Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1914)
- Date
- 1914-01-30
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
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53 Aber da es zehn Jahre ging, wird man das im großen nnd ganzen doch Wohl annehmen dürfen. Nicht anders aber liegt die Sache beim Technikum, wo der praktische Gesichtspunkt in noch stärkerem Maße in den Vordergrund tritt und infolgedessen auch der pädagogische Grundsatz, der schon bei den anderen Schulen maßgebend war, direkt ausschlaggebend werden mußte. Man scheint hier völlig zu übersehen, daß „das Jüdische Institut für technische Erziehung in Palästina" nicht eine Kulturstätte, sondern eine Fachschule sein sollte. Es erinnert mich unwillkürlich an jene guten Freunde unseres Volkes, die beim Anblick eines armen jüdischen Handwerkers in Verzückung geraten und ihn gleich als glücklichen Beitrag zur Lösung der Judenfrage feiern. Der bleibt freilich darum nicht weniger ein armer Tropf von Handwerker. Man kann es ja durchaus begreifen, daß die Juden dem Erziehungswerk in Palästina, das mühselig Stein auf Stein und Stock auf Stock errichtet wurde und nrin zu herrlicher Entfaltung gelangt ist, mit stolzen, um nicht zu sagen weihevollen Gefühlen anhangen. Und es ist rührend und in der naiven Schlichtheit der Auffassung geradezu ergreifend, daß das „Volk des Buches" in einer ganz in den Dienst des praktischen Lebens und der Zwecke des Alltags gestellten Anstalt die Krönung seines geistigen Unternehmens erblicken will. Allein das ist natürlich nicht Grund genug, die Begriffe zu verschieben und die Vorstellungen zu verwechseln, wodurch unheilstiftende Verwirrung in der Betrachtung der Dinge notwendig entstehen mußte. Ich bin sogar Ketzer genug, die Behauptung zu wagen, daß das Technikum in Haifa überhaupt in keinem organischen Zusammenhang mit den national-geistigen Bestrebungen der Juden im heiligen Lande steht. Schon die Verlegung des Instituts nach der Stadt am Fuße des Karmelgebirges hat ihre besondere Geschichte. Als Herr Dr. Nathan anläßlich seiner Reisen im Orient in den Jahren 1907 und 1908 den Gedanken faßte, für die dortige jüdische Bevölkerung neben den anderen Schulen des Hilfsvereins auch technische Anstalten ins Leben zu rufen, befand sich die Türkei noch vollständig unter dem autokratischen Regime Abdul Hamids. Für die Juden lag somit keine Veranlassung vor, dem Osmanenreiche ein besonderes Interesse entgegenzubringen. Gewiß richteten sie ihre Blicke nach Palästina, wandten sie ihre Gefühle dem heiligen Lande, dem Lande der Väter zu - und Palästina bildete eine Provinz des türkischen Staates. Aber nur soweit diese Beziehung bestand, soweit die. Beziehung zwischen Mutterland und Tochtergebiet aufrechterhalten werden mußte, wurde auch das Osmanenreich mit in den Jnteressenkreis der jüdischen Welt hineinbezogen. Wohl zeigte man j sich bestrebt, die Lage der Juden in der gesamten Türkei zu j heben; jedoch so, wie man dies auch sonst den Juden, und zu-; mal denen des Orients gegenüber, zu tun pflegt, wenn sie sich in ungünstigen Verhältnissen befinden. Das eigentliche Interesse, die eigentliche Bemühung galt allein jenem schmalen Küstenlande am Mittelmeere, an das sich Israel durch tausend Fäden unzertrennlich gebunden fühlt. Kamen dadurch manche Leistungen, manche Unternehmungen dem weiteren Gebiete des osmanischen Staates zugute, so geschah es mehr unbeabsichtigt, nebenher, zufällig. Als daher die Idee der Gründung eines technischen Instituts für die Juden im Orient aufkam, war es von vornherein ganz selbstverständlich, daß nur auf palästinensischem Boden die Ausführung des Planes erfolgen könne. Freilich hatte, ehe man noch an die Verwirklichung des Vorhabens herantrat, die Türkei eine völlige politische Umwälzung erfahren und damit für die Juden eine von Grund auf andere Bedeutung gewonnen. In einem überaus interessanten Briefe, den Herr Dr. Nathan an Herrn Jacob Schiff gerichtet (und dadurch auch dessen Förderung des Projektes erreicht) hatte, erwägt er, welche von den Städten der Türkei sich als die geeignetste für die Errichtung des Technikums ansehen ließe. Das Ergebnis ist dabei, daß weder Konstantinopel noch Smyrna, noch Saloniki, weder Beirut noch Jaffa, noch Jerusalem so günstige Voraussetzungen wie Haifa biete. Wäre er aber auch dann noch zu dem gleichen Resultate gekommen, wenn ihn der Plan mit dem Technikum erst nach der Einführung der Konstitution — oder nun gar auf Grund der Einführung der Konstitution — zu beschäftigen begonnen hätte? Zum mindesten erscheint es mir ganz sicher, und ich neige eher zu der Annahme, daß man in diesem Falle sich wohl mehr für einen dem Sitz der Zentralgewalt näher gelegenen Ort entschieden hätte, ungeachtet des schwerwiegenden Bedenkens, „daß der Charakter einer großen internationalen Stadt durch die Errichtung eines jüdischen Technikums nicht wesentlich beeinflußt werden würde". Man hatte sich jedoch bereits auf Haifa festgelegt. Die bekannte Moskauer Familie Wissotzky, die durch eine Stiftung von hunderttausend Rubel die erste Möglichkeit zur Ausführung des Werkes gegeben hatte, traf die Bestimmung, „daß mit dem Gelde technische Mittelschulen und ein Technikum in Palästina begründet werden sollten". Außerdem hatte die Leitung des Nationalfonds von Anfang an ihre Unterstützung zugesagt und sich in der Tat auch später in reichem Maße bei der Verwirklichung des Planes beteiligt. An eine Mitwirkung von dieser Seite wäre für eine Stadt außerhalb Palästinas selbstredend nicht zu denken. Ob die Wissotzkysche Schenkung einem Technikum, das, sagen wir, in Konstantinopel erbaut worden wäre, ebenfalls hätte zugute kommen können, ist gewiß zweifelhaft. Daß allerdings von den anderen Spenden unter der erwähnten Voraussetzung noch weitere namhafte Beträge dem Institute abhanden gekommen wären, dürfte wohl nicht anzunehmen sein. Im übrigen hatte man sich mit dein Gedanken, daß Haifa den Sitz des Technikums bilden sollte, immer mehr vertraut gemacht, und fand dann zuletzt auch, daß die Lage des Ortes eigentlich eine recht günstige sei und für eine gedeihliche Entwicklung des Institutes viele Aussichten biete. Aber diese Aussichten, sollten sie etwa geistiger oder kultureller Natur sein? Daran wurde wahrlich am wenigsten gedacht, als mcm sich für Haifa aussprach. Maßgebend für die Entscheidung waren vielmehr die ökonomischen und technischen Bedingungen der Stadt, die man als außergewöhnlich zukunftsreich betrachten zu können glaubte. Es steht zu erwarten, daß früher oder später der Hafen von Haifa nach modernem Muster ausgebaut und die Stadt durch eine Eisenbahn mit Jerusalem verbunden werden wird. Bei dem schon immer vorhandenen Mißtrauen der türkischen Regierung gegen eine allzu starke Entwicklung Beiruts, das als Einfallstvr zum halb unabhängigen Libanongebiet dient, hätte somit Haifa die besten Aussichten, sich zu dem größten Hafen der syrisch-palästinensischen Küste auszuwachsen. Nun ist aber Haifa zudem für das gesamte Bahngebiet der Hedjasbahn, die sich am Rande Palästinas hinzieht und durch eine Anschlußlinie über Damaskus in kurzem die Hafenstadt Galiläas mit Mekka verbinden wird, schon heute der gegebene Hafen, und die Bedeutung der Hedjasbahn muß sich in der Folge noch weiter steigern, sobald über Aleppo hinaus der Anschluß an die Bagdadbahn und damit die Verbindung der Hedjasbahn mit der Bagdadbahn gewonnen sein wird. So dürfte die Karmelstadt, an einem den Anforderungen der Neuzeit entsprechenden Hafen und an einer viellinig verzweigten Bahn gelegen, sich tatsächlich in hohem Grade dazu eignen, künftige Techniker sozusagen auf dem Wege des Anschauungsunterrichts durch das Studium der an Ort und Stelle befindlichen Maschinenanlagen, Kaianlagen usw. in ihrer Ausbildung lind Entwicklung zu fördern. Diese Lage im Knotenpunkt des Verkehrs charakterisiert zugleich — gleichsam symbolisch — die Aufgabe des Technikums,