Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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licher muß interessant sein und Interesse sür düs Werk selbst erwecken. Sonst kann er mehr Schaden als Nutzen stiften. Diese Aufgabe hat Ziegler in seiner Schrift „Die Propheten Ainos und Hosea" (Verlag: Kaussmann, 1913) glänzend gelöst. Vom ersten Worte an hat er seinen Leser in der Gewalt, weiß ihn zu fesseln und sein Interesse für die Probleme einer fernen Vergangenheit wachzurufen. Wer einmal dies Schristchen gelesen hat, der wird nie wieder vergessen, wer Amos und Hosea waren. Plastisch greifbar stehen diese alten Heldengestalten der jüdischen Geschichte vor uns in ihrer wildbewegten Zeit, die hier meisterhaft geschildert wird, der eine, ein starrer Kämpfer für Recht und Sittlichkeit, der alle Formen sür nichts achtet, der triumphierend den Sieg des göttlichen Ideals über völkischen Hochmut verkündet, der andere, der weiche Sänger der Liebe zwischen Gott und Israel, der die Untreue des Volkes beklagt und eine bessere Zukunft verheißt. So mancher, der diese Darstellung gelesen hat, wird wohl neugierig zu dem Buche selbst greifen, weil ihm die knappen Zitate des Kommentars nicht genügen, weil er sehen will, was diese interessanten Männer, die alten Propheten, denn sonst noch geschrieben haben, weil er prüfen will, ob alles so ist, wie Ziegler es spannend und modern darstellt — und das wird wohl auch das Höchste sein, was der Verfasser selbst mit diesem Buche erstrebt, und der beste Lohn für seine Arbeit. Wir wären heute froh, wenn die Bibellektüre unter den Juden wieder zunähme, an ein Studium der nachbiblischen Schriften ist nicht mehr zu denken. Alles, was man noch verlangen kann, ist, daß die gebildeten Juden wenigstens die allerwichtigsten Schriften des Judentums dem Inhalte nach kennen, wenn nicht aus eigener Anschauung, so doch aus Darstellungen, die das notwendige Wissen vermitteln. Die Mischna ist nach der Bibel das jüdische Buch, das am meisten gelesen wurde und den größten Einfluß aus das Judentum ausgeübt hat. Aber nur wenige deutsche Juden wissen heute noch, was ihr Inhalt ist, geschweige denn, wie sie entstanden ist, wer sie verfaßt, wer an ihr gearbeitet hat. Es sollte aber eine Ehrenpflicht des gebildeten Juden sein, sich diese Kenntnis zu erwerben. Die Volksschriften bieten dazu Gelegenheit. Prof. Krauß, der bekannte Wiener Gelehrte, hat in seiner Schrift „Die Mischna" kurz und knapp diese alte Gesetzessammlung beschrieben und beleuchtet. Die Darstellung ist so klar und einfach, daß sich das Buch auch für die Jugend eignet, volkstümlich im besten Sinne des Wortes, und vielleicht ist auch das ein Vorzug, daß die Grundtendenz konservativ ist, denn vor der Kritik muß das Wissen des Ueberlieferten kommen, wie es auch nicht richtig wäre, Bibelkunde mit Bibelkritik zu beginnen. Die Volksschriften über die jüdische Religion sind gut und interessant. Ist es nicht ein Jammer, daß sie Empfehlung nötig haben? Daß sie nicht in jedes modern-jüdische Hans kommen? Daß nicht einmal ein paar Pfennige daran gewagt werden, um ein Unternehmen zu fördern, dessen Notwendigkeit jeder einsieht? Es wäre wirklich nichts für das Judentum verloren, wenn jährlich ein paar Broschüren weniger erschienen, in denen Juden im Kampfe gegen Juden die eigenen Kräfte aufreiben, und tvenn stattdessen gegenseitige Toleranz uns Zeit und Kraft für positive Arbeit und jüdische Wissenschaft ließe. Dir Woche. Berlin, den 3. Februar 1914. Die „Freisinnige Zeitung" schreibt: In Herford fand kürzlich eine konservative Parteiversammlung statt, in der der sattsam bekannte konservative Generalsekretär Kunze eine Rede hielt, die von antisemitischen Angriffen wimmelte. Nach dem offiziellen Berichte des Hersorder konservativen Parteiorgans sagte er: „Hundertmal schlimmer als die Sozialdemokratie ist das Judeni tum. (Stürmischer Beifall.) Nicht der einzelne Jude ist zu be- | kämpfen, der kann manchmal ein anständiger Mensch sein, aber die 1 radikalen jüdischen Hetzer und Revolutionsschürer sind die eigentliche Gefahr für unser Volk und Paterland. Ihre ehrvergessene Gefolgschaft deutschen Bluts, ist allerdings noch mehr zu verabscheuen. Das Joch des alten Roms war schwer, aber das Joch des modernen Judentums drückt schwerer und liegt härter auf uns. (Allseitige Zustimmung.) Das schamlose jüdische Spekulantentum und Wuchertum ist der währe Volksverderber. Nicht die Junker haben das Ohr des Herrschers, sondern neugeadelte Börsenjobber und Banklöwen täuschen ihn und beuten die ehrliche Volksarbeit aus." Daß gerade Herr Kunze den jüdischen Bürgern die Anständigkeit abspricht, wirkt einigermaßen grotesk. Der Vorwurf gegen den J Kaiser, daß neugeadelte Börsenjobber und Banklöwen sein Ohr haben, ist ja aus den „Deutschen Sozialen Blättern" schon bekannt. — In einer Versammlung des Fortschrittlichen Vereins Waldeck in Herford hat dessen Vorsitzender Buchdruckereibesitzer Kuhle den Generalsekretär der antisemitischen Konservativen gebührend abgefertigt. Er führte unter allgemeiner Zustimmung aus: Es sei wohl das Tollste auf dem Gebiet der Aufstachelung antisemitischer Leidenschaften, was sich hier in Herford zugetragen hat. Eine derartig unerhörte Beschimpfung und verhetzend wirkende Herabsetzung unserer jüdischen Mitbürger müsse mit Entrüstung zurückgewiesen werden, weil sie die Politische Werbearbeit vergifte und unser Volksleben schwer schädige. Die Zeiten seien zu ernst, als daß wir uns den Luxus einer derartigen Auseinandersetzung nach Gesichtspunkten der Rasse und des religiösen Glaubens leisten könnten. Auffällig sei, daß aus der konservativen Versammlung niemand Einspruch gegen die antisemitischen Aeußerungen erhoben habe, auch nicht der Versaunulungsleiter, Amtmann v. d. Schulenburg. Eine Erörterung j über diesen Vorfall halte er, der Vorsitzende, sür unangebracht und nicht nötig, aber er stelle gern fest, daß die Anwesenden mit dieser Abwehr einverstanden seien. # InFrankreich sind zwei Männer gestorben, deren auch ' ein jüdisches Blatt mit Ehren zu gedenken hat. Der eine ist der General Picquart, der so wacker für Dreyfus eintrat. Die „Frankfurter Zeitung" schreibt über ihn: „Er war ein Charakter. Das Schicksal hat ihn in eine jener Lagen gebracht, die Alfred de Vignh in den Geschichten seiner „Servihide et Grandeur Militaire“ als die schmerzlichsten Kämpfe zwischen äußerer und innerer Pflicht des Soldaten schildert. Die Armee verlangt von ihren Dienern das Dienen. Die Selbstverleugnung kann zur Seelengröße werden im strengen Dienste, der die Erfüllung der vorgeschriebenen Pflicht als Höchstes fordert. Das ist das Höchste überall da, wo der dienstliche Gehorsam nicht mit den tiefsten menschlichen Gefühlen in Konflikt gerät. „Die Krone der Soldaten ist eine Dornenkrone," schreibt Vigny, „und unter ihren Dornen ist jene des passiven Gehorchens das Schmerzlichste." Picquart hat diesen Dorn , zu fühlen bekommen, als er durch seinen Dienst der Mitwisser eines Justizirrtums wurde. Er hatte viele Kameraden, die alle Zweifel unterdrückten, weil ein aus ihren Genossen gebildetes Gericht gesprochen, weil Generäle und Minister ihr Wort verpfändet hatten, weil endlich es nicht die Sache des Offiziers ist, aus seinem engeren Pflichtenkreis herauszutrcten und sich um Dinge zu kümmern, die den Dienst nicht direkt berühren. Picquart konnte das Vorgefallene nicht aus der Ferne betrachten und sich mit den Reglements beruhigen. Der eigene Dienst brachte ihm die Gewißheit, die ihm von außen bestätigt wurde, und er entzog sich nicht dem dramatischen Konflikte zwischen dienstlicher Regel und Gewissen. Er begann zu handeln, wie das Gewissen ihm befahl. Vielleicht hat er zu lange mit sich selbst gerungen, um zu einen: Entschluß zu kommen, vielleicht zweifelte er an sich selbst, vielleicht auch wollte er die Verantwortlichen zu sehr schonen. Man kann sich wenigstens nicht des Eindrucks erwehren, daß er nicht mit der notwendigen Energie von allem Anfang auftrat. Es geht oft, fast immer so, wenn man nicht ganz gerade auf das unverrückbare Ziel losgeht, daß man zum Schluß doch genötigt ist, alle Konsequenzen zu ziehen. Aber die beste Zeit geht darüber verloren, die beste Gelegenheit bleibt 1 unbenutzt, die beste Kraft wird in fruchtlosen Mühen aufgerieben. <