Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1914)
- Date
- 1914-01-23
- Page
- Seite 47 (sequence 11)
- Language
- German
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47 Bureau aller Ratsbedürftigen von ganz Nikolsburg; alle Klageschriften, alle Bittgesuche, alle Rekurse an die hohen und höchsten Behörden gingen aus seiner geübten Feder hervor. Ueberdies besaß er noch ein kleines Vermögen, dessen Zinsen er bei seiner echt philosophischen Lebensweise nicht einmal verbrauchte, so daß er in der Lage war, armen Leuten am Sonntagmorgen noch ein kleines Darlehn „ins Dorf zu gehen", anbieten zu können. Chajim war also der Genius der „Gasse" und hatte vielleicht keinen einzigen Feind außer Jsak Veigelstock. Meine Leser werden diese Feindschaft verstehen. Chajim war das Personifizierte Recht, der beständig die Worte im Munde führte: „Nur kein Unrecht!" I! ' * Jsak Veigelstock war aber das leibhaftige Unrecht, und so kreuzten sich die Wege der beiden Männer bei jeder Gelegenheit. Chajim Grünwald betrachtete es als seine heiligste Aufgab, seine genaue Kenntnis des Strafgesetzbuches und der Judenverordnungen bis auf Paragraph und Seitenzahl sowie seinen trefflichen Kanzleistil im Dienste aller zurückgesetzten Familienaspiranten gegen den Vorstand geltend zu machen, während Jsak seinerseits nichts unterließ, den würdigen Mann oder vielmehr das würdige Männlein zu kränken. Seit Olims Zeiten hatte Reb Chajim am Eingang des Versöhnungstages zu Kolnidre vorgebetet. Vor etwa zwei Jahren hieß es plötzlich, der Vorsteher habe sich entschlossen, selber dieses Gebet zu übernehmen. Ein Schrei der Entrüstung ging durch die „Gasse" ob der unerhörten Gewalttat: ein „Schrecken", wie Vögele Ochs sagt, durchzuckte alle Gemüter ob dieses Frevels und die öffentliche Meinung entschied, daß das rabbinische Kollegium sich hier ins Mittel legen müsse. Allein, wer wagte es damals, gegen die Allgewalt des Gemeindevorstehers etwas zu unternehmen? Und so blieb es bei der neuen Verordung, hätte nicht ein Wunder vom Himmel das wahnwitzige Beginnen Jsak Veigelstocks, das vielleicht zu Tumulten an geweihter Stätte Anlaß hätte geben können, zerstört, und gründlich zerstört. Am Rüsttage des Versöhuungssestes wurde nämlich Jsak -stockheiser, und mußte sein Unternehmen natürlich aufgeben. Ob nicht da vielleicht den harten, stolzen Mann doch ein geheimer Schauer durchbebt haben mag? Mit einer Freudigkeit, die dem Ernst des Tages gar nicht angemessen war, eilte Vögele Ochs, der Tambourmajor der Gemeinde, durch die ganze Gasse mit dem Ausruf: „Kinder, Gott tut Zeichen und Wunder, Jsak Veigelstock hat die Stimm' verloren!" Und diese Nachricht pflanzte sich wie ein Blitz von Haus zu Haus. In einer halben Stunde war die ganze „Gasse" von dem Wunder unterrichtet, und als jung und alt am Abend in die „Altschul" strömte und Chajim Grünwald in seinem weißen Sterbekleide vor dem „Almemor" stand und mit innigem Gefühl und tiefer Rührung die uralten, ergreifenden Melodien sang — da war alles zerflossen in Wehmut und in Lust. Der Vorsteher aber war am selbigen Abend gar nicht „in der Schul". Wer möchte es nun dem edlen Chajim, der ja doch auch nur ein „sündiger Mensch" und kein Engel war, verargen, daß er gegen den übermütigen und rachsüchtigen Vorsteher jetzt sehr erbittert gewesen, während dieser durch das Mißlingen seines Racheplans nun noch größeren Haß gegen das würdige und allgemein beliebte Männchen zur Schau trug. So kam es denn, daß Chajim Grünwald die Angelegenheit Meiers und Vögeles mit besonderem Eifer betrieb und sich den heiligen Schwur auflegte, nicht eher zu ruhen und zu rasten, bis Meier Herzseld die „Familie" erhalten habe. Seht ihr, eben steht er vor der „Altschul" und demonstriert einem Kreise ehrbarer Gemeindemitglieder das Unrecht des Vorstandes und das Recht Meiers so haarscharf und logisch, wie es das ganze „Gubernium" nicht besser könnte. Treten wir einmal näher und hören wir die ziemlich erregte Debatte ein bißchen näher an. „Nun, Chajim, wie wird es dieses Jahr stehen mit den „Familien", fragte ein untersetztes Männchen, den Reigen der Gespräche eröffnend, „wer wird dieses Jahr erlöst werden?" „Mir scheint" - begann hierauf Simon Grünhut, der für eine entschieden offizielle Quelle galt -- „daß dieses Mal viele Bräute tanzen werden!" „Wieso?" fragte neugierig ein Dritter. „Wieso? Weil dieses Mal zuiu wenigstens zwanzig „Familien" ausgeteilt werden, an die gar kein Mensch denkt!" „Hm, hm, also wenigstens zwanzig „Familien"; da ist doch sicher Meier Herzfeld auch darunter?" „Wer alles wissen will, lebt nicht lang", replizierte der allezeit schlagfertige Simon Grünhut und machte den neugierigen Fragen ein rasches Ende. „Still Kinder, schlagt euch nicht herum in so einer heiligen Zeit", wendete Chajim Grünwald begütigend ein, und schnell waren der Streit und die Replik des zungenfertigen Offiziösen ebenfalls verstuinmt. Denn wenn ein „geschickter Mensch" spricht, da schweigt alles ehrfurchtsvoll, und zumal ein so „geschickter Mensch", wie Chajim Grünwald. Mit Spannung lauschte alles den Mitteilungen, die dieser nun machen wollte; „denn was ans seinem Munde kommt, hat Sinn," das ist das allgemeine Urteil der Gasse. Also hören wir, was Chajim seinen aufmerksamen Zuhörern mitzuteilen hat. I,uu-tfe|!unn folgt.; Sprechsaal. C h a r l 0 t t e n b u r g , den 11. Januar 1914. Lehr geehrter He r r R e d a k t eur! Der Bericht über die erste Erziehnngskonsereuz in der vorletzten Kummer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" enthält, soweit meine Beteiligung an der Diskussion in Frage kommt, Jrrtümer, die ich berichtigen 31t dürfen bitte. Ich habe mich nicht zu der allgemeinen Behauptung verstiegen, daß in den begüterten Familien ein „heiliger Idealismus" herrsche. Diese Worte, die wohl dem Herrn Berichterstatter im Ohre geblieben waren, bezogen sich auf die Rede, die wir kurz vorher von Herrn Referendar O l l e n b 0 r f gehört hatten. Ich habe auch nicht gesagt, daß „unsere jungen Mädchen zu stark nach höherer Bildung drängen". Ich habe im Gegenteil der Ansicht Ausdruck gegeben, daß jedem, unabhängig von seiner materiellen Lage, diejenige Ausbildung zuteil werden solle, die seiner Begabung entspricht. Mit vorzüglicher Hochachtung Prof. Dr. M. T ü r k. * Göthen, den 7. Januar 1914, L e h r geehrte Ne d ak t i 0 n! Ich bitte freundlichst um Aufnahme folgender beiden bemerkenswerten „Reklamezettel!", welche in dein Zuge Acagdeburg-Hatberstadt dritter Klasse an der Wand, gedruckt auf gelbem Papier, aufgektebt waren. „L i e b t Ihr E u r e Dächte r? Dann laßt sie nicht beim Juden dienen, oder als Verkäuferin im jüdischen Warenhaus tätig sein! Ein deutsches Mädchen, das dem Juden dient, geht sittlich zugrunde, da der Jude innerlich nur eine Dirne, ein Stück Vieh in ihr sieht! Den Adel deutschen Geistes will der Jude aus der Literatur, dem Theater, Konzertsaal, überhaupt ans den deutschen Herzen verbannen.