Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1914)
- Date
- 1914-01-30
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
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54 die sich al s eine im w eit e st e n Sinne dem Weltverkehr die n ende dar stellt. Was ich da sage, ist selbstverständlich, ist alltäglich, ja geradezu banal. Aber daß man es noch sagen muß, beweist mtr, wie sehr verfahren alles ist, wie sehr Irrungen imb Wirrungen in dem gegenwärtigen Kampfe unheimlich ihr Wesen treiben. Wenn ich den von mir früher betonten Gegensatz zwischen einer der Kulturpflege geweihten Einrichtung und einem in den Dienst praktischer Fachausbildung gestellten Unternehmen auf eine bestimmte Formel bringen wollte, würde ich sagen: Die Ausgabe d e r e r st e r e n i st z e n t r i p e t a l e r, d i e des letzteren hingegen zentrifugaler N a t u i*. Wie sicher wahr es auch ist, daß Kultur im Sinne persönlichsten Innenlebens nur durch Bodenständigkeit auf nrheimatlicher Schotte zu echter Blüte gelangen könne, so wird man umgekehrt an jeden Versuch einer praktischen Erziehung als unerläßliche Vorbedingung die Erwartung knüpfen müssen, daß gleichzeitig für eine Steigerung der Arbeitsmöglichkeiten, für eine Weitung des Verkehrskreises und für eine Allsdehnung des Tätigkeitsfeldes nach Kräften Vorsorge getroffen werde. Schließlich war das ja auch allein, was zur Erwägung des ganzen Projektes überhaupt Anlaß gegeben hat. Denn erst die Erkenntnis, daß in der Türkei, dank ihrer ökonomischen Gestaltung, sich der Weg ins Freie und Weite aufgetan! unb für schier unbegrenzte Möglichkeiten der Betätigung und Entwicklung sich geöffnet hatte, ließ auch die Idee der Gründung von technischen Schulen aufkommen und zugleich deren Realisierung als wünschenswert erscheinen. In seinem bereits erwähnten Briefe an Herrn Jacob Schiff gibt Herr Dr. Nathan eine kurze Schilderung der Gedankengänge, die ihn beim Entwurf seines Planes geleitet haben. „Schon bei einer flüchtigen Durchquerung türkischen Gebietes", heißt es darin, „zeigt es sich, welche außerordentliche Bedeutung die moderne Technik für die Entwicklung des Landes hat. Das Land ist in starkem Aufschwiulg begriffen dort, wo es moderne Straßenanlagen und wo es Eisenbahnen gibt; der Seeverkehr hebt sich, wo Kaianlagen vorhanden sind, während jene Gebiete, die dieser Segnung noch entbehren, in tiefstem Verfall liegen, und zwar selbst solche Gegenden, die nachweislich im Altertum zu hoher Kultur gelangt waren. Die Entwicklung in der Türkei wird also wesentlich davon abhängen, daß die moderne Technik sich mehr und mehr diese Länder erschließt. Selbst bei der Rechtsunsicherheit, die früher bestanden hat, ist es möglich gewesen, zu Fortschritten 51t gelangen. DieAendernng der politischen Lage in der Türkei läßt hoffen, daß die Entwicklung sich nun noch schneller und ungehinderter vollziehen wird. Es muß daher von höchster Bedeutung erscheinen, daß unsere Glaubensgenossen in der Türkei in erheblichem Umfang an dem allgemeinen Aufschwung Anteil zu nehmen in der Lage sind." Die Aussichten der Juden aber lassen sich in dieser Beziehung, wie Herr Dr. Nathan in dem Briefe weiter ausführt, als recht günstige bezeichnen. „Bisher war die türkische Regierung ausschließlich auf fremde Ingenieure und Techniker angewiesen. Diese Elemente wurden von seiten der Behörden stets mit einem gewissen Mißtrauen betrachtet, ganz abgesehen davon, daß sie für ihre Aufgabe auch nicht besonders geeignet waren, da sie zum ganz überwiegenden Teile der Landessprachen, des Türkischen und Arabischen, unkundig sind. Unsere in der Türkei lebenden Glaubensgenossen werden hingegen als türkische Untertanen von seiten der Regierung nicht mit dem gleichen Mißtrauen wie Ausländer betrachtet werden, \mb sie werden ferner über den außerordentlichen Vorteil verfügen, daß sie, der Landessprachen mächtig, mit der einheimischen Bevölkerung, die bei den Arbeiten beteiligt ist, unmittelbar verkehren können. Gelingt es aber, jüdische Techniker in leitende Stellungen hineinzubringen, so wird es alsdann auch möglich sein, eine große Anzahl jüdischer Arbeiter, die den Technikern unterstellt sind, zu beschäftigen. Die Heranbildung jüdischer Techniker brächte demnach nicht nur einer kleineren Anzahl Glaubensgenossen, die in der Lage waren, sich eine höhere Bildung anzueignen, Vorteil, sondern gleichzeitig den jüdischen Massen, die heute noch in Armut versunken sind. Dies um so mehr, als das Gebiet, das für die moderne Technik im Orient noch zu erobern ist, zurzeit als ein fast unbegrenztes erscheinen muß. Orientalische Juden, die als Techniker ausgebildet sind und der Landessprachen mächtig sich erweisen, die überdies durch ihre Geburt weit widerstandsfähiger als die Ausländer gegenüber dem Klima sind, werden mit der fortschreitenden Erschließung der asiatischen Länder selbst bis an die indische und chinesische Grenze und hinwiederum auch in Aegypten, das durch englischen Einfluß der Kultur erschlossen wird, als Wege- und Eisenbahnbauer, für Flußregulierungen, für Brückenbauten, für Kaianlagen, für die langsam sich entwickelnde Fabrikindustrie usw. Verwendung finden können." Ein herrliches, angesichts der unsäglich traurigen Gegenwartsverhältnisse fast märchenhaft klingendes, fast phantastisch anmutendes Zukunftsbild! In solchem Falle muß, nach meinem Dafürhalten, die erste wenn auch gewiß nicht einzige Frage sein: Wie kann i ch d a s m i r überlassene Kapital a m h ö ch st e n v e r z i n s e n, w i e k a n n i ch m i t d e m m i r a n v e r t r a ut e n Pfände am besten w u ch e r n? Will man aber wirklich einem glauben machen, daß mit dem Sieg des äußersten Flügels der Hebraisten, mit dem Triumph ihrer radikalen Forderungen der Sache am ehesten gedient wäre? Auf die überaus subtile Frage, wie weit Hebräisch sich als Unterrichtssprache für die naturwissenschaftlichen Disziplinen bereits eigne, wie weit für die in Betracht kommenden Fächer die notwendigen Lehrbücher im Hebräischen schon vorhanden sind und inst not least — wie weit des Hebräischen kundige Dozenten überhaupt aufzutreiben sein werden, möchte ich hier des näheren nicht eingehen. Ueber die augenblickliche Verwendbarkeit des Hebräischen als wissenschaftliche Unterrichtssprache sind die Ansichten der zur Entscheidung der Frage ja allein berufenen Fachleute noch sehr geteilt. Daß wissenschaftlich brauchbare Lehrbücher und wissenschaftlich erprobte Lehrkräfte zurzeit im Hebräischen in genügender Zahl nicht vorhanden sind, wird zwar allgemein zugegeben, indessen vielfach dabei der Ueberzeugung Ausdruck verliehen, daß beides sich ohne erhebliche Schwierigkeiten in kurzer Frist beschaffen liehe. In einem „Technik und Sprache" überschriebenen Artikel der „Welt" vom 5. Dezember 1913 bemerkt Herr Ingenieur Käst lansky, der sich darin restlos als „Hebraist" bekennt: „Gewiß haben wir noch keine fertige Terminologie für alle technischen Disziplinen, ebenso wie sie die Araber und Türken in Asien oder die Ukrainer und Letten in Europa noch nicht haben, ebenso wie sie Russen, Tschechen und Ungarn vor dreißig und vierzig Jahren noch nicht hatten." Alls Liebe zur hebräischen Sprache und im Interesse einer erfolgreichen Wirksamkeit des Technikums nehme ich an, daß der Verfasser aus rein taktischen Gründen diese Avancen gemacht hat und, indem er einen Hieb parieren oder versetzen wollte, sich ungewollt eine Blöße gab. Wenn die Juden Palästinas auf die Stufe der Ukrainer und Letten gebracht werden sollen, wenn das Technikum in Haifa den Rang böhmischer und ungarischer Anstalten vor dreißig oder vierzig Jahren einnehmen soll, dann bedanke ich mich schönstens dafür, dann mache ich einfach nicht mit. Man sieht: nicht immer heißt es, frisch gewagt, ist halb gewonnen... Nur der Kuriosität halber will ich in diesem Zusammenhänge noch erwähnen, daß in der Kaiserlich Ottomanischen Ingenieurschule zu Konstantinopel (Muhendis-Mektebi-Top-hane) bis heute nicht Türkisch, sondern Französisch die Hauptunterrichtssprache bildet, wiewohl man doch den Jungtürken mangelnde