Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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-71 Sandonnerz liegt auf russischer Seite, hart an der galizischen Grenze, und ist seit 7818 Bischossitz. Tausende und aber Tausende aus der Umgebung Pilgern alljährlich hierher und werden bei Gelegenheit von dem jüdischen Blutmärchen belehrt. Ein Domkapitular war mein Cicerone in der Kirche, er zeigte mir die Schatzkammer, die Bibliothek und erklärte mir die Malereien in der Kirche. Ich frug ihn, warum er als katholischer Geistlicher das Unglücksbild nicht entfernen lasse, worauf er mir das Buch des Paters Zuchowski über den Prozeß von dazumal überreichte mit der Bitte, alles genau zu lesen. Ich las es! Wie viel verstockte Dummheit liegt darin? Aber das war ja im Jahre 1713, und nun zählen wir 1913. Haben 200 Jahre nicht an dem Märchen gerüttelt? Das Bild zeugt heute von dem tiefen Niveau oder der Böswilligkeit mancher Sphären. Es soll noch mehrere solcher Bilder geben, eines sogar in Galizien, in Kalwarya Zebrzydowska, einem stark frequentierten Wallfahrtsort bei Krakau. Betreffs dieses letzteren machten seinerzeit Wiener Juden Schritte beim Minister Gautsch, es fuhren zu Fleiß nach Kalwarya Zebrzydowska Redakteure Wiener Blätter, um sich davon selber zu überzeugen, es wurden darüber viele Artikel geschrieben, aber alles war vergebens. Das Bild besteht in der Kirche bis heute und „belehrt" das Volk von dem Blutdurst der „ungläubigen" JudenH. Der Familiant. Eine Geschichte aus der Gasse. Von Gustav Karpeles. VI. ^-^^enn ein Vorzug das jüdische vor den anderen Erdenvölkern schmückt, so wäre es sicherlich seine Nenjahrsfeier. Wie feierlich bewegt schreitet der Jude von der Wegscheide des alten Jahrs in das neue hinein? Während bei anderen Völkern, heute wie ehedem, Freude und Jubel jedes Gefühl der Schwermut und Bangigkeit ob des Wechsels und Scheidens der Jahre gleichsam verscheuchen sollen, tritt der Jude mit einem heiligen Ernste und einer sittlichen Hoheit an die Grenze des alten und die Marken des neuen Jahres, die von Freund und Feind gleich bewundert zu werden verdient. Und wer vermöchte die widerstreitenden Gefühle zu schildern, die die Brust am Vorabende des Neujahrstages durchwogen? Die Freude, daß man das neue Jahr erlebt, neben dem Schmerz über die teuren Dahingeschiedenen, die noch am vorigen Neujahrstage mitgebebt und gezittert vor dem grausen „Tag des Gerichts", die Wehmut, daß wieder ein Stück von der Scholle, die wir Leben nennen, sich ablöst und hinabrollt in das vielgefürchtete „Meer der Ewigkeit", und das erhebende Bewußtsein, nach vollzogener, sittlicher Reinigung wie neu geschaffen hinübergehen zu können in das neue Jahr und einem allgütigen Gotte als liebenden Vater sich anvertrauen zu können — kurz, die ganze Stufenleiter menschlicher Empfindungen von der seelenvollsten Freude bis zum herbsten Schmerz, wie sie sich lichtvoll und ergreifend in den Gebeten für das Neujahrsfest ausprägt. *) In allernächster Zeit erscheint meine „Geschichte der Ritual p r o z e s s e in Polen", Verlag der Wiener Allianz Israelit, in der ich den Gang der einzelnen Prozesse — 154 an der Zahl — beleuchte; dortselbst die Ritualprozesse in S a n d o m i e r z aus den Äahren 1698 und 1710 bis 1713. Und nun rechne man noch hinzu den Schmerz zweier liebender Seelen, die die Flucht der Jahre nun schon zum sünften Male an sich vorüberziehen sehen, und deren inniger Vereinigung nichts, gar nichts entgegensteht, als der unbeugsame Paragraph eines tyrannischen Gesetzes, und man wird den Seelenzustand Meiers und Vögeles am diesmaligen Rüsttage zum Neujahrsfeste leicht sich vorstellen können. Vögele kam fast gar nicht aus dem Weinen heraus. Sie war eine überaus sensitive Natur und hatte nebenbei einen seltenen Stolz und eine Würde, die nur im Bewußtsein des eigenen Wertes sich behaupten kann. Und dieser natürliche Stolz, wie mußte er sich im Lause der letzten fünf Jahre beugen und demütigen! Rvsi Katz, Fanni Rosenstock, Hanni Lichtschein und alle anderen Genossinnen der Schule und der „Nähstunde" waren schon glücklich verheiratet und hatten bereits sich des reichsten Muttersegens zu erfreuen, nur sie, „die Prinzessin", war noch immer eine — alte Braut . . . ES gibt Naturen, die sich wohlfühlen, wenn sie in ihrem Schmerze herumwühlen können. Es gewährt ihnen eine solche Selbstpeinigung ein — ich möchte fast sagen — dämonisches Vergnügen. So war auch Vögele. Stundenlang saß sie oft einsam in der Rosenhecke hinter dem kleinen Häuschen und gab sich da ganz und ungeteilt ihrem Schmerze hin, der schon fast in das Stadium der Resignation überzugehen anfing. UeberdieS besaß sie ein Stück Romantik, die überhaupt den Mädchen der „Gasse" zu eigen war. Diese Romantik bestand in der Freude des Entsagens und Entbehrend, an das sich die Töchter Judas ja gar sehr zu gewöhnen hatten. Diese Romantik wurde den Kindern der „Gasse" in der Wiege vorgesungen, sie begleitete den gedrückten und verachteten Hausierjnden durch sein mühevolles Leben bis hinaus —■ auf den „guten Ort!" Mit welchem Schmerz der Kummer des geliebten Kindes Joel und seine Gattin erfüllen mußte, läßt sich schwer beschreiben. Konnten sie ihm doch nicht einmal Mut und Hoffnung zusprechen, da diese ihnen selbst fehlten. Aber Joel Rebeller war ein ganzer Mann, gereift in der Schule der Leiden und bitteren Erfahrungen, und von einer seltenen Festigkeit des Willens. Er konnte nur auf Minuten im Anblicke des hinwelkenden Mädchens und des schmerzerfüllten Jünglings Mut und Hoffnung verlieren, auf die Dauer nicht. Kaum war er aus den engen vier Wänden des Hauses heraus, so hatte er seine alte Festigkeit und sein unerschütterliches Gottvertrauen wiedergewonnen. Namentlich war dies jetzt der Fall. Während Mutter und Tochter in Hangen und Zagen dem neuen Jahre entgegengingen, fühlte sich Joel besonders mutig und erhoben. Sein Glaube an die Gewalt des Wortes, daß der greise Rabbi zu sprechen entschlossen war, blieb ein unerschütterlicher, und dieser Glaube gab ihm Festigkeit und Mut wieder. Schon am frühen Morgen des Rüsttages zum Feste begegnete er Meier, der aus der „Schul" kam und ebenfalls heilte wie nie zuvor in fast gehobener Stimmung einherschritt. „Meier, ich Hab' mit dir zu reden, komm' ein bissel mit mir in den fürstlichen Garten," sprach er sanft zu seinem Schwiegersohn, der ihm willig folgte. „Hör' zu, Meier" — begann Joel, als sie in der duftenden Lindenallee des Gartens sich befanden — „du weißt, wie gern ich dich Hab', wie ich dich stets gehalten Hab' wie mein eigen Kind, dll weißt, welche Müh' ich mir gegeben Hab', dir eine „Familie" zu verschaffen, du weißt, wie alles mißglückt ist, weil ich deinetwegen den Vorsteher zum Feind Hab'. Ich will dir, Gott soll hüten, keinen Vorwurf machen, im Gegenteil, ich Hab' nicht eine Minute bereut, weil ich weiß, daß mein Kind bei dir gut versorgt sein wird. Ich möcht' auch um keinen