Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1914)
- Date
- 1914-01-30
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
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- 57 wird von diesem Besuche berichtet: Die reichen Geschenke, die sie dem König bringt, werden aufgezählt, und der Respekt erwähnt, den sie vor seiner Weisheit erlangt. Das wenige, was hier berichtet wird, eignet sich durchaus nicht zu einem Drama. Der Dichter mußte also frei erfinden. Dieses Recht wird ihn: niemand bestreiten. Auch Goethe ist mit historischen Stoffen, man denke nur an „Götz", „Egmvnt" und „Tasso", sehr willkürzlich verfahren, und wenn auch Kleineren nicht alles erlaubt ist, was wir einem Größeren gestatten, so darf doch das Recht des Dichters nicht verkümmert werden, historische Vorgänge zu ändern. Von diesem Rechte hat Mosenthal in nicht ungeschickter Weise Gebrauch gemacht: die Charaktere Salomons und der Königin von Saba bleiben bestehen: die Prachtliebe der Königin, die Hoheit und die Weisheit Salomons. Nur daß das eigentliche Stück, es weniger mit Salonion, sondern mit Assad und Sulamith zu tun hat. Assad ist im Aufträge des Königs Salomon der Königin von Saba entgegengereist, hat sie beim Baden gesehen und wurde ebenso wie die Königin selbst von plötzlicher Liebe ergriffen. Aber die Königin, obwohl sie sich ihm bei jener Badeszene hingegeben, verleugnet ihn nun, da er sich weigert, die ihm verlobte Braut, Sulamith, die Tochter des Hohenpriesters, zu heiraten. Sie verleugnet ihn öffentlich, um ihn heimlich desto fester an sich zu knüpfen. Sulamith zieht in die Einsamkeit, Assad wird zum Leben in der Wüste verdammt. Da erscheint ihm die Königin noch einmal, um ihn zu locken und ihn dauernd an sich zu fesseln, er aber verstößt sie nun und stirbt im Tode mit Sulamith vereint, die mit ihren Frauen herbeigeeilt ist. Ich gestehe, daß ich diese Bearbeitung durchaus nicht unpoetisch finde, wenn sie auch stark romantisch ist. Ob sich das Ganze mit jüdischen Vorstellungen verträgt, ist eine andere Frage. Es gemahnt mehr an mittelalterlichen Liebeszauber mit nachfolgenden Asketengelüsten, an die Teufelinnen, von deren dämonischen Wirkungen manch Heldenepos zu erzählen iveiß, als an jüdische Vorstellungen. Wenn man nun diese Analyse erwägt, so muß man sagen, die eigentliche Hauptszene ist die des fünften Aktes, in der die Königin von Saba ihren wahren Charakter enthüllt und zu Assad in die Wüste zieht. Was soll man nun dazu sagen, daß bei der Aufführung des Deutschen Opernhauses diese wichtigste Szene einfach ausgelassen wird, und daß nach Assads Verzweiflungsgebärde in der Wüste unmittelbar ohne jeden Uebergang der Tod erfolgt? Hat denn keiner der dort ausschlaggebenden Herren eine Spur von dramatischem Verständnis? Freilich, die Oper ist Ziemlich lang, der fünfte Akt beginnt erst kurz vor 11 Uhr. Aber man könnte ohne Schaden anderes weglassen, zum Beispiel den zwar ganz hübschen, aber durchaus unnötigen Tanz im vierten Akt, und würde dann Zeit genug für diese allerwichtigste Szene erhalten. Man sollte doch bedenken, daß eine Oper wie diese kein bloßes Musikstück ist, daß sie nicht nur zur Entfaltung herrlicher szenischer Bilder dienen soll, sondern daß sie ein Drama ist. In einem Drama muß die Handlung folgerichtig durchgeführt werden. Das scheint der von Herrn Neumann-Hofer zu Unrecht geschmähte Mosenthal entschieden besser gewußt zu haben als diejenigen, die den Mosenthalschen Text so willkürlich einer Hauptszene beraubten. Auch für die Mosenthalsche Poesie möchte ich eine Lanze einlegen. Ich will nur eine Probe Mitteilen; es sind Worte der Königin in der letzten Szene, sie lauten so: O komm', ini Schatten dunkler Palmen Weiß ich ein Plätzchen, niemand kund, Der Liebe nie verstand'ne Psalmen Erklärt dir flüsternd dort mein Mund. Die Blumen hauchen stille Küsse Im Paradies, wo Liebe weilt. Des Lebens Kern voll Wonnesüße, Sei zwischen mir und dir geteilt. O zög're nicht, die Stunden fliehen, O komm, o komm! O laß uns ziehen Ins Paradies der höchsten Lust, Wo Liebe schwelget Brust an Brust! Gewiß, ist das nicht hohe Poesie, aber die Verse sind mindestens ebenso gut wie in anderen Operuterten; als „allzu glatte Verse init klapprigen Reimen" möchte ich sie keinesfalls charakterisieren. Lin katholischer Orietter über den Antisemitismus. in tschechisches Blatt, der „Rozwoj", veröffentlichte an führender Stelle eine Zuschrift des katholischen Priesters P. Alois Svojstk, in welcher dieser seine persönlichen Erinnerungen an den in Prag kürzlich verstorbenen kaiserlichen Rat Bondh wiedergibt und sich mit aller Schärfe gegen den Antisenütismus wendet. In der Zuschrift heißt es u. a.: „Ich war ein junger armer Student, als mich eines Tages mein Lehrer zu sich berief und mir cröffnete, daß mich das Lehrerkollegium als würdig auserlvühlte, einen Studienbeitrag ds Herrn Bondh in Anspruch zu nehmen. Ich stellte mich dem Herrn Bondh vor, und nach Schilderung meiner Verhältnisse teilte mir dieser mit, daß mir während meiner Studienzeit jeden Monat ein für meine Begriffe ansehnlicher Beitrag an seiner Geschäftskasse ausbezahlt werden wird. Kein Ermahnen, keine Hinweise auf Dankbarkeit, lediglich einige wohltuende aufmunternde Worte, und ich schied mit freudigem Herzen und einer vollen Tasche von Herrn Bondh. Von diesem Zeitpunkt an und während meiner Gymnasialstudienzcit besuchte ich das Haus des Herrn Bondh, woselbst gleich mir ganze Kolonnen armer Studenten die monatliche Unterstützung in Empfang nahmen. Dieser eine Mann, ein Israelit, war mir mein Leben lang das Muster eines edlen Wohltäters. Jederzeit, wenn Versuche an mich heranreichten, mich in den Strudel des rohen Antisemitismus mitzuziehen, erinnerte ich mich an den Mann, der nicht fragte, welcher Konfession ich angehöre, welche Meinung ich habe, sondern dort gab, wo seine Hilfe erforderlich war. Der verhetzende Antisemitismus war und ist mir fern. Als mir die Zeitschrift „Das XX. Jahrhundert" zum Bezüge angeboten wurde, verbat ich mir deren Zusendung mit einem Brief, dessen Inhalt ich folgendes entnehme: „Ich übereinstimme nicht mit Ihren Anschauungen und muß die Art Ihrer Judenbekämpfung auf das entschiedenste ablehnen. Ich kenne eine ganze Reihe Juden, welche ehrliche Menschen sind. Ich lernte in der Welt das Judentum als einen wichtigen Volksbestandteil kennen, dessen Kulturarbeit hoch einzuschätzen ist, und ich bin der Ueberzeugung, daß nur der in Ihrem Blatte propagierte unchristliche Antisemitismus viele Juden davon abhält, sich dem Volkskörper ganz anzupassen. Ein Jdeenkampf mit gemeinen Mitteln geführt paßt nicht in den Rahmen eines Blattes, das sich christlich nennt. Die dem Katholiken oft zugesügten Beleidigungen schmerzen denselben sehr, berechtigen ihn aber nicht. Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Wer den Schutz des Gesetzes für das eigene Bekenntnis anrust, darf nicht das Bekenntnis anderer herabwürdigen, und schon gar nicht jener, aus deren Mitte uns der Begründer des Christentums ward. Ich bin daher bemüßigt, den Bezug Ihres Blattes abzulehnen. denn sonst würde ich meiner Ueberzeugung, der