Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- Seite 69 (sequence 9)
- Language
- German
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befördern könne. Nachdem er umständlich nachgewiesen hat, daß weder Ruderboote, noch Postkutschen, noch Aeroplane. noch auch Kamelskarawanen geeignete Beförderungsmittel seien, hält er seine aussehenerregende Entdeckung der staunenden Welt nicht mehr vor, daß man nämlich — die Eisenbahn benutzen müsse! Genau so originell und geistreich arbeitet die „Freistatt". Sie entdeckt lauter Wahrheiten, die wir liberalen „Assimilanten" schon seit Jahren tagtäglich predigen. Ueberwältigend neu ist die Entdeckung, daß der „Palästinensismus" eine verfehlte Sache sei, und daß das Zentrum des jüdischen. Volkes im Osten liege; ebenso überraschend die andere, daß der Zionismus von den Ostjuden in Rußland und Galizien wie in Nordamerika nur dann Notiz nehme, wenn es sich um Schekelzahlen und Ergebenheitsadresfen an den Kongreß handelt. Geradezu erstaunlich ist der Scharfblick, der herausbekommen hat, daß Ruppin ein Tendenzschriststeller ersten Ranges ist, daß er seiner These vom sicheren Untergang des Westjudentums zuliebe alle Tatsachen liebevoll verdreht und auf den Kopf stellt. Wer will die Weisheit ermessen, die klar erkannt hat, daß die Kraft der Judenheit im Osten stecke, daß der Jargon, das Jiddische, eine höchst respektable Sprache darstelle, daß der Zionismus eine Partei sei, der diese Tatsachen nicht in den Kram passen, daß ihre Agitatoren und Parteisekretäre von den wirklichen jüdischen Sorgen und Aufgaben wenig verstehen und ihre Unwissenheit hinter dem gewaltigen Pathos eines bandwurmartigen Redeflusses geschickt verbergen. Das sind wirklich ganz gewaltige Entdeckungen, und wir zweifeln, daß einige junge Leute trotz ihres gewiß unbestreitbaren Genies ganz allein ohne jede fremde Hilfe hinter diese Mysterien gekommen sind. Sie müssen unbedingt unter den höheren Diplomaten der sechs europäischen Großmächte Mitarbeiter gehabt haben. Es ist den geistigen Vätern der „Freistatt" so ergangen wie der Frau Jlsebill im Märchen. lieber die niedrige Hütte des „assimilatorischen Liberalismus" sich erhebend, waren sie zu den Königs- und Papstschlösscrn des Nationaljudentnms und des Zionismus gestiegen. Und wie nun ihr Ehrgeiz sie noch höher hinauf in den Himmel des „Alljudentums" und Ueberjudentums tragen sollte, saßen sie plötzlich wieder in der niedrigen Hütte des bösen Liberalismus! Arme „Freistatt"! Das Unglück dieser Feststellung muß ihr auch noch passieren! Aber in Wahrheit steckt hinter der ganzen Wichtigkeit nichts wie eine Anerkenntnis der Ideen, die schon alte liberale Ladenhüter sind. Auch von unserem Standpunkt aus wird die Bedeutung der Ostjuden durchaus nicht unterschätzt, auch wir — wenigstens die tiefer blickenden Theoretiker — denken nicht im Traume daran, diese Massen an ihre, der Kultur nach niedrigere Umgebung zu assimilieren, noch glauben wir an ihren Untergang; auch wir wollen dort die reichen vorhandenen Kräfte zu jüdischer Eigenentwicklung wecken, auch wir halten den „Palästinensismus" für einen Krebsschaden der modernen Hilfsbewegung, auch wir denken nicht daran, zugunsten der hebräischen Spielerei die alte und schöne Sprache der Ostjuden, den jüdischen Dialekt zu verachten und zu bekämpfen. Arme „Freistatt!" Wir weisen deiner Mutter Zionismus den Weg, der zu deiner Vernichtung führt. Wir denunzieren dich! Deine neuentdeckten, mit so großem Trara in die Welt gesetzten Wahrheiten sind die ältesten und geläufigsten Anschauungen des Liberalismus. Und wenn dir diese halbe Anerkennung nicht den Garaus macht, so müßten wir uns schlecht auf die Psychologie der Zionisten verstehen. Das rote Tuch ist ausgespannt, und der Zionismus mag sich gesenkten Hauptes wutschnaubend darauf stürzen. Schade eigentlich, denn wir lachen gern! Und nur aus diesem Grunde, weil der echte Humor immer spärlicher wird, müssen wir es bedauern, wenn die „Freistatt" ihre Wiedergabe jiddischer Dichtung einstellen wollte. Zic ech mir, a fisale über a fys Yn zing mir a lidale cykerzis A schnäder cy zän, iz gftr ous die weit Wyhin er kymt, fardint er gelt. Das ist nämlich nicht Malaiisch, auch nicht Chinesisch oder gar Tschechisch, sondern der Beginn eines jüdischen Volksliedes: Sitz ich mir, a Füßele über a Füß Und sing' mir a Liebele zuckersüß, A Schneider zu sein, ist gar aus die Welt, Wohin er kimmt, verdient er Geld! Ist diese Transkription nicht „cykerzis“? Was soll der Mumpitz? Die Sache scheint uns so zu liegen, daß die Herren von der „Freistatt" sich doch im Grunde ihres Herzens des „Jargons" schämen, und darum suchen sie das fremde Gewand. Jiddisch ist nach meiner — eines „assimilatorischen Liberalen" - Ansicht ein vollberechtigter deutscher Dialekt. Wir sprechen ihn ebensowenig, wie wir „Berlinisch" oder „Sächsisch" reden, aber wir erfreuen uns der herrlichen Dichtungen einen Reisen, eines Frug, eines Bialik mit demselben Stolze, wie wir Reuter lesen; sie stehen uns dazu noch viel näher, sie gehen uns weit mehr zn Herzen, weil das jüdische Leid und die jüdische Hoffnung in unseren Seelen wiederklingt! Wir wollen auch das Jiddische erhalten wissen, weil es die Grundlage der Kultureinheit zwischen uns und dem Bruder im Osten darstellt. Und weil wir uns der Sprache nicht schämen, weil wir sie als Juden wie als Deutsche lieben und achten, müssen wir uns gegen diese Mißhandlung eines deutschen Dialekts durch die Narrheiten einiger „alljüdischer" Jünglinge verwahren. So sehr nun diese ganze hochtrabende Gründung zum Lachen reizt, eine sehr ernste Seite hat sie auch. Denn wir begegnen unter den Mitarbeitern einigen Namen, die wir nur mit Bedauern in dieser wichtigtuerischen Gesellschaft sehen. Mögen wir vom liberalen Standpunkte aus auch grundsätzliche Gegner eines N a t h a n Birnbaum, eines Davis T r i e t s ch sein, wir achten in ihnen den Charakter, den Geist und den jüdischen Willen! Und fragen wir uns, warum sie und noch andere, die geistig ebenfalls auf einer etwas höheren Stufe stehen als jene, die den Ton der Zeitschrift abgeben, ihre Mitarbeiter sind, so stellt die Antwort der westeuropäischen Judenheit ein großes Armutszeugnis aus. Uns fehlt eine ernste jüdische Revue, in der man nicht für die Bedürfnisse des Tages geschriebene schwungvolle Artikel findet, sondern durchdachte, tiefere Auseinandersetzungen über die Probleme, die uns allen — mögen wir liberal, orthodox oder national-jüdisch sein — am Herzen liegen. Unsere jüdische Presse dient nur Parteizwecken oder dem Nachrichtendienst, und auch die Zeitschrift „Liberales I u d e n t u m", die am ehesten noch ihre Spalten einer theoretischen Erörterung öffnet, steht im Dienste einer ganz bestimmten Richtung. Wenn wir eine vornehme Revue hätten, würden Männer von Ruf, die etwas zu sagen haben, nicht gezwungen sein, in so kompromittierender Gesellschaft zur jüdischen Welt zu sprechen. Hier wäre eine Aufgabe für die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, die darin von allen Parteiorganisationen unterstützt werden müßte. Würde ein aus Vertretern der verschiedenen Richtungen bestehender Redaktionsausschuß dafür sorgen, daß diese Rundschau frei bleibt von persönlichen Angriffen und Beleidigungen — unter den heutigen gespannten Verhältnissen die größte Gefahr — so sind Schwierigkeiten nicht zu erwarten. Der Vorschlag sei