Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1914)
- Date
- 1914-01-30
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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-----.. I I .1,1.1 U-. . •. ih V* a .. »W-'UV 56 Das heißt mit anderen Worten, daß von nun an auch bei den Handelsgerichten die Zulassung eines jüdischen Rechtsanwalts nur in jedem besonderen Fall auf Grund einer speziellen Erlaubnis des Justizministers geschehen kann,, während bisher dazu keine besondere Erlaubnis notwendig war. Da nun der Justizminister schon seit einer Reihe von Jahren seine Genehmiguyg der Zulassung der jüdischen Rechtsanwälte zu den Gerichten konsequent verweigert, so ist diese neueste Entscheidung des Senats vorläufig gleichbedeutend mit dein völligen Aufhören der Jnskribierung von jüdischen Advokaten bei den Handelsgerichten. Es ist zwecklos, dieses traurige Bild noch durch weitere Einzelheiten vervollständigen zu wollen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Zeitungen nicht eine neue Nachricht über Ausweisungen und sonstige Rechtsbeschränkungen der Juden bringen. Nur in einer Beziehung scheint der Beilisprozeß doch dazu beigetragen zu haben, in den konservativ-reaktionären Kreisen eine gewisse Differenzierung in der Judenfrage hervorzurufen. Die in Kiew erscheinende Zeitung „Kijewljanin", die seit vierzig Jahren in einen: konsequent antisemitischen Geist geleitet wird und ein sehr einflußreiches Blatt in Südwestrußland ist, hat sich entschieden gegen die Ritualmordbeschuldigung im Beilisprozeß gewendet. Die Zeitung bildet in dieser Hinsicht fast die einzige Ausnahme in der Phalanx der reaktionären Presse Rußlands, welche durchaus an dem Ritualmordmärchen festhält. Da nun der Leiter der Zeitung, Schulgin, einer der Führer der sehr stark antisemitischen Nationalistengruppe in der Reichsduina ist, so ist diese Haltung seines Blattes nicht bloß ein Presseereignis, sondern hat auch eine größere politische Bedeutung. Natürlich regnet es jetzt in der ganzen russischen antisemitischen Presse Beschuldigungen gegen Schulgin und seine Zeitung/daß sie sich „den Juden verkauft haben". Es ist bis zu einem gewissen Grade amüsant, in den Zeitungen dieses Lagers den antisemitischen „Kijewljanin" plötzlich als ein Audenblatt bezeichnet zu sehen. In Kiew ist schon sogar eine neue „echtrussische" Zeitung gegründet worden, die dein Wunsche „der Patrioten" gemäß, die Stelle des „Kijewljanin", welcher „die russische Sache an die Juden verraten habe", einnehmen soll. Es scheint die Erwartung nicht ganz unberechtigt, daß die Haltung des bisher entschieden antisemitischen Blattes im Beilisprozeß doch der Anfang einer Revision der Stellung zum Judentum wenigstens bei einem Teil der nationalistisch-konservativen Kreise bedeuten wird. Es ist möglich und gewisse Anzeichen sprechen dafür —, daß wenigstens ein Teil der erwähnten Kreise sich vom „Pogromantisemitismus" abwenden und zu einer mehr kulturellen wenn der Ausdruck hier gebraucht werden kann — Form des Antisemitismus sich emporschwingen wird. Unter den gegenwärtigen russischen Verhältnissen wäre auch schon das ein Fortschritt. L. Goidmark, Me Königin non Labs. Von Ludwig Geiger. s kommt selbst in Deutschland wohl selten vor, daß eine von einem Juden komponierte Oper, nach einem von einem Juden herrührenden Textbuch bearbeitet und noch dazu einen jüdischen Gegenstand behandelnd, sich jahrzehntelang auf dem Repertoire erhält. Das ist in Goldmarks, des vor einigen Monaten in diesen Blättern gewürdigten Komponisten, Oper „Die Königin von Saba" der Fall. Das Textbuch stammt von S. H. Mosenthal, dem Dichter der „Deborah". Die Oper wurde während der ersten Spielzeit des kürzlich erwähnten „Deutschen Opernhauses" in Charlottenburg wieder auf die Bretter gebracht und setzt in der zweiten Spielzeit ihren Siegeslauf fort. Die Oper verdient diesen Beifall. Sie ist melodiös, bietet Raum für Prachtentfaltung aller Art, gewährt dankbare schauspielerische Rollen und enthält hübsche Ballette. Die erste Aufführung der „Königin von Saba" fand in Wien am 10. März 1875 statt. Die Oper ist seitdem auf vielen deutschen Bühnen gegeben worden; keines der späteren Werke des fruchtbaren Komponisten hat einen ähnlichen Erfolg davongetragen wie das erste. Es ist nicht meines Amtes, eine Kritik der Komposition zu liefern. Ich kann nur den persönlichen Eindruck konstatieren, daß sie außer manchen Anklängen an Wagner, trotz gelegentlicher Banalitäten und einzelner Effektspielereien höchst wohltönend klingt, bald anmutig, bald ergreifend, mitunter berauschend. Die Szenenbilder sind sehr schön. Es sind im ganzen fünf: Halle im Palast Salvmons; Garten; Tempel; Festhalle; in der Wüste. Nur zwei Ausstellungen möchte ich machen: der Tempel zeigt nichts von jener verschwenderischen Pracht, die wir nun einmal mit dem Salomonschen Tempel zu verknüpfen gewohnt sind: er ist vielmehr ellvas willkürlich, aus einer farblosen Dekoration mit dem Typus der modernen Synagoge zusammengesetzt. Gegen die Festhalle, wie der offizielle Theaterzettel anzoigt, möchte ich geltend machen, daß man unter Halle, einen geschlossenen Raum versteht, während diese Halle ein offener Platz ist, auf den die Sterne herabschimmern. Was ich hauptsächlich hier hervorheben möchte, bezieht sich auf das Textbuch, das mir bei einer Oper nicht so gleichgültig ist wie eingefleischten Musikfreunden. Einer der literarischen Vertrauensmänner des Deutschen Opernhauses, Herr Otto Neumann-Hofer, sagt in einer Abhandlung, die dem Theaterzettel beigegeben ist, darüber folgendes: „Das Textbuch der „Königin von Saba" rührt von Hermann Mosenthal her, dem Dichter des einstmals viel aufgeführten Schauspiels „Deborah". Mosenthal war nicht nur ein fruchtbarer Schauspieldichter, der sich auf den effektvollen Aufbau der Handlung verstand, sondern auch einer der erfolgreichsten deutschen Librettisten. Seine erste Arbeit auf diesem Gebiet war auch seine wertvollste, das Textbuch zu Nicolais „Lustigen Weibern von Windsor"; doch auch die Bücher, die er Rubinstein für die „Makkabäer", Kretschmer für die „Folkunger", Ignaz Brüll für das „Goldene Kreuz" und den „Landfrieden", Adolf Müller für den „Twardowski" lieferte, gehören zu den besseren ihrer Gattung. Ob auch das Buch der „Königin von Saba" zu den besseren gehört, dürfte freilich zu bezweifeln sein. Diese gesuchte Umgestaltung des biblischen Stoffes, die den König Salomo zu trauriger Passivität verurteilt, ohne die anderen Figuren lebensvoller zu gestalten, und die die zartüppige Lyrik des Alten Testaments in allzu glatte Verse mit klapprigen Reimen wandelt, zielt auf nichts anderes ab, als darauf, dem Tondichter Massenbilder mit großem szenischen Apparat zu schassen, um ihm Gelegenheit zu geben, zur Augenblendung des Bühnenapparats die Ohrenblendung rauschender Orchesterwirkungen hinzuzufügen. Um so größer ist Goldmarks Verdienst, denn bei aller berechtigten Kritik seiner Musik darf man ihr die Anerkennung nicht versagen, daß sie sowohl in der Absicht wie in der Ausführung sich deutlich über die Höhenmarke dieser Tendenz erhebt." Man mag dem Verfasser der eben mitgeteilten Beurteilung dankbar dafür sein, daß er ziemlich schonungslos über ein Werk urteilt, das unter seiner eigenen Mitverantwortung dein Publikum dargeboten wird. Aber ich halte seine Meinung nicht für richtig. Freilich von der biblischen Königin von Saba muß man bei Beurteilung des Textbuches absehen. Von ihr sind eigentlich nur die Pracht geblieben und der Besuch bei König Salomon. Im ersten Buch der Könige, Kapitel 10,