Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- Seite 68 (sequence 8)
- Language
- German
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Juden soviel Selbständigkeitsgefühl, den Kampf um ihre bürgerliche Gleichstellung selber aufzunehmen.. Zuerst galt es einmal die israelitischen Korporationen zu Ortsbürgergemeinden zu erheben. Sie hatten das Glück, in den freisinnigen Staatsmännern Aargaus Mitkämpfer zu finden: so vor allen: in Emil Welti, dem nachmaligen Bundespräsidenten, und in dem ausgezeichneten Augustin Keller, der, so wie er gegen Klöster und Jesuiten wetterte, immer für die Juden eintrat. Mit Recht ehrte eine in Zürich 1909 gegründete Loge des U.O.B.B. sein Andenken dadurch, daß sie sich den Namen Augustin-Keller-Loge beilegte. Aber trotz Welti, Keller u. a. ging die Durchführung der Gleichstellung nicht ohne Schwierigkeiten; ja, die Geschichte verzeichnet sogar ein kleines Revolutiönchen. Durch eine Volksabstimmung wurde ein Druck auf die aargauische Regierung ausgeübt, die ein neu eingeführtes begünstigendes Gesetz wieder aufheben mußte. Nun hatte sich der Bund der Sache anzunehmen. Er tat es nicht aus freiem Antrieb, sondern auf Veranlassung der französischen Regierung. Es handelte sich um die Erneuerung des Niederlassungsvertrages, und die Regierung Napoleons IN. wollte seine Anwendung auch auf die französischen Juden interpretiert wissen. Nun sah sich die Bundesregierung vor die Alternative gestellt, entweder auf den Vertrag zu verzichten, was ausgeschlossen war, oder fremden Juden das Recht einzuränmen, das sie den seit Jahrhunderten im Aargau Eingesessenen verweigerte. Sie tat das einzig Richtige, indem sie die aargauische Regierung veranlaßte, die beschränkenden Gesetze, Eheschließung, Niederlassungsrecht, Wahlrechttind Militär betreffend, auszuheben. Es geschah durch das eingangs erwälinte Gesetz vom 27. August 1860. An diesem Tage wurde die völlige Emanzipation der aargauischen Juden erklärt, und es bedeutete dann nur einen kleinen Schritt, die Rechte auf alle Juden auszudehnen und auf die ganze Schweiz, wozu man durch die neuen Niederlassungsverträge die letzte Veranlassung fand. Seitdem haben sich Juden in allen Kantonen angesiedelt und ihre Zahl hat sich in den fünfJahrzehnten verfünffacht. Parallel mit der Akklimatisierung geht mit der offiziellen auch die wirkliche Gleichstellung. Langsam nur trennen sich die Juden von den Gewerben, die sie Jahrhunderte lang betrieben und die bedauerlicherweise ihrem Leben und den im Volke wirkenden Anschauungen einen Stempel aufgedrückt haben. Aber vereint mit den zahlreichen aus Ost- und Nordeuropa eingewanderten und eingebürgerten Juden beginnen sie sich eine achtbare Stellung zu erobern. Zahlreiche Universitätsprofessoren, Gymnasiallehrer, angesehene Aerzte und Rechtsanwälte, ernste Mitarbeiter des Kaufmanns- und Fabrikantenstandes zeigen den christlichen Mitbürgern, daß sich der Gesichtskreis der Juden auch über die Schranken des bloßen Geldschachers und Viehhandels hinaus erheben kann. Fremde und inländische Juden genießen in allein die Vorteile und Schönheiten der Demokratie, und ihre jüdischen Bürger beseelt das aufrichtige Verlangen, sich der erworbenen Gleichstellung würdig zu erweisen. Auch dafür winkt ihnen mehr als anderswo Lohn. In kommunalen Behörden und Verwaltungen, auch in Kantonsregierungen finden wir Juden, und in den Offizierslisten der eidgenössischen Armee steht mancher jüdische Name verzeichnet. Die Freiheit und Zukunft der Eidgenossenschaft liegt auch dem Schweizer Juden am Herzen. «I. „ssrriltstt." Von T e r t i u s gaudens. er Zionismus hat jahrelang die Anmaßung und Ueberhebung eines nicht kleinen Teils der jüdischen Jugend künstlich gezüchtet. Es ist darum eine nicht geringe Ironie der Geschichte, wenn sich die kräftig gewordene Tochter gegen die eigene Mutter wendet und der Zionismus gezwungen ist, die Angriffe unreifer lind eingebildeter „Ueberjnden", die er selber produziert hat, abzuwehren. Einige junge Leute haben den unbezähmbaren Drang empfunden, ihre höchst wichtigen Gedanken der Welt nicht vvrzuenthalten. Wahrscheinlich hat der „Simplizissimus" ihre Artikel wegen unreifer Form beständig abgelehnt, und so ist eine neue jüdische Zeitschrift, die „Freistatt", entstanden, die jedem Juden, der in diesen schweren, ernsten Zeiten noch Sinn für goldigen Humor hat, ungestörte Stunden des Genusses bereiten wird. Es rauscht durch die Blätter der „Freistatt" der bekannte „Flügelschlag einer neuen Zeit", die Herausgeber heben natürlich alles bisher Dagewesene radikal aus den Angeln, und ohne jede Einschränkung muß inan zugestehen, daß tatsächlich vieles höchst verblüffend und bemerkenswert ist. Neu ist, daß so triviale Gedanken und längst abgeklapperte Weis-! [jetten mit einer Selbstgefälligkeit dargeboten werden, als ob; göttliche Offenbarungen hinter ihnen steckten; neu ist der j Phrasenhafte Wortschwall, der sich in einer ausgesucht schwü-! len und schwerverständlichen Diktion gefällt; neu ist — ob- I wohl wir ja von Zionisten schon manches gewohnt sind — i die ungehörige, ja fast möchte man sagen, gemeine Art, wie j Gegner angegriffen werden. Wenn dem Zentralverein „bru-! täte Dummdreistigkeit sich von allem Jüdischen kastrierender 1 Menschen" vorgeworfen wird, so empfindet man neben der Empörung noch das Unbehagliche, das einem jeder Schmutz bereitet. Wenn im neuesten Heft den zionistischen Agitatoren ihre „muskulösen Bäuche" vorgehalten werden, so ver-! stummt vor dieser geistigen Höhe jede nörgelnde Kritik, mtd beschämt müssen wir zugestehen, daß das alles wirklich neu! ist. So hoch haben sich bisher nicht einmal zionistische Skan-! dalbläter verstiegen. Man stelle sich vor, daß ein Redner einen Vortrag darüber i hält, wie man große Menschenmassen von Berlin nach München Synagoge zu Ober-Endingen.