Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1914)
- Date
- 1914-01-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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78. Jahrgang. Nr. 4 Berlin, 23. Januar 1914 Der Gemeindevote. Vellage Zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". lkorrelponden?m und Sschrichten. Deutschland. y Berlin, 38. Januar. Die heutige Sitzung der R ep rasen - t a ntenve r s a m m l ung, die erste im neuen Jahre, war der Einführung und Verpflichtung der bei den letzten Repräsentantenwahlen gewählten Mitglieder der Versammlung sowie der Konstituierung des Bureaus und der Ausschüsse gewidmet. Tie Repräsentanten waren vollzählig erschienen, am Vorftandstisch vermißte man nur den ersten Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Julius Jacobh, der aus Gesundheitsrücksichten zu erscheinen verhindert war. An seiner Stelle vollzog Herr Kommerzienrat Ei sner den feierlichen Akt der Verpflichtung der wiederrespektive neugewählten Repräsentanten und leitete ihn mit einer Ansprache ein, in der er etwa das Folgende allsführte: Zum lebhaftesten Bedauern ist unser hochverehrter erster Vorsitzender seines Gesundheitszustandes wegen verhindert. Heute hier zu erscheinen. Er glaube der Dolmetsch der Gefühle aller hier Anwesenden 31t sein, wenn er dem Wunsche Ausdruck leihe, daß es dem Herrn ersten Vorsitzenden recht bald vergönnt fein möge, in voller geistiger und körperlicher Frische hier zu erscheinen und wieder mit der gewohnten Hingabe seines Amtes zu walten, dein er mit solcher Treue und Liebe und in so verdienstvoller Weise sich hiugebe. — Wie bei. solchen! Anlaß bisher üblich, wolle auch er Heilte am Beginn der ersten Sitzung des neuen Jahres einen kurzen Rückblick auf die Vergangenheit und einen Ausblick auf die Zukunft iverfen. Bei dein gleichen Anlaß habe der Herr erste Vorsitzende des Gemeindevorstandes die damals kommende, jetzt hinter uns liegende Zeit als eine Banperiode bezeichnet. Das ist sie in der Tat gewesen. In einigen Monaten wird das n e u e K rank e n h a u s seiner Bestimmung übergeben werden, das mit allen modernen Errungenschaften ausgestattet sein wird. In Angriff genommen in dieser Periode wurden ferner die Synagogen Levetzowstraße und Kottbuser User. Die erstere in der Levetzowstraße werde in diesem Jahr fertig gestellt und in Benutzung genommen lverden. Ter Ritus für dieses Gotteshaus lverde demnächst sestgestellt werden und dabei, wie er sagen könne, die Wünsche derjenigen, für die das Gotteshaus bestimmt ist, nach Möglichkeit berücksichtigt werden. Die Synagoge Kottbuser Ufer gehe gleichfalls ihrer Vollendung entgegen und dürfte im folgenden Jahr 1915 in Benutzung genommen lverden können. Als bedeutsames Ereignis der verflossenen Periode fei ferner die Fertigstellung des Monumentalbaues der Synagoge Fasanenstraße besonders hervorzuheben. Der Herr Redner erwähnt sodann einige weitere kleinere Bauten, verweist auf die glückliche Einrichtung der zweiten Freitagabendgottesdienste, die vorzugsweise von jungen Leuten zahlreich' besucht würden, und bemerkt, daß die Bauperiode aber dennoch mit all dem nicht etwa abgeschlossen sei. Denn schon sei die Errichtung eines weiteren Gotteshauses, der zehnten Gemeindesynagoge auf Wilmersdorfer Gebiet iu Angriff genommen. Wenn mau nun aber nach einem Charakteristikum der neuen komm end e n Arbeitsperiode frage, so könnte man sie eine P e r i 0 d e der S t a t u t e n ä u d e r u n g nennen. Man wisse, daß die Gemeindekörperschaften bemüht gewesen waren, eine Aendernng des für die heutigen Verhältnisse der großen Berliner Gemeinde nicht mehr passenden Jndengesetzes vom Jahre 1847 zu erwirken. Alan weih, daß man vor allein wünschte, die Zahl der Vorstände und Repräsentanten zu vermehren und die Möglichkeit zu haben, auch besoldete Vorstandsmitglieder zu wählen. Alle diese Bemühungen auf Abänderung des Gesetzes von 1847 sind bekanntlich leider erfolglos geblieben. Ter Vorstand habe darauf beschlossen, wenigstens diejenigen Aenderungen vorzunehmen, die sich innerhalb des Rahmens des Gesetzes ermöglichen ließen. Es ist eine Statutenänderung in der Richtung möglich gewesen, daß höhere Beamte gewählt werden können, denen Sitz, aber nicht Stimnrrecht im Vorstände verliehen werden könne. Man habe von diesem Rechte Gebrauch gemacht, und er glaube, daß sich diese Methode bewährt habe, wenigstens haben sich bisher irgendwelche Schwierigkeiten hieraus nicht ergeben. Im Vorstande werde nicht nach persönlichen Meinungen beschlossen, sondern nach den: Gewicht der vorgebrachton Gründe, und trotzdem die höheren Beamten kein Stimmrecht Hütten, ’ besäßen sie oft eine sehr gewichtige Stimme im Vorstand. Zur Vorbereitung und Vorberatung der Aeudernng des Gemeindesta.tuts sei eine gemischte Kommission, bestehend aus drei Aeltesten und sechs Repräsentanten eingesetzt, auch eine Reihe hervorragender Juristen sei herangezogen worden. Bei der beabsichtigten Aenderung des Gemeindesta.tuts handele es sich vor allem um die folgenden fünf Punkte. Zunächst um die Frage der Gestaltung des W a h l r e ch t s z u d c 11 R e p r ä s e n t n n t e n lv a h l e n. Es ist bekanntlich in den seinerzeit an Regierung üud Parlament gerichteten Eingaben davon gei sprochen worden, daß die religiösen Minoritäten nicht genügend geschützt seien. Inwieweit hier etwas zn geschehen habe, sei Gegenstand der Prüfung der Kommission, die ihren Bericht de m - n ä ch st an den Vor st a n d erstatten lverde. Die zweite Frage bei der Statutenänderung betreffe den S t e u e r m 0 d u s, ob die Shnagogengemeindesteuer, wie bisher, nach Prozenten des Einkommens, oder in gleicher Weise wie die Staatssteuer erhoben werden solle. Die dritte Frage sei die der E t a t s p e r i 0 d e, ob es bei der bisherigen dreijährigen sein Bewenden haben oder die einjährige eingeführt lverden solle. Ein vierter wichtiger Gegenstand sei die Frage der gewünschten Einsetzung einer ständigen K 0 m - Mission f ü r 0 r t h 0 d 0 r e R e l i g i 0 n s s ch u l e n, und endlich die fünfte Frage diejenige der Versorgung der einzelnen Bezirke, ob den Synagogenbezirken eine Selbständigkeit in gewisser Hinsicht gewährt lverden solle, oder nur Kvnunissivnen für die Bezirke zu schassen seien. Die Meinungen über alle diese Fragen lverden natürlich sehr verschieden sein, und man dürfe damit rechnen, daß es über olle diese Dinge lebhafte Debatten in der Versammlung geben lverde. Der Gemeindevorstand, so versicherte der Herr Redner zum Schlüsse seiner Ausführungen, werde nach wie vor es als eine seiner Hauptaufgaben betrachten, das herzliche Einvernehmen mit den Repräsentanten ausrechtzuerhalten, wie es bisher immer bestanden habe. Der Vorstand werde auch fernerhin bereit sein, jeden Wunsch, der aus den Kreisen der Gemeindemitglieder an ihn gerichtet wird, gewissenhaft und sachlich zu Prüfen und ihn zu erfüllen, wenn das im Interesse der Gemeinde liegt. Er sei überzeugt, daß auch die Repräsentantenversammlung immer nur das Beste der Gemeinde im Auge habe, er wünsche ihren Arbeiten gedeihlichen Fortgang, möge ihre Tätigkeit unserer Gemeinde zum Glück und Segen gereichen. (Lebhafter Beifall.) Dann erfolgte die Verpflichtung der neugewählten Mitglieder der Repräsentantenversammlung. Der Vorsitzende der Reprüsentantenversammlnng, Herr L 0 u i s S a ch s, heißt die Repräsentanten alle herzlich willkommen. Die wiedergewählten Herren besäßen, wie die Wiederwahl zeigte, das volle Vertrauen der Gemeindemitglieder. Dieses verpflichte sie auch fernerhin zur tüchtigen Mitarbeit. Die neugewählten Herren hätten zwar auch schon znm größten Teil in den Wohltätigkeitsanstaltcn nsw. mitgearbeitet. Es sei in der Tat keine geringe Verantwortung, die die Herren durch die Ausübung ihres Ehrenamtes übernehmen. Es sollen möglichst alle Wünsche, die berechtigt sind, erfüllt werden. Eine Grenze aber läge in unserer Ueberzeugung. Aus großen Tank habe man nicht zn rechnen, aber das Gefühl der erfüllten Pflicht biete hierfür reichen Ersatz. Die Ausgaben, die der Gemeinde zu lösen bevorstehen, seien von Herrn Kommerzienrat Eisner eingehend vorgeführt, so daß er nicht weiter darauf eingehen wolle. Er betone nur, daß die Versanunlnng allen religiösen Richtungen, er betone ausdrücklich allen religiösen Richtungen, möglichst Rechnung tragen müsse. Mit diesen Vorsätzen treten Sie, meine Herren, ein. Dann werden Sie Segensreiches wirken für unsere Gemeinde, für die Gesamtjudenheit. Seien wir uns aber auch dessen bewußt, daß wir treue Staatsbürger sein wollen, die festhalten an Kaiser und Reich. (Lebhaftes Bravo.) Dann erfolgte die Wahl des ersten Vorsitzenden. Das Präsidium übernimmt für diesen Akt der Alterspräsident, Herr M. Manheimer. Er übermittelt zunächst der Versammlung einen herzlichen Gruß des ersten Vorsitzenden Herrn Julius Jacobh an die Versammlung und zugleich dessen Wunsch, daß die Tätigkeit der Repräsentanten der Gemeinde zum Segen gereichen möge. Zum ersten Vorsitzenden wird hieraus mit 19 von 21 Stimmen (ein Zettel wurde unbeschrieben