Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- Seite 66 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229130--70149-3282479- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
66 Schicksal überlassend. Eine nächtliche Rheinfahrt auf dem Schifslein eines stummen Knaben, während welcher die schöne Sarah ihr ganzes Leben im wachen Traume nochmals durchlebt, führt die Geretteten ins sichere Ghetto zu Frankfurt. Im zweiten Kapitel entwirft der realistisch-satirische Schulderer ein anschauliches Bild von dem Treiben in der großen Reichsstadt. Da ist der christliche Wächter des Judenviertels mit seinem Leitsatz: „Der Teufel hole die Juden!" Da sind die jüdischen Torhüter, der feige schlotternde Nasenstern und der grimassierende Narr Jäkel. In der Synagogenszene zeigt sich der Verfasser auf der Höhe seiner Darstellungskunst; das jüdische Zeremoniell ist mit einer nahezu fehlerfreien Vollendung wiedergegeben. Im dritten Kapitel meint man ein geistiges Duell zwischen dem nazarenischen Rabbi und dem heidnisch-hellenischen Abtrünnigen zu hören, in dem vielleicht Gespräche zwischen Heine und Moser wiederklingen, andererseits Züge des Jsaac Abarbanell (1437 bis 1508) verwertet sind. Wie das Werk ausgehen sollte, steht nicht fest. Möglicherweise sollte es einen tragischen Ausgang nehmen, eine Bestrafung des Rabbi für seine zwei Freveltaten: die Heirat gegen den Willen des Vaters und das Verlassen seiner Gemeinde in der höchsten Not. Vielleicht aber hatte der Dichter einen glücklichen Schließ vor Augen, der nach siebenjähriger Wanderung eintreten sollte; es ist leicht denkbar, daß in die Schilderung dieser Wanderjahre vieles aus des Dichters Jugend und Wanderzeit hinein verwebt werden sollte. Wie dem auch sein mag, wie sehr man auch beklagen muß, statt eines vollständigen Werkes nur ein Fagment zu besitzen, es ist ein köstliches Stück, das uns hier erhalten ist. Darum sollten die Leser unseres Blattes, die im allgemeinen für Heine eine große Sympathie besitzen, sich diese neue Ausgabe nicht entgehen lassen. Sie ist zwar nicht billig, denn sie kostet 26 Mark, aber die wundervolle Ausstattung, die den vielen modern gesinnten und gestimmten Lesern ein ganz ungetrübtes Behagen zu gewähren imstande ist, rechtfertigt durchaus den hohen Preis. So alt das Werk auch ist — seit seiner Konzeption sind SO Jahre verstoßen -- so ist es ja leider noch immer und gerade in diesem Augenblick durchaus zeitgemäß, denn es deutet in lebhafter Weise das unsinnige Blutmärchen an und läßt die furchtbaren Gefahren ahnen, in die ruchlose Verbrecher durch Benutzung dieses Wahns eine stille unschuldige Judengemeinde zu stürzen unternahmen. II. Daß dies Fragment zur Fortführung reizte, ist leicht zu begreifen. Die neuerdings erschienenes kann jedoch nicht als mustergültig bezeichnet werden. Ihr Verfasser, der schon durch manche andere jüdische Geschichten bekannt ist, hat, soweit ich sehen kann, den Heineschen Text unverändert gelassen und einige Kapitel vom vierten an hinzugefügt. Doch ist in Diesen neuen Abschnitten von Heineschem Geist keine Spur. Der überlegene Hohn fehlt ebenso wie das Düstere einer- und das anmutig Poetische andererseits. Die von Viola gegebene Fortsetzung ist kurz diese: Unmittelbar nach der Flucht des Rabbi von Bacherach drangen Scharen von Rittern und Bürgern in das Haus des Rabbi ein, ermordeten sämtliche Anwesende, raubten oder zerstörten die in dem Hause befindlichen Schätze. Sie setzten sodann das Räuber- und Mordhandwerk bei den übrigen Juden des Städtchens fort. Unmittelbar nach diesen Heldentaten schickten sie Boten nach Frankfurt a. M., wo gerade der Kaiser Maximilian sich aufhielt, in der sicheren Erwartung, in jener Stadt den entflohenen Rabbi zu finden. Sie erwirken, daß der Rabbi gey Heinrich Heine: „Der Rabbi von Bacharach." Fortgesetzt und vollendet von Max Viola. Verlag Siegfried Eronbach, Berlin. fangen nach Bacherach geführt wird. Die schöne Sarah aber bleibt nicht untätig. Sie wendet sich an Don Jsaac, und durch die Vermittlung des letzteren an den ehemaligen jüdischen Leibarzt des Kaisers Azael. Dieser hatte den protestantischen Magister Wiebel, den Liebling Maximilians, gerettet, der durch zwei angebliche protestantische Scholaren, die dem Genannten ein vergiftetes Buch gebracht hatten, vergiftet worden war. (Er bleibt durch ein kräftiges Gegengift am Leben.) In Wirklichkeit sind diese Scholaren aber keine Protestanten, sondern Papisten, und zwar keine anderen, wie Sarah bei einem flüchtigen Blick erkennt, als die beiden Vermummten, die das tote Kind in die Stube des Rabbi von Bacherach hineingelegt hatten. Maximilian, der von diesem Zusammenhang unterrichtet wird, erbarmt sich der schönen Jüdin, fertigt sofort den Befehl aus, daß der Rabbi befreit, die Untersuchung gegen ihn niedergeschlagen und die geraubten Güter den Besitzern wiedergegeben werden sollen. Sarah reist mit Jsaac nach Bacherach. Der Befehl des Kaisers wird ausgeführt. Jsaac trennt sich schmerzvoll von Sarah, nachdem er als einzigen Lohn einen Kuß von ihr verlangt, diesen aber nicht bekommen hatte, weil Sarah erklärte, sie sei ein frommes jüdisches Weib. Und damit ist die Geschichte zu Ende. Man staunt über die Kühnheit, eine derartige banale Erzählung als Fortsetzung und Schluß der Heineschen Dichtung zu erklären. Wenn Heine wirklich, wie er versichert, sein Werk zu Ende geführt hat, so hat er es jedenfalls in anderer Art getan. Lur Geschichte der luden in der m 27. August 1863 wurde durch einen Beschluß des aargauischen Großrats den Juden dieses Kantons, in dem sie einzig und nur in-zwei Dörfern Niederlassungsrecht besaßen, die teilweise schon durchgeführte Emanzipation dadurch gekrönt, daß ihnen das aktive und passive Wahlrecht in kantonalen und eidgenössischen Angelegenheiten zugebilligt wurde. Die fünfzigste Wiederholung dieses Tages hielten die Schweizer Juden einer Feier würdig, die an dem darausfolgenden Sonnabend in allen Gemeindesynagogen veranstaltet wurde. Es gebührt sich, bei dieser Gelegenheit über die Geschichte der Juden in der Schweiz zu sprechen, die allerdings einige Erscheinungen aufweist, die von denen anderer Länder verschieden sind. Man glaubt, daß bereits vor der Gründung der Waldstätte, also vor 1291, sich Juden im Gebiete der heutigen Schweiz aufgehalten haben; weisen auch keine direkten Quellen daraus hin, so wird von der Ueberlieferung doch angenommen, daß sich hierzulande Juden bereits zu den Zeiten der römischen Ansiedelung vorfanden. Erste urkundlich bestätigte Anwesenheit von Juden läßt sich aber erst aus dem 14. Jahrhundert feststellen. Sie tauchen da und dort, vornehmlich in Städten auf, treiben Handel, werden angefeindet, wenn sie es nicht umsonst tun wollen, und tragen dasselbe Ahasverschicksal, das allen Juden das Mittelalter hindurch beschieden war. Von vereinzelten Ritualmordanschuldigungen und temporären Ausbrüchen des Volkshasses bis zum häßlichsten Flecke in der europäischen Menschheitsgeschichte — den Judenverfolgungen, des schwarzen Todes — machten sie die ganze Kette jener bitteren Leiden durch, von deren grausamer Unmenschlichkeit die Berichte uns wohl nur ahnen lassen. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts war die Zahl der Juden sehr groß geworden. Akten aus jener Zeit melden von wiederholten Gesuchen um Bewilligung, Bethäuser zu bauen und Friedhöfe anzulegen, aber auch von Klagen der von h Infolge des massenhaften Materials erscheint dieser Artikel leider sehr verspätet. D. Red.