Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1914)
- Date
- 1914-01-30
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Auf diesen würdigen Rabbi, der zugleich der Vorsitzende des Nikolsburger Rabbincrtskollegiums war, hatte auch in unserer Angelegenheit Chajim seine ganzen Hoffnungen gesetzt. In der Rüstwoche, vor dem Neujahrsfeste, wo noch vor dem Morgengrauen die ganze Gemeinde zu heißinnigem Gebete sich versammelte, begleitete einst Chajim den würdigen Greis 1 nach dem Morgengebete in den fürstlichen Garten, wo derselbe die liebliche Morgenfrische genießen wollte. Wie von ungefähr — wer weiß, ob nicht auf Verabredung? --- begegnete ihnen da in einer Seitenallee Meier Herzseld, in Nachdenken versunken lind erst durch das Gespräch der beiden Männer aus seinen Träumen erwachend. Der greise Rabbi war dem jungen Manne besonders geneigt; erstens seiner frommen, und i'R der ganzen „Gasse" allgemein beliebten Mutter wegen und dann, weil er sich mit Vergnügen erinnerte, daß Meier Herzfeld stets sein bester und fleißigster Schüler gewesen war. Freundlich und zutraulich klopfte er dem ziemlich verlegenen Jüngling auf die Schulter und ging grüßend weiter. „Wie geht es Meier'n?" fragte er dann seinen Begleiter. „Wird er nicht bald seine „Familie" bekommen?" Daraus hatte Chajim gewartet, das wllßte er, daß der greise Rabbi beim Anblick des Jünglings diese Frage stellen werde! Von selbst hätte er ja nicht gewagt, diese Angelegenheit zu berühren, aber da nun der Rabbi gefragt hatte, entlud Chajim „sein schweres Gemüt" in begeisterter Rede, lind erzählte haarklein die ganze Geschichte von Meier und Vögele, die dem ehrwürdigen Manne unbekannt war, da er sich in Gemeindesachen fast gar nicht mischte. Es versteht sich von selbst, daß der Eindruck der ganzen Erzählung, wie sie Chajim vortrug, ein tiefer war. „Ich werde mir heut den Vorsteher rufen lassen, und ihm zu Gemüt reden; ich mein, es wird mir gelingen, ihn zum Guten zu führen," sagte der Rabbi mit bewegter Stimme. Diese wenigen Worte hatten in dem kleinen Männlein eine solche Bewegung hervorgebracht, daß er fast ivie elektrisiert schien. Er g i n g fortan nicht mehr; er tänzelte nur noch neben den Rabbi einher und mußte seine innere Erregung mit Anstrengung bemeistern. Wenn noch nie, so ward ihm jetzt in seiner Herzensfreude der fernere Spaziergang mit dem Rabbi eine Last und jede Minute zur Stunde. Auf Adlerflügeln wäre er gern zu Ivel hingeslogen, um ihm das Ergebnis seines Morgenspazierganges mitzuteilen. Endlich schlug der Rabbi den Rückweg ein. Vor der Tür des Hauses drückte er dem kleinen Famulus die Hand und wiederholte noch einmal: „Sei ruhig, Chajim, ich werd' dem Vorsteher zu Gemüt reden!" Wie der Wind war Chajim Grünwald in dem uns wohlbekannten Häuschen am „Bergel", und brachte da Freude und Jubel hinein, wo in den letzten Jahren fast nur Krimmer und Sorge geherrscht hatten . . . Man wußte in dem Häuschen nur zrr gut, welchen bedeutenden Einfluß der greise Rabbi auf jeden einzelnen in der Gemeinde, und selbst aus den Vorsteher hatte, und daß seine Fürsprache in dieser Zeit sicherlich wieder eine jener verborgenen Herzensfalten des reichen Mannes öffnen werde, aus der mit Gottes Hilfe — — eine „Familie" heraussliegen kann. Und so ging man mit gehobener, weihevoller Stimmung dem Neujahrstage entgegen! lFortsttzuna folgt.) Litrrarilche Mitteilungen. — Ben G 0 la h. D er ner. Jnrgongedichte. Berlin 1912. Verlag von Louis Lamm. Düstere und wenig fröhliche Klänge an die Heimat, Jugend, altes und neues Leid, Naturbetrachtungen. Besondere Poesie vermag ich in diesen recht ungelenken gereimten Strophen nicht zu finden: Reim und Metrum allein machen noch keine Poesie. L. G. * Ter Mischpocherenlner und andere Erzählungen von Ulrich Urank (Ulla Wolfs-Frank). 1913. Verlag von Louis Lamm, Berlin. Das neue Buch der unseren Lesern wohlbekannten Erzählerin ist durchaus empfehlenswert. Die erstere größere Novelle, nach der das Buch heißt: Der Mischpocherentner, berichtet von einem geistig Zurückgebliebenen - man könnte ihn ruhig Schlemihl nennen der, nachdem er sich Jahrzehnte in einer untergeordneten Stellnng herumgequält hat, sich von seinen begüterten Verwandten erhalten läßt, und schildert das weitenwickelte Familiengesühl der Juden. Sehr hübsch angeführte Charaktere: ein Rabbiner, ein Arzt, durchaus moderne Menschen, und ein Lehrer, der mehr dem alten Schlage angehört, beleben die Erzählung. Die zweite Abteilung wird ausgefüllt durch eine Sammlung Skizzen „Zeine Seelen", in denen Schriftsteller und Künstler vorgeführt werden, die es zur Meisterschaft in ihrem Fache gebracht lind sich das jüdische Bewußtsein treu erhalten haben. Nicht allein die Tendenz dieser Skizzen ist zu loben, sondern auch Erfindung und Ausführung dieser novellistischen Beiträge, ihre Psychologische Vertiefung, ist höchst anerkennenswert. L. G. * Sal 0 m o. Ein Festspiel von Emil Cohn. Essen 1913. lieber das gewöhnliche Maß eines Festspiels erhebt sich Emil Cohns gedankenreiche und formvollendete Dichtung. Der Inhalt ist sehr sinnig: Snlomon will seinen prächtigen Tempel bauen, das Volk murrt, weil die Lasten, die es bereits zu tragen hatte, säst zu schwer sind und es sich nicht imstande fühlt, neue zu übernehmen. Infolgedessen schickt sich Salomo an, allein den Tempel zu errichten; da fleht das Volk, die Greise jammern, die Männer wollen ihre Mitarbeit ertrotzen, aber der König bleibt hart. Als Snlamith, die er bisher umsonst begehrt hat, ihn mahnt, sangt er an, sich zu besinnen; als seine Mutter Bathseba fleht, wird er weich, und als die Kinder sich ihm zur Hilfe anbieten, läßt er von seinem trotzigen Willen ab. Er bezwingt sich, schickt Snlamith zu den ihren zurück und schaut in einer traumartigen Vision das stolze, Gott geweihte Gebäude, das er mit seinem Volke und für sein Volk errichtet hat. L. G. * F ü n f Jahre der Arbeit i n P a l ä st i n a. Vor: Dr. E. W. Tschlenoff, Moskau. Alls dem Russischen. Jüdischer Verlag, Berlin, 1913. Wenn unsere Zeitllng allch keineslvegs die Schlvärmerei für Palästina teilt -. der Charakter der „Allgemeinen Zeitung" bedingt, daß wir gelegentlich auch andere Urteile znlassen, namentlich wenn sie uns von hochgeschätzter Seite zugehen - - so nimmt sie doch nicht ungern Notiz von der praktischen Arbeit, die in Palästina geschieht. Diese wird durch vorliegendes Büchlein belegt. Besonders interessant darin ist die Schilderung der Wächterorganisation Ha - Sch'omer, ebenso die Ausführungen über die Fortschritte des Ein- und Berkallss von Grund und Boden. Der Verfasser hat selbst zwei Neisen in Palästina gemacht nnb spricht daher meist von seinen eigenen Erfahrungen; der zweimalige Aufenthalt 1907 und 1912 setzt ihn in den Stand, die Fortschritte zu konstatieren, die während der Zeit seiner Abwesenheit gemacht worden sind. L. G. * „B athseb a." Drama in einem Akt. Bon Stephan Markus. (Gedruckt „Bühne und Welt", 1. und 2. Septembe ehest 1913, S. 450 bis 469; zuerst aufgeführt am 27. Mai 1913 im Stadttheater in Zürich.) Dies biblische Drama, abgedruckt in einer vortrefflichen Zeitschrift, geleitet von Dr. Heinrich Stümcke, der leider nach erfolgreicher löjähriger Tätigkeit die Redaktion niederlegen mußte, ist ein höchst interessanter Versuch, einen biblischen Stoff neu zu weleben. Die Geschichte von David und Bathseba, der Gattin des Urin, wird ihrem tatsächlichen Inhalt gemäß trext nach der Bibel erzählt und doch vollkommen modern gewendet. Das Moderne besteht in einer ganzen Reihe von Zügen: zunächst ist es bei David nicht bloße Sinnlichkeit, sondern Schönheitstrunkenheit, die den Alternden ersaßt; bei Bathseba nicht bloß Gefügigkeit der Niedriggestellten, bk es sich Zur Ehre rechnet, das Bett des Königs zu teilen, sondern sehnsüchtige Berohrung des strahlenden, herrlichen Kriegers, welche die Jungfrau