke zu richten an Herrn Dr. N. M. Nathan, Postscheckamt Berlin 11 776. Nach Verbrauch der verfügbaren Mittel werden später eingehende Beträge znrückgezahlt. Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, Berlin. * Berlin, 23. Januar 1914. Der V 0 lksvereiu. Im Anschlliß cur den Artikel „Herberge für jüdische Durchreiseilde" in vorletzter Nummer dieses Blattes sei über den Gegenstaild noch folgendes ausgeführt: „Die jüdische Herberge, Auguststr. 20, hatte (seit ihrem Bestehen) illl Monat Dezember v. I. die größte Frequenz aufzuweiseil gehabt. Es fanden Ailfnahme: 643 Männer, 287 Frauen, 233 Kinder, Summa: 1163 Personen. Es ist dies zweifellos eine außerordentliche Leistung. Eines besseren Beweises für die Notwelldigkeit dieser Einrichtung bedarf es lvohl kallm. Unterhandlungen wegen Einrichtung eines eigenen Heims sind int Gange. Hoffentlich scheitern diese nicht an der Unzulänglichkeit der Mittel. Es kann unseren begüterten Glaubensgenossen nur immer wieder dringend ans Herz gelegt werden, bei jeder Gelegenheit gerade dieser segensreichen und wirklich sozialen Einrichtung zll gedenken. Nichts kann mit größerer Genugtuung und Befriedigung erfüllen, als das Bewußtsein, mitgeholsen zu haben, den Obdachlosen ein Asyl zu öffnen. Der Vorstand der Gemeinde hat auch in diesem Jahre dem Verein, dessen Eintragung in das Vereinsregister inzwischen erfolgt ist, die bisherige Subvention zugewendet. Spenden llnd Beitrittserklärungen nimmt jederzeit gern entgegell der Schatzmeister: Herr H e r m a n n A r 0 n , Charlottenburg, Bismarckstr. l 05. N. Cohn.