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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-30 · Heft 5 (30.1.1914) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 5 (30.1.1914)
Date
1914-01-30
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
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58 absoluten Toleranz, zuwiderhandeln und mich zum Mitschuldigen Ihrer unchristlichen und antikulturelleu Tätigkeit machen. Pater Alois Svojsik. Der Mmilisnt. Eine Geschichte aus der Gasse. Von G u st a v K a r p e l e s. V. ^^^ie unser RabbiJ (sein Andenken sei gesegnet), gc- K'W' storben ist, hat er hinterlassen, es solle niemals und keinem je ein Unrecht geschehen, und eine Woche vor dem Versöhnungstage sollen einige Frommen und Friedliebende jedes Jahr sich zusammensetzen und alle Streitigkeiten schlichten. Wenn das geschehen wird, wird in der „Gasse" niemals Feuer entstehen. Solange wir getan haben, wie der „Rabbi" uns hinterlassen, ist uns wohl gewesen: wer denkt aber heute mehr an das Testament des „Rabbi"?; heute geschehen Unrecht, Gewaltstreiche vor wie nach dem Versöhnungsfeste und kein Mensch kümmert sich darum. Wenn das so fortgeht, bin ich nicht sicher, daß, „Gott behüte", in einer Rächt Feuer herauskommt und die ganze „Gasse" zugrilnde richtet." Auf den Gesichtern aller Umstehenden malte sich Entsetzen. Chajim, der wohl Wichte, daß sein „Rabbi" mit jenem Feuer allegorisch die Flamme der Zwietracht und des Hasses gemeint und ihr Emporlodern verhüten wollte, war mit dem Eindruck seiner Rede vollständig zufrieden und fuhr fort: „In keinem Jahr habe ich mich aber so vor einem Feuer gefürchtet wie diesmal. Tenn, hört zu und überlegt's euch die Sache: mir ist der „Rabbi" gestern im Traum erschienen, und hat mir gesagt, daß in der „Gasse" großes Unrecht geschehen, und daß sein Verdienst nicht wird aufhalten können ein Unglück, wenn dieses Unrecht nicht vor den hohen Festen wird gut gemacht werden. Und wißt ihr schon, was das für ein „Unrecht" ift? Das Unrecht ist die Sach' mit Meier Schtemihl, der schon fünf Jahr' in der „Gasse" wie ein Schatten herumschleicht und keine „Familie" kriegt. Wenn es nach Gerechtigkeit gehen möchte, hätten zehn andere „Jungen" warten müssen, und Meier hätte schon längst müssen ein „Familiant" sein. Erstlich ist er ein ehrlicher Jude, der keine „Schul" versäumt, zweitens „lernt" er ganz gut, irnd drittens ist er der Bräutigam von Vögele „Prinzeß". Diese Argumente schienen dem kritischen Tribunal vor der „Altschul" vollkommen einleuchtend. Wer „lernen" konnte, der war geachtet und geschätzt, dem räumte man willig und freudig jeden Vorrang ein, der wurde Nlit einer gewissen Ehrfurcht behandelt. Diese hohe Achtung vor dem Wissen war im Ghetto allgemein, sie war eine der herrlichsten Tugenden seiner Bewohner. Wer von dem ganzen Kreise und es war gar mancher darunter, der persönlich beeinträchtigt werden konnte Hütte es gewagt, gegen die Wucht der Argumente Chajims auch nur ein Wort des leisesten Zweifels zu erwidern? Und so, im stolzen Selbstgefühl, daß die Saat, die er ausgestreut, in den Gemütern reisen werde, schritt Chajim voran die Stufen zur „Schul", und die anderen Männer ihm nach denn es war wiederum einmal Zeit zu beten — während die schönere Hälfte des Kreises sich nach Hause verfügte, um *) Radi Markus Benedikt wurde in Nikolsburg allgemein bloß der „Rabbi" genannt, ein Zeichen inniger Liebe und treuer Anhänglichkeit. nach Erledigung der politischen ilnd sozialen Tagessragen auch die kulinarischen Bedürfnisse zu befriedigen, mit einem Worte, das „Nachtmahl" fertigzumachen. Ehajim Grünwald aber, der wackere Verfechter des Rechts und der Liebe gegen die vorsteherliche Allgewalt, gönnte sich noch keine Ruhe, sondern hatte „nach Schul" noch eine lange, lange Unterredung mit - mm mit Joel Rebeller! Mehr denn eine halbe Stunde währte diese Besprechung, und als sie zu Ende war, drückten sich die beiden die Hand so innig und riefen sich ein so herzliches „Gut Woch" zu, daß es ordentlich in ihren Mienen zu lesen war, wie sicher sie auf den endlichen Sieg ihrer Sache nunmehr rechneten. Möge ihnen ihre Hoffnung nicht zuschanden werden! Allmählich verlieren sich die Scharen der heimkehrenden Schulgeher und Spaziergänger und es wird still in der „Gasse". Nur ein Pärchen kommt da noch, fast zuletzt, den bekannten Weg vom Teich am „Gürtel" herauf, ein einziges Pärchen - wir kennen es ja Meier und Vögele . . . Die Naturgeschichte der Liebe ist vielfach dargestellt worden. Ein bedeutender französischer Schriftsteller hat ein ebenso dickleibiges wie geistvolles Buch hierüber geschrieben. Aber keiner hat noch jenen Zustand „des Hangens und Bangens in schwebender Pein" geschildert, in dem ein Liebespaar in der „Gaffe" lebte, das feine „Familie" nicht erhalten konnte. Schon die Freude uitb der Jubel bei der Verlobung, die vielleicht erst nach langem Blühen erreicht wurde, waren gedämpft in der traurigen Vorahnung des Leids, das der Verlobten wartete, die Zeit aber von der Verlobung bis zur Hochzeit, diese endlose Zeit des Wartens und Höffens wer möchte diese Zeit beschreiben, der sie nicht selbst mitgefühlt und mitgelitten hat. Jahrelang nebeneinander herzugehen, Stunden, Wochen, Monate, Jahre miteinander zu verleben, verbunden durch innige Liebe itrtb Treue, und doch nicht ganz einander angehören zu können, und doch sich sagen zu müssen: „Die Jahre der Jugend, die au der Seite des vielgeliebten Mannes, des treuen Weibes, so fuß und heilig verlebt werden, die schwinden u n s dahin in ewigem Sehnen, in bangem Leid -- das ist das herbste Weh der Liebe, die jener schaurig-heilige Spruch „Feirergluten und Gottesflammen" genannt hat. Meine Leser haben sich von Jsak Veigelstock, dem Selbstbeherrscher aller Nikolsburger Juden, sicherlich das schauderhafte Bild eines bösen Menschen, wie er höchstens noch auf dem Theater vorkommt, entworfen. Allein, in diesem Bilde dürfte doch ein Zllg fehlen. Jsak Veigelstock war nicht unbedingt schlecht. In einer verborgenen Falte seines Herzens lag ein kleines Häufchen von guten Gesinnungen versteckt, von denell zeitweilig, wenn ein Angriff auf sein Herz gewagt wurde, eine oder die andere zum Vorschein kam. Dieses menschliche Fühlen des Vorstehers wilßte keiner so auszunützen, als der ehrwürdige Rabbiner der Gemeinde, ein Greis von imponierender Erscheinung, von einer Würde und Hoheit, die aus seiner Nähe alles Böse verbannte und jeden Bösen schon erzittern machte. Ich gestehe, ein solches Antlitz, wie das jenes ehrwürdigen Mannes, später nie wieder gesehen zu haben. Wenn er durch die „Gasse" ging, blieb alles, jung und alt, ehrfurchtsvoll stehen; die Frauen und Mädchen liefen in die Häuser und versteckten sich, als wären sie gar nicht würdig, von ihm gesehen und beachtet zu werden. Und doch war der würdige Rabbi ebenso leutselig als bieder, und im höchsten Grade tolerant, was schon seine besondere Liebe zu Chajim Grünwald bekundete. Chajim, „der geschickte Mensch", war die rechte Hand unseres Rabbi, der einzig und allein dem Gesetzesstudium obliegend, von weltlichen Dingen nichts wußte und noch weniger verstand. Dies alles besorgte Chajim mit der ganzen Liebe und Verehrung eines treuen Schülers zu seinem greisen Lehrer.

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