Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang. Nr. 6 Allgemeine Berlin, 6. Februar 1914 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements»preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljähr.ich 3 171. — Postscheckkonto 324:. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Ruäolk Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße -6,49, zu richen. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. ^olksschriften. Don Dr. Rudolf Leszynski. — Die IJUIJUll» Woche.—Heinrich Heine: Der Rabbi von Bacharcich. Bon Ludwig Geiger. — Zur Geschichte der Inden in der Schweiz. Bon J. — „Freistatt." UJon Tertia gciudens. — Rn der Quelle des Ritualmärchens. Bon Professor Dr. M. Balaban, Lemderg.— Feuilleton: Der Familicrnt. Roman von Gustav Karpeles. — Eprechsaal. Dcr Gcmeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums") Berlin, Posen, Broinverg, Breslau, Prenzlau, Kolderg, Leipzig, Frankfurt a. M., Warschau. — Bon Nah und Fern. Volksschriktrn. Bvn Dr. Rudolf L e s z y » s k Y. (^>2 n einer Zeit der Kinderselbstmorde über Optimismus \ zu schreiben -- wie paradox! -- Wir haben soeben einen Krieg erlebst grausam wie die Metzeleien des Mittelalters. Die Völker rüsten unablässig zu neuen Kriegen, der Kaufmann sieht mit Bangen einer Zeit der sinkenden Konjunktur entgegen. Wir Inden kämpfen vergeblich gegen den Antisemitismus, und das jahrhundertealte Gespenst der Blutlüge hat von neuem sein Haupt erhoben. Ein Zeichen des Verfalls geht durch die Welt, die Kulturvölker vernichten sich im Rassenselbstmvrd, und der einzelne achtet das eigene Leben für nichts. Das Judentum und der Jude machen es genau sv ivie die anderen. Wenn' aber auch irgend jemand ein Recht darauf hat, pessimistisch zu sein, dann sind es die Inden. Viel Gutes haben sie in ihrer jahrtausendelangen Geschichte nicht erlebt. Scheiterhaufen und Foltern, Vertreibung und Verfolgung, Verachtung und Schändung, Unterdrückung und Entrechtung, das alles und noch viel mehr kann nicht gerade zum Frohsinn stimmen und ist imstande, die gute Laune zu vertreiben. Man könnte darüber wohl noch im Zweifel sein, ob nur in der besten oder schlechtesten der denkbaren Welten leben, und ob es nicht besser für uns wäre, nie geboren zu sein. Die wenigsten von uns mögen je darüber nachgedacht haben, wie sich das Judentum zu diesem Problem verhält und ob es überhaupt Stellung nimmt. Aber schließlich ist das Judentum doch noch etwas mehr als ein bißchen Monotheismus und etwas Ethik. Es ist eine geschlossene Weltanschauung, und in dieser jüdischen Weltanschauung spielt der Optimismus eine wesentliche Rolle. Wer das sehen will, der findet bei I. Scheftelvwitz „Der Optimismus des Judentums" (in der Sammlung „Volksschriften über die jüdische Religion", herausgegeben von I. Ziegler, Verlag: Kanffmann, l913) reiches Material. Vielleicht ist es einseitig zusammengestellt, und es wäre »och eindrucksvoller gewesen, wenn auch die leichten Schatten stärker gezeichnet wären, die über das Judentum hingezogen sind. Auch die Inden sprachen gelegentlich: alles ist eitel, und nach der Zeit des Hohenliedes haben jahrhundertelang die Vertreter des jüdischen Volkes die Freude an der schönen Form, die Freude an Frauen- und Natnrschönheit für nebensächlich, wenn nicht für sündhaft gehalten. „Wer sein Lernen unterbricht und sagt: wie schön ist dieser Baum, der ist des Todes schuldig". Nach dem Schnlchan Aruch ist es verboten, „ans die Schönheit der Frau zu blicken", wohlverstanden nicht einer unverheirateten. Die äußeren Formen im Gottesdienst wurden lange Zeit vernachlässigt. Und die Freude an der Natur? - - Als ich einmal während meiner Palästinareise auf den Jordan hinausruderte und den Zauber der stimmungsvollen Landschaft so recht ans mich wirken ließ, bemerkte mein jüdischer Führer achselzuckend: „Was sehen Sie hier nun? Wasser und Bäume und Bäume und Wasser!" und man kann nicht sagen, daß die Bemerkung nnjüdisch war. Ähnliches ist vielleicht manchem von uns schon begegnet. Geben wir der Neuzeit, was ihr gebührt. Sie hat uns manches geschenkt, was vielleicht in grauer Urzeit einmal israelitisch war, ivas aber im Ghetto uns verloren gegangen ist. Und trotzdem hat Scheftelvwitz recht. Das Judentum war immer optimistisch und ist es noch heute. Der eine glaubt an allgemeine Menschenverbrüderung und der andere an einen Judenstaat in Palästina, und man soll niemandem aus seinem Glauben einen Vorwurf machen, solange er aus vollem Herzen glaubt. Nur der Unglaube ist eine Gefahr, der pessimistische Zweifel an allen Idealen, der zur Verzweiflung am Judentum und an der eigenen Persönlichkeit führt. Man muß unserer Zeit schon znrnfen: Lest optimistische Bücher — daß sie euch nicht allzu leichtgläubig-optimistisch machen, dafür wird das Leben schon sorgen -- und vor allem: gebt sie euren Kindern in die Hand. Bücher wie dieses von Scheftelvwitz können großen Segen stiften. Sie säen Vertrauen und werden Frohsinn und Tatkraft ernten. Wir sind nun einmal Optimisten und hoffen aus einer Zeit der Ueberlebtheit, der Ueberverfeinerung und des Selbstmordes in eine Zeit gesunder Ideale hinüberzukommen. Der Optimismus des Judentums gründet sich wie die ganze jüdische Religion auf die Bibel, ein in weiten jüdischen Kreisen und großen jüdischen Privatbibliotheken unbekanntes Buch. Wie unmodern doch sv viele gebildete, Juden sind! Unser modernster Dichter, Frank Wedekind, holt sich den Stoff zu seinem neuesten Drama, wie so viele Dichter vor ihm, ans der Bibel, die unseren größten Geistern unendlich viel Anregung gegeben hat, wir aber gehen an unserem Eigentum achtlos vorüber. Es gibt auch dafür Erklärungen, Ohne Kommentar können wir die Bibel, das Werk ferner Jahrtausende, nicht verstehen, der Kommentar aber ist nie so interessant wie der Text selbst. Es besteht eine wohlbegründete Abneigung dagegen, die dickleibigen Erklärungen eines schlanken Werkes durchznarbeiten. Ja, wenn Frank Wedekind einen- Kommentar zur Bibel schriebe! Ein wissenschaftlicher Kommentar mag ausführlich und erschöpfend sein, ein volkstüm-