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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-30 · Heft 5 (30.1.1914) · p. Seite 55

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 5 (30.1.1914)
Date
1914-01-30
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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55 Türkusierlmgsbestreblmgen wahrlich nicht zum Vorwurf machen kann. Gerade die obigen Darlegungen beweisen aber, daß die Sprachenfrage all den technischen Anstalten in Palästina im Grunde weit weniger ein philologisches denn ein soziologisches Problem bildet. Die Juden im Orient, die in ihrem Kampf ums Dasein sich fast immer auf dem Rückzuge befanden und nun kaum noch die letzte Gefechtslinie mit einigem Erfolge zu behaupten vermögen, müssen, um im sozialen Leben sich günstigere Positionen erringen zil können, nicht nur wirtschaftliche, sondern auch moralische Eroberungen machen. Tüchtig sein und geschickt, tüchtig in der Arbeit und geschickt im Verkehr, darf allein noch für sie als Marime gelten. Es sei nur ganz im Vorübergehen daraus hingewiesen, daß ein durchgreifender wissenschaftlicher Unterricht im Hebräischen auf alle Fälle ein Experiment darstellt, da die Versuche am Gymnasium in Jaffa und am Lehrerseminar in Jerusalem noch lange nicht als hinreichende Beweismittel geltend gemacht werden können; daß es aber doch wohl kaum der richtige Weg zu sein scheint, auf diese Weise ein Unternehmen, das selbst schon ein schweres und schwerwiegendes Experiment bildet, in die Welt zu lancieren und ihm in der Leffentlichkeit den nötigen Kredit zu verschaffen. Wenn es schließlich doch nicht klappt? Wenn am Ende alles doch nicht stimmt? Wenn zuletzt die Erfahrung, trotz theoretischer Vorausberechnung, uns doch eines anderer? belehrt? Dann ist das „Jüdische Institut für technische Erziehung" um sein Prestige gebracht, dann war alles umsonst, alles vergeblich, alles eitel Wahn und trügerische Hoffnung. Welch ungeheure Verantwortlichkeit!! Und da sage ich mir lieber noch einen Konstruktionsfehler in der hebräischen Grammatik als einen Konstruktionsfehler in einer Brückenanlage oder in einer der wichtigen statischen Berechnungen. Zudem bedingt gerade der technische Beruf eine dauernde Berührung und einen ständigen Verkehr mit der Außenwelt. Der Jude soll Vorgesetzter sein, soll Untergebener sein; wird aber so oder so dabei doch immer ein mitwirkendes Glied im großen Getriebe der Gesellschaft werden. Indem nun der Jude sich seine Stellung im Leben erst erobern will, erst erobern muß, ist er in besonderem Maße darauf angewiesen, sowohl in seiner fachmännischen Tätigkeit wie in seiner Beamteneigenschaft, sich den anderen anzupassen und auf seine Umgebung Rücksicht 31t nehmen. Ingenieure, die eine ausschließlich hebräische Ausbildung genossen haben, könnten allenfalls im heiligen Laude eine Unterkunft finden. Aber wie viele? Für Betriebe außerhalb Palästinas, für die großen Eisenbahngesellschaften, für die mannigfachen Dampfschiffahrtsgesellschaften, für ottomanische Regierungsbetriebe lind ähnliche Unternehmungen kämen sie kaum noch in Betracht. Nicht die Judenfrage soll das Technikum lösen, sondern die Existenzfrage vieler Juden im Orient lösen helfen. Da nun im Leben alles, allch die Beschäftigung von Menschen, sich nach dem Gesetz von Nachfrage und Angebot richtet, mußte mit aller Gewalt darauf hingestrebt werden, daß dem Angebot von allsgebildeten Technikern jederzeit eine entsprechend starke Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften gegenüberstehe. Nichts anderes als die Verwirklichung dieses, von der Zweckmäßigkeit diktierten, ganz auf das Praktische gerichteten Gedankens ist es, was mit dem für den Unterricht an den technischen Anstalten vorgesehenen Sprachenmosaik erreicht werden sollte. Und daß schließlich in der buntscheckigen Zusammenstellung gerade dem Deutschen eine besondere Berücksichtigung eingerämnt worden ist, erscheint mir nach der Lage der Dinge gleichfalls in den Verhältnissen begründet. Mit seinen rund 3000 Kilometer umfassenden Eisenbahnen, die Deutschland in der Türkei baut, vermag es allein schon ein schier unabsehbares Betätigungsfeld fürtechnisch geschulte Arbeitskräfte zu bieten. Dazu kommen natürlich die zahlreichen Konzessionen, welche das deutsche Kapital sonst noch in der Türkei zur Erschließung des Landes besitzt. So wurde erst kurz vor- Ablauf des letzten Jahres die Errichtung einer Untergrundbahn in Konstantinopel beschlossen, undihr Bau, zunächst zwischen Pera und Stambul mit Untertnnnelirng des Goldenen Horns, einem Konsortium unterdeutscher Führung übertragen. Schon jetzt nimmt Deutschland im Wirtschaftsleben der Türkei eine dominierende Stellung ein, und es läßt sich nicht bestreiten, daß nach dieser Richtung sein Einfluß in nächster Zukunft noch beträchtlich wachsen wird. Die Frage der deutschen Sprache gewinnt aber noch an Bedeutung, wenn wir Oesterreich in den Kreis unserer Betrachtung hineinziehen, Oesterreich, das als Vormacht des Balkans mit den Balkanstaaten ebenso wie mit der Türkei wirtschaftlich außerordentlich stark verknüpft ist. Freilich handelt es sich bei all dem um ein j ü d i f eh e s Technikum in Palästina. Es sollte nicht etwa ein Mittweida oder Bingen werden, sondern einen ganz spezifischen Charakter erhalten. Ist dem Rechnung getragen worden, wie könnte dem Rechnung getragen werden? Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt unserer Betrachtungen angelangt. Nachdem wir die Abwehr des Hilfsvereins kennen gelernt haben, wollen wir nun zuletzt auch noch die Angriffe der Zionisten einer kurzen Nachprüfung unterziehen. (Schluß folgt.) Lrirk aus Kuhsand. s hat den Anschein, als wolle die russische Regierung jetzt durch ihr Verhalten den Juden gegenüber sich au ihnen rächen, daß es ihr nicht gelungen ist, im Beilisprozeß einen vollständigen Sieg zu erringen. Anders lassen sich die fortwährend aufeinander folgenden Represfionsmaßregeln gegen die Juden nicht deuten, die nlanchmal den Eindruck Hervorrufen, als ob die Regierung an nichts anderes denkt, als den Juden das Leben unmöglich zu machen. Es genügt darauf hinzuweisen, daß während einer e t n z i g e n Woche die Zeitungen folgende Fälle von Ausweisungen registriert haben: aus Kiew werden die jüdischen Hörerinnen der Kindergärtenlehrerinnen-! schulen allsgewiesen; aus Saratow Schüler des dortigen Kon-! servatorinms für Musik; ans mehreren Punkten der Gouverne-- ments Minsk und Podolien treffen Nachrichten über Ausweisungen von Juden aus den Dörfern ein. So geht es in einem fort. Gleichzeitig beginnt die Polizei in Petersburg Läden, welche stidischen Handwerkern gehören, 31t schließen, aus Grund der Bestinunung (8 1171 der Strafgesetzordnung), laut welcher jüdische Handwerker außerhalb des Ansiedlungsrayons das Recht haben, nur solche Waren zil verkaufen, welche sie selbst in ihren Werkstätten hergestellt haben. Da mm verschiedene Handwerker nicht bloß eigene Fabrikate in ihren Läden verkaufen, sondern auch von fremden Firmen hergestellte, so wurden einige Geschäfte in Petersburg gerade vor den russischen Weihnachten, d. h. während der besten Geschäftssaison, geschlossen, die Waren konfisziert und die Eigentümer vor Gericht gestellt. Tie Leute werden also nicht bloß ruiniert, sondern werden sich noch wegen des „Verbrechens"" zu verantworten haben, daß sie es gewagt haben, nicht bloß eigene Fabrikate zu verkaufen. In verschiedenen Provinzialstädten, z. B. in Kiew, Minsk nsw., Werder? ähnliche Prozesse den jüdischen Handwerkern schon längst gemacht. In derselben Woche wurden die Rechte der jüdischen Rechtsanwälte wieder erheblich beschränkt, indem eine neue Entscheidung des Senats (Reichsgerichts) bestimmte, daß auch bei den Handelsgerichten jüdische Advokaten nur unter denselben i Bedingungen wie bei den übrigen Gerichten zugelafsen seien.

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