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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-06 · Heft 6 (6.2.1914) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 6 (6.2.1914)
Date
1914-02-06
Page
Seite 70 (sequence 10)
Language
German
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hiermit gemacht, und wenn er verwirklicht werden sollte, so sei der „Freistatt" das Verdienst neidlos gegönnt, unfreiwillig die Anregung gegeben zu haben. Weitn zwei sich zanken, freut sich der Dritte! Bei dem edlen Bruderstreit zwischen Zionisten und „Ueberjuden" ist iin Eifer manche bedenkliche Tatsache ausgeplaudert worden, die die morsche Grundlage der zionistischen Arbeit und die unendliche Selbsttäuschung in jenen Kreisen grell beleuchtet. Wir behalten uns vor, in einem besonderen Aufsatze diesen Dingen nachzugehen. Heute sei nur auf den Aufsatz von I. L e w i n über „Die jüdische Kolonisation in Palästina" (Augustheft, Seite 295—311) hingewiesen. Er will nach der geschmackvollen Ausdrucksweise der Redaktion die „P a l ä st i n a h y st e r i e unschädlich mache n" (sie), scheint also Tendenzarbeit zu sein. Wenn aber tatsächlich auch nur die H ä l f t e seiner Darlegungen auf Wahrheit beruht, so müßte man doch den zionistischen Institutionen, in denen so viel nichtzionistisches Geld steckt, etwas mehr kontrollierende Aufmerksamkeit zuwenden. Auch Nordaus aufsehenerregende Vorwürfe haben verraten, daß im Zionismus nicht alles so glatt und zweckmäßig hergeht, wie man uns glauben machen will; aber diese Veröffentlichung deutet ein völliges Fiasko der gesamten Palästinaarbeit an. pn der Lurlle des Mualmsrchklis. Von Professor Tr. M. B a l a b a n, Lemberg. Ueber die Ursache des Glaubens an das Ritualmärchen unter dem Pöbel aller Nationen wurde schon sehr viel geschrieben. In dem Streit Rohling—Bloch erschienen unzählige Anklagen und Verteidigungen, jeder neue Prozeß ruft eine ganze Literatur hervor, und nach dem Prozeß erlischt der Eifer, und ein langes oder kürzeres Schweigen folgt der kriegerischen Zeit. So war es nach dem Prozeß in Tisza- Eszla, nach dem Hülsnerprvzeß (der leider nun noch nicht zu Ende ist), nach dem Fall Winter in Könitz, und so wird es auch mit dem Fall Just sch inski-Beilis sein. Wir regen uns auf, wir schreiben Proklamationen, wir lassen unsere Rabbiner von der Kanzel schwören, wir schicken in die Welt eine Flut von Verteidigungsschriften und meinen, damit alles getan zu haben. Dem ist aber nicht so, denn unser Feind ruht nie und präpariert stets seine Soldaten für den nächstfolgenden Krieg. Bester als alle unsere Aufklärungsschriften und Verteidigungen, stärker als die päpstlichen Bullen gegen die Blutbeschuldigung wirken f ü r den Glauben an das Blutmärchen die Kir ch en bi ld er, die hier und da zerstreut dem Volke „die Greueltaten der Juden vor Augen halten." Im Schweizer Landesmuseum in Zürich kann man noch so ein Bild aus einer alten Kapelle (XV. Jahrh.) sehen, es stellt das leibhafte Ritualmärchen vor, aber es steht ja in einem Museum, als Echo lang verflossener Zeiten, und ein jeder denkt sich, daß heute so ein Bild in einer Kirche undenkbar wäre. So konnte sich im Jahre 1758 der Kardinal Ganganelli, der nachmalige Papst Clemens XlV., nicht vorstellen, daß an der Wand einer Posener Kirche ein Bild ausgestellt sein kann, welches eine Ritualmordszene darstellt. Der edle Kardinal meinte, es seien Pommern, die nur das dumme Volk für Juden halte. Als Beweis für seine These führt Ganganelli einen analogen Fall aus Venedig an, wo der Senat ein derartiges Bild, das am Ponte di Rialto im Jahre 1705 ausgestellt war, sofort entfernen ließ. Und doch! Und doch habe ich mit eigenen Augen im Jahre des Herrn 1 9 10 in der Kathedralkirche zu S a n d o m i e r z so ein Bild gesehen. Sandomierz ist einst eine große Stadt, Sitz des Woiwoden, gewesen und hatte schon im Jahre 1365 eine zahlreiche Juden» 70 - ' gemeinde. Wir lesen in den alten polnischen Judenprivilegien, daß; im Jahre 1365 die Juden von Krakau, Sandomierz und? Lemberg den König Kasimir den Großen um die Bestätigung ■ ihrer Rechte gebeten haben (Rußko-Jewrejski-Archiv Bd. 3, Nr. 1). In der Schwedenzeit wurde fast die ganze Judengemeinde hingeschlachtet, und trotzdem gerieten die am Leben Gebliebenen in Verdacht, mit den Schweden gehalten j zu haben. Dafür wurde ihnen die Synagoge konfisziert j (1656) und erst nach vielen Bitten und Geldopsern zurückgegeben (1658). Bis heute wird noch in-ber dortigen Synagoge /! während der Passahandacht eine lange Reihe von Märtyrern! aus dem Jahre 1655 verlesen und besondere Gebete für die Unglücklichen gesagt. Das Maß' der Leiden war aber noch nicht voll, denn gegen das Ende des XVII. Jahrhunderts, hart vor dem Nordischen Krieg, begann bin Ortsgeistlicher Stephan Zuchowski gegen die Juden zu Hetzen und das alte Ritualmärchen aufzuwühlen. Schon gingen f christliche Kinder verloren, der Sohn des Apothekers (1698), einige Jahre später (1710) ein Mädchen mit Namen Margareth und ein Knabe Georg KraSnowski. Zwei furchtbare Prozesse wurden eingeleitet, mit allen mittelalterlichen Mitteln wie Folter, Verstümmeln ufw. Eine große Anzahl der Juden wurde zum Tode verurteilt und unter grauenerregenden Qualen hingerichtet (1713). Im Jahre 1712 verjagte König August II. die Juden aus Sandomierz, weil sie ,,jam ckuorum inkantinm a se occisorium per sententiam Tribunalis regii convicti, pnniti essent, nihilominus ferociores redditi, nobilis pueri . . . Georgis Krasnowski, sanguine effuso . . . polluere praesumpserint.“ Der König willfahrt somit dem Verlangen des Ortsdiakonus Paters Stephan Z u ch o w s k i, verjagt alle Juden und erlaubt, die Synagoge in eine Kapelle umzubauen und dort die Bilder der Kinder unterzubringen. (B e r s o h n: Diplomensammlung Nr. 377.) > Es kostete wieder viel Geld, und die Juden blieben im Besitz ihrer Synagoge und überhaupt in der Stadt. Pater Zuchowski verewigte diese beiden Prozesse in zwei dickleibigen Büchern, von denen eines im Jahre 1698, das andere 1713 erschienen ist. Im ersten Buch beschrieb er sogar in Versen den Prozeß - vom Jahre 1698 und besang die Qualen der unglücklichen Juden. Das zweite Blich ist eine prosaische Chronik sowohl der Sandomierzer wie auch der anderen Ritualprozesse, und erlebte eine zweite Auflage im Jahre 1773. Die Geist- , lichkeit in Sandomierz begnügte sich aber nicht mit der Ver- ( treibung der Juden und mit der „historischen" Fixierung der j ganzen Begebenheit, sie beschloß, die Sache durch den Pinsel des Malers zu verewigen, und hatte dazu bald die beste Get legenheit. In den Jahren 1708—1737 malte KarldePrevot vier historische Bilder, die bis heute in der Kirche zu sehen sind. Es sind große (3X2 Meter) Flächen, von denen die erste (vordem Haupteingang links) ein Ritualmärchen darstellt. Zwei Juden in Sabbatmützen halten einen kleinen Jungen hoch über einem Becken und versetzen ihm mit spitzen Messern viele / Stiche. Das Blut rinnt in großen Strömen und wird aus dem Becken von anderen Juden genommen. Links steht ein Weib und zählt das Geld, welches sie für das Kind bei den Juden genommen, und in der weiteren Perspektive sieht man mehrere Juden, die voll Freude dem Akt zuschauen. Das Bild ist farbenreich, furchtbar grell, die Gesichter wild, das Kind mit verklärten Augen, ganz, wie wir es auf allen anderen derartigen Bildern sehen. Unter dem Bild die Aufschrift: „Vilins Apotekarii ab. in f i-deli bu-s Judaeis Sandomiriensibus occisus, anno D. 1698, d. 1 8. M a r t i i. M a r g a r i t a I n f a n s e t a n n o 1 7 10. d. 18. aug. Georgius Krasnowski per Judaeos / cridelissime jugulati.“ j

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