Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1914)
- Date
- 1914-01-30
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 22 Berlin, 27. Januar. Am 25. d. M. fand unter dem Vorsitz des Herrn Dr. James S i m o n eine Sitzung des Geschäftsführeudm Ausschusses des Hilfsvcreins der deutschen Juden statt, die außergewöhnlich stark, auch von auswärts, besucht war. Im Anschluß an die vorangegangene Sitzung des Geschäftsführenden Ausschusses wurde nochmals über die aktuelle Schulsrage diskutiert. Das Vorgehen der Leitung fand erneut die einhellige Zustimmung des Ausschusses. Es wurde sodann das Budget für das Schulwerk in Höhe von 225 MO Mark bewilligt. Ferner wurden die erforderlichen Mittel für die Anslvnudererfürsorge bereitgestellt. Es wurde beschlossen, auch in Emden ein Bureau zu errichten, sobald der geplante Auswandererverkehr von den Schiffahrtsgesellschaften dort ausgenommen wird. Bon den weiteren Bewilligungen, die der Geschäftsführeude Ausschuß vollzog, seien angeführt die Erneuerung der Subvention von 5000 Mark für die Zentralstelle für jüdische Wauderarmeufürsorge mtb von 2000 Mark für den Israelitischen Unterstützungsverein für Obdachlose in Hamburg. Berlin, 27.. Januar. Die gesteigerten Ansprüche, die an den Verein L e h r l i n g s h e i m P a n k o w herantreten, und der Mangel an Mitteln, ihnen gerecht zu werden, veranlaßten das Kuratorium des Vereins, in seiner letzten Sitzung die Frage eingehend zu Erörtern, wie die mißliche finanzielle Lage des Vereins zu bessern sei. Die gedeihliche Entwickelung des vor 18 Jahren gegründeten und für unsere Heranwachsende Jugend so überaus segensreich wirkenden Vereinsinstituts Lehrlingsheim Pankow ist ernstlich in Frage gestellt, wenn es nicht gelingt, dem Verein reichliche Mittel zuzuführen. Um das Interesse für Knaben, welche sich dem Handwerk widmen, bei unseren begüterten Glaubensgenossen zu wecken, hat das Kuratorium die E i n f ü h r u n g de r sogenannten Patenschaft beschlossen. Der Pate hat für den unter seinem besonderen Schuhe stehenden Zögling für die Dauer des Aufenthaltes desselben in der Anstalt 35 Mark monatlich an die Vereinskasse zu zahlen. Drei Herren setzten den Beschluß sofort in die Tat um, und zwar erklärten sich die Herren Oskar T i e tz , Tr. I. G i n s b e r g und Direktor Oliv e n zur Annahme von Patenstellen bereit. 3nt Interesse der guten Sache wäre es sehr wünschenswert, wenn sich edle Menschenfreunde, die sich für die Verbreitung des Handwerks unter unseren Glaubensgenossen interessieren, zur Uebernahme von Patenstellen bereit erklären würden. Zuschriften sind zu richten an das Bureau des Herrn Justizrats Kraft, Berlin \V, Potsdamer Straße 122c. P. Nakel-Netze, 22. Januar. Aus Anlaß des 25jährigen Jubiläums des Herrn Lesse r Baerwald als Stadtverordnetenvorsteher wurde die erste Stadtverordneteusitzung dieses Jahres am 15. dieses Mouats durch eine Festsitzung eröffnet. Der Platz des Herrn Baerwald, des greisen langjährigen ersten Vorstehers unserer Gemeinde, war festlich mit Blumengeschmückt. Herr Bürgermeister Ai edel gedachte in längerer Bede der großen Verdienste, die sich der Jubilar während seiner langjährigen kommunalen Tätigkeit in Nakel erworben hat, mit dem Wunsche, daß er den Seinen notf] recht lall ge erhalten bleiben und ihm vcrgönut sein möge, noch viele Jahre all der Spitze der Stad-tverordnetelwersammtung zu stehen. Der stellvertretende Vorsteher Jnstizrat B r i »f schloß sich mit herzlichen Worten diesen Allsführungen all und sprach ebenfalls den Wunsch airs', daß der Jubilar noch recht lange für das gedeihliche Fortbestehell der Stadt Nakel tätig sein möchte. Herr Baerwald dankte mit bewegten Worten und versprach, trotz feines hohen Alters noch mit allen Kräften für das Wohl seiner Vaterstadt zll wirken. Am 17. dieses Monats war ein halbes Jahrhundert seit der Begründung des hiesigen jüdischen Frauenvereins verstrichen. Aus diesem Anlaß veranstaltete er am 19. dieses Mouats iln großen Saale des Schützenhamses ein Jubelfest mit Festessen, Ausführungen und Tanz. An dem Esseil nahmen fast alle Vereiusmitglieder mit ihren Angehörigen teil, so daß die Veveinsvorsitzeude, Frau Elsbeth Baerwald, tn ihrer Beil rüßullgsausprache mit Befriedigung die stattliche Zahl der Festteituehlner konstatieren konnte. Sie wies unter anderem darauf hin, daß von den Damen, die seinerzeit den Verein gründen halfen, hellte llvch sechs am Leben sind, von denen zwei, Frau Pauline B a e r lv a l d und Frau Henriette P l a e z e k, zll unserer Freude noch in unserer Gemeinde leben und wirken und unserem Verein als treue Mitglieder augehören und hellte das Fest durch ihre Anwesenheit zieren: voll den anderen Damen und den Ehrenmitgliedern waren Glückwünsche llnd Spenden eingegangen. Alsdann hob Herr Rabbiner Dr. P e r t i tz in seiner markigen lind geistreichen Festrede die Bedeutung des Frauenvereins und die Berechtigung des heutigen Jubelfestes hervor. Ausgehend von den hehren biblischen Frauen und ihrem kulturellen Wirken, schilderte der Redner den hohen Einfluß der Frauen ans humanitärem Gebiet, wies hin ans die bedeutenden Frauen, die den hiesigen Jnbetverein begründet nnd lange Jahre treu geleitet haben, und mit bewegten Worten beglückwünschte nnd segnete er den Verein, seinen Vorstand ilud Mitglieder. Die Ausführungen des Redners weckten tiefen Ernst, der noch lauge die Stimmung beherrschte. lUtiit brachte die stellvertretende Vorsitzende, Frau Hulda E i s a et, ein schwungvolles Hoch auf unser Kaiserpaar aus, das mit Begeisterung ausgenommen wurde lind iu die Kaiserhhmue ausktang. Aber erst ein von einemVereinsmitgliede gestiftetes Tasellied und dessen humorvolle Pointen verhalfen dem Frohsinn wieder zll seinem Rechte. Roch sprachen offiziell der erste Vorsteher unserer Gemeinde, Herr L es s e r P a e r lv a l d , namens der jüdischen Korporation nnb Herr Ratsherr David Jtzi g als Vorsteher der Ehewra Kaddischah für diesen Verein. Beide Redner dankten dem Jnbetverein für seine treue humanitäre Mitarbeit, für sein lnenschenfrenndliches Wirken zum Besten der Armen und Kranken ulld für fetn edles und hingebendes Liebeswerk an dell Toten; beide Redner wünschten der Jubilarin, noch eine lange ulld gesegnete Wirksamkeit. Schließlich wies noch Herr Peezkowsti unter Beibringung einiger statistischer interessanter Mitteilungen über Einnahme nnb Ausgabe während des fünfzigjährigen Bestehens des Vereins auf die in der hiesigerl. jüdischen Gemeinde voll jeher heimische Opferwilligteit für humanitäre Zwecke hin und toastete aus dell Jnbetverein, die Pslegeftätte edelster Menscheuliebe. Rach gemeinsamem Tischgebet begannen endlich die Ausführungen mit einem längeren Prolog, der von einem dem Verein nahestehenden Herrn verfaßt war und voll drei Mädchen eindrucksvoll vorgetragen wurde. Ein netter Einakter voll Moser, „Der sechste Sinn", der recht gut mld flott gespielt wurde und lebhaften Beifall errang, uub darauf folgender Tanz bildeten den Abschluß des schöllen. Festes. m. Hamburg, 23. Januar. Das R e p r ä s e n t a ll t e ll - k o l l e g i u in der Deuts ch - I s r a e l i t i s ch e u G e m eiud e hielt eine öffentliche Sitzung unter dem Vorsitz des Herrn I a k o b Ater au der ab. Zuerst wurde zur Bureauwahl für das Jahr 1914 geschritten. Zum ersten Vorsitzenden wurde Herr Alexander wiedergewählt. Die Abrechnung der Gemeinde für das Jahr 1912 lag hieraus zur Beratung vor. Es wurden einzelne Posten bemängelt. Herr H e l f t regte an, daß die Einnahme, welche für Schulgeld von der israelitischen Töchterschule erzielt lvnrde, einer erheblichen Erhöhung bedürfte: während bei der Talmud-Thora-Realschnle die Einnahmen an Schulgeld, auf sämtliche Schüler verteilt, pro Kopf gegen 00 Mark betragen, würden bei der Töchterschule nur etwa 14 Mark pro Schülerin erzielt. Bon anderer Seite lvnrde betont, daß der größte Teil der zahlungsfähigen Gemeindemitglieder zwar seine Söhne in die Talmud-Thora-Realschule, seine Töchter dagegen in andere höhere Schulen gebe. Der Vorstand der Töchterschule sei bemüht, die Einnahmen nach Möglichkeit zu erhöhen. Bei dem Posten „Waise,ipflege" führte Herr Ai a t h i a s o n aus, daß hier mindestens hundert jüdische Kinder vorhanden seien, welche namentlich, weil das Knabenwaisenhaus Kinder unehelicher Geburt nicht aufnehme, vielleicht auch aus sonstigen unbekannten Gründen keine Aufnahme in den Anstalten siudeu könnten. Redner regt die Gründung eines Kindersnrsoraeheims an. Das Kollegium sprach dann weiter einstimmig den Wunsch ans, daß das Knabenwaisenhnus der Aufnahme unehelicher Knaben in Zukuust keinen Widerstand entgegensetzen möge, eventuell müßten die Statuten geändert werden. Die Abrechnung für das Geschäftsjahr 1012 wurde schließlich genehmigt. Zur Deckung des Defizits lvnrde ans Antrag des Gemeindevorstandes ein Betrag von 14 000 Mark aus dem Ueberschnß der Depositenkasse milder Stiftungen bewilligt. Der Vorsitzende legte dann den vorläufigen Rechnungsabschluß der Kommission für das Armenwesen für 1913 vor sowie einen Antrag aus Nachbewillignng eines Betrages von 5050 Mark für die Ausgaben der Kommission. Herr Bach rach regte an, bei der Bewilligung der Armennnterstützungen müßte mehr darauf geachtet werden, daß nicht dieselben Personen ohne genauere Prüfung ihrer Verhältnisse von der Gemeinde und aus Stiftungen doppelt bedacht würden. Die neugegründete Wohlsahrtskommission habe gerade die Aufgabe, eine geordnete Armenpflege durchzusetzeu. Zur Prüfung des Etats der Armeutoulmissiou wurde schließlich eine Kommission eingesetzt. Die sahungsgemäß ausscheideuden Gememdevertreter H e i u r i ch L e v h und Abgeordneter S. W a r b u r g lvurdeu wiedergewählt. Es fand daun noch eine geheime Sitzung statt.