Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1914)
- Date
- 1914-01-23
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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der jüdischen Bevölkerung in Amerika, wo er längere Zeit geweilt hat. Er wies in überzeugender Weise nach, daß ein weiterer Zustrom von jüdischen Auswanderern nach Amerika mit den größten Gefahren verbunden sei, daß man für die letzteren ein neues Land und einen neuen Beruf — die Landwirtschaft — öffnen müsse. Tr. Nossig schilderte daun die neuesten Fortschritte und Erfordernisse der jüdischen Orientkolonisation und die organisatorischen Arbeiten der A. I. K. O. Beide Referate wurden von den zahlreich Versammelten sehr beifällig ausgenommen. Justizrat Dr. Heilberg, der inzwischen den Vorsitz übernommen hatte, eröfsnete nun die Diskussion, in der Justizrat Hirschberg an die Referenten die Frage richtete, warum nicht alle größeren und kleineren Organisationen sich vereinigen, um das Kolonisationswerk gemeinsam zu führen. In seiner Antwort wies Dr. Nossig nach, daß die A. I. K. O. gerade aus der Idee des Zusammenschlusses der Organisationen für das Kolonisationswerk hervorgegangen sei. Leider hat sich dieser Gedanke infolge der starken Wirkung der trennenden Momente bis jetzt nicht voll verwirklichen lassen, doch blieb die A. I. K. O. dem Bestreben treu, eine Kooperation in möglichst ausgedehntem Umfange durchznführen. Rabbiner Professor Dr. G u t t m a n n führte aus, warum neben den bestehenden Kolouisationsvereinigungen eine neue Organisation notwendig sei. Tatsächlich seien die Grundlagen und Prinzipien der A. I. -U. O. neu, auch die Ausdehnung, die inan für das Kolonisationswerk plane, sei ein neues Moment. Wenn es auch nicht getingen sollte, die Kolonisation in so großem Maßstabe durchzuführen, so würde es doch schon moralisch von größter Bedeutung sein, für die verfolgten Inden eine:: Ort zu schaffen, wo sie frei und ungehindert leben und arbeiten können. Schon deshalb müßte das Werk von allen Glaubensgenossen »unterstützt werden. Der Vorsitzende Justizrat Tr. Heilberg trat in seiner bedeutsamen Schlußansprache dem Bedenken Professor Dr. Guttmanns entgegen. Wenn auch nicht Millionen, sondern nur Hnnderttausende int Orient angesiedelt werden sollten, so würde das doch schon eine Erleichterung für die Zurückbleibmden, also nicht nur eine moralische, sondern auch wirtschaftliche Errungenschaft bedeuten. Nichtig sei auch die Methode der A. I. K. O., die im Einklang mit dem ganzen modernen Wohlfahrtsshstem verbleibe: Man verteilt nicht Almosen, sondern schafft Erwerbsmöglichkeiten in eineni neuen Land und einem neuen Beruf. Wenn nun die jüdischen Ansiedler, wie Dr. Nossig auf Grund des Augenscheins berichtet, tatsächlich eine neue Kultur im Orient erzeugen und sich als Ackerballer bewähren, so ist das eine derartige Leistung, daß sie sich dadurch die Achtung aller Völker erringen müssen. Zweifellos wird diese Tat auch auf die Lage der Juden in den übrigen Ländern znrückwirken. Man wird deren Fähigkeiten zll neuen Berufen anerkennen und sie zu solchen auch zulassen. Sowohl vom Standpunkt der Auswanderer, als auch von den Zurückbleibenden ist also das Werk der A. I. K. O. ein außerordentlich bedeutungsvolles unb muß von den Anhängern alter Richtungen in: Judentum unterstützt werden. Zum Schluß konstituierte sich das einladende Komitee als Lokalkomitee der A. I. K. O. w. Aus der Provinz Posen, im Januar. Schwersenz. Herr Gemeindevorsteher Aron K a tz, welcher schon oftmals Beweise seiner Wohltätigkeit geliefert hat, beschenkte sämtliche Mädchen vom hiesigen Waisenhanse mit vollständigen Winterkleidungsstücken. — W resche n. Zu Schulvorstandsmitgliedern lvnrden gewählt die Herren Gemeinderäbbiner Dr. M. Lew in, die Kaufleute Leo Radziewski, Joseph Gans, Louis Zlotuicki; zu Schulrepräsentanten die Herren Mendel Miodowski, <ccnnucl Schreher, David M e n d e l, Simon G r ü n w a l d, Abraham Lubranschik, Mor. Meyer, Sallh Ries und Michaelis H a a f e. — G r ü tz. Der Geheime Medizinalrat Dr. Bubensohn ist für seine langjährigen Verdienste um die Stadt zilnr Stadtältesten ernannt worden. — P l e s ch e n. Ende vorigen Alonats feierte Herr Abraham K itt z c z n n g e mit seiner Gattin die goldene Hochzeit. Von Nah und Fern wurden dem Jubelpaare zahlreiche Ehrungen und Glückwünsche überbracht. — Czempin. Das langjährige, hochgeschätzte Vorstandsmitglied der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr Kaufmann Gustav S i l b e r st e i n, welcher in Posen Heilung von langem Leiden suchte, starb im Aljxr von 59 Jahren. Ausgezeichnet durch Herzerlsgüte, biedereil Charakter, reiche Erfahrung, stellte er seine Kraft stets in den Dienst seiner Gemeinde. Auch bekleidete er seit mehreren Jahren das Amt eines Magistratsmitgliedes. Mit seiner reicher: Erfahrung und seinem praktischen Sinne hat der Verstorbene seine Dienste stets dem Wohle der Stadt gewidmet. — L'obsens. Ihren 94 Geburtstag beging dieser Tage die Frau Salomonsohn in bester Rüstigkeit. Sie ist wohl die älteste Bürgerin unserer Stadt. y. Hannover, 16. Januar. Unsere Synagogenge m e i n d e stand während des ganzen letzten Monats unter dem Zeichen der G e rn e i n d e w a hl e n. Die Agitation hatte hier einen Höhengrad erreicht wie nie zuvor. Nachdem die am 11. Dezember stattgehabten Hauptwahlen ruhig verliefen, solveit es sich um die einstimmig erfolgte Wiederwahl des I. Vorstehers Herrn Senator Fischer und der drei Repräsentanten Schönseld, Bvrmas und Katzmann handelte, errtbrannte ein überaus heftiger Wahlkampf um die Nachfolgerschaft des verblichenen Landgerichtsrats Kassel. Obwohl bereits vor der Hauptwahl zwei Rechtsanwälte von der Kandidatur zurückgetreten waren, nur rricht die a n t i zi o n i st i sch en S-timrnen zu zersplittern, drehte es sich bet der Hauptwahl um die Kandidatur eines von den Zionisten aufgestellten Gesimmngsgenoffen, Rechtsanwalts Block, gegen die zur mittleren religiösen Richtung gehörenden Kandidaten Kaufmann M. S a l o rn o rr und Bankier Wechsle r. llnter Beteiligung von etwa 60 Prozent aller Wahlberechtigten erhielt im ersten Wahlgang infolge Zersplitterung der antizionistischen Stimmen keiner der drei Kandidaten die Majorität, so daß eine Stichwahl zwischen dem Zionisten Rechtsanwalt Block und Moritz S a l o rn v i: erforderlich wurde. Dem zionistischen Kandidaten tarn es zugute, daß er einer allen hannoverschen Familie angehört und daß unter den Repräsentanten kein einziger Jurist sich befindet. Die Stichwahl fand mii vorletzten Freitag statt. Bei einer nie zuvor gesehene:: Wahlbeteiligung errtschied sich die Gemeirrde gegen den zionistischen Kandidaten und wählte den Kanfmann Salomo::. Bei dem großen Answand von Wahlmitteln seitens der Zionisten — wurden doch den Wählern zahlreiche Antos zur Verfügrmg gestellt — nimmt nrarr hier allgemein an, daß die zionistische Partei als solche mit ihren Mitteln in den Wahlkampf eing.esprnngen ist. Die Wahlen haben zuwege gebracht, daß eine außerordentlich große Zahl von Gemeindemitgliedern dem antizionistischen Komitee beigetreten ist. Tie Niederlage der Zionisten in Hannover zeigt, daß es den Herrei: nicht so leicht sein wird, die Gemeinden zll erobern, unb daß es anderseits notwendig sei, den zionistischen Bestrebungen auch in Zeiten, wo keine Wahlen stattsinden, rege Aufmerksamkeit zuzuwenden. Gesterrelch-Nngarn. K. Wien, 16. Januar, lieber die demnächst erscheinende zweite Auflage des antisemitischen Alachwerkes „Semi-Gotha" schreibt die Wiener „Sonn- und Montagszeitnng": Es ist zwar eine Reklame für das Unternehmen, wenn wir hier von einer neuerdings bevorstehenden Semi-Gotha-Publikation berichten, aber es ist nicht einzusehen, warum man dieser neuen Art der Demokratisierung des Adelsbegrisfes nicht Vorschub leisten soll. Verspricht der soeben ausgegebene Prospekt doch ausdrücklich, daß in dem demnächst erscheinender: „Aristokratisch-jüdischen Allianzen mit Deszendenz-Hinweisen" erst recht gezeigt werden wird, wie sehr jeder jüdische Einschlag Fleisch vom Fleisch des Judentums ist, das schon alles — auch „oben" — durchzieht. Wenn alles vom Judentum durchzogen ist, auch „oben", dann ist der Nachweis dieses Durchzuges ja eine sehr dankbare und eine sehr wertvolle Leistung. Dann wird auch die Armee dankbar dafür sein, daß sich unter der angekündigten Publikation auch „Semi-Nanglisten" befinden, und zwar der deutschen und österreichisch-ungarischen Offizierkorps inklusive Landwehren und Marine. Was in der ersten Publikation des Semi-Gotha dem Kardinalskollegium und den Erzbischöfen recht war, muß nun den deutschen und österreichischen Offizieren billig sein, und sie werden begreifen, daß die Ahnenprobe aus die Intaktheit des Präputiums den militärischen Ehrbegriff nur angemessen ergänzen karnl. Zugleich wird es als Beweis dienen, loie weit es manche Abkömmlinge von Juden in der deutschen Armee gebracht haben, trotz der prinzipiellen Nichtbeförderung von Inden zu Offizieren. — Gestern wurde hier Karl Ritter v. M o r a w i tz unter überaus seltenen Ehren zu Grabe getragen. Der Verstorbene, in Jglau (Mähr.) gebürtig, war viele Jahre hindurch Mitarbeiter und Berater des Baron Moritz v. Hirsch. Karl Ritter v. Morawitz, eine der markantesten Persönlichkeiten der Wiener Finanzwelt und langjähriger Präsident der Anglo-Oesterreichischen Bank, war auch mit Sir Ernest Cassel und dem verstorbene:: Baron Albert v. Rothschild ilmig befreundet. Durch eisernen Fleiß und seltene Eigenschaften des Geistes und Charakters hat es der Verblichene von den kleinsten Anfängen bis z:nn Leiter der größten Banken des In- und Auslandes gebracht. Groß war die Schar der Leidtragenden,