Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1914)
- Date
- 1914-01-23
- Page
- Seite 46 (sequence 10)
- Language
- German
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46 Ooitel, Vögeles Mutter, ivar bereits der Sache überdrüssig geworden. „Ich habe Meier auch gern, tausendmal lieber als Schwiegersohn, wie jeden anderen; wenn es aber nicht geht, geht es nicht, und eine alte Jungfer kannst du nicht werden," pflegte sie oft zu ihrer einzigen, über alles teuren Tochter zu sagen. Freilich, Meiers Mutter, Bela Herzfeld, war darin konsequenter. „Was Gott zusammengeführt, soll der Mensch nicht scheiden", antwortete sie auf jede Einwendung, die ihr wegen dieser „Partie" gemacht wurde. Aber Bela Herzfeld war auch eine der „frommen Frauen" der Gemeinde, jener edlen, ja erhabenen Frauengestalten, deren Leben und Tun die reinste Humanität atmete, die ihr ganzes Sein in den Dienst der leidenden Menschheit stellen und die fast wie Heilige in der Gemeinde geachtet wurden. Solche „frommen Frauen" hat es in jeder Gemeinde eine große Anzahl gegeben. Aber auch Joel Rebeller war auf seiten des jungen Liebespaares. Und wenn die ganze Welt sich gegen ihn gestemmt hätte, sein „eiserner Kopf" wäre nicht vom Gegenteil zu überzeugen gewesen. „Und wenn sie die Hochzeit am 70. Geburtstage feiern sollen, darf die Partie nicht zurückgehen," war seine fest ausgesprochene Absicht, von der ihn kein Spott und keine Intrige abzubringen vermochten. Und jedes Jahr, so oft der Herbst und mit ihm das Fest der Laubhütten herannahte, war neue Beratung im Häuschen am „Bergel", neue Pläne wurden geschmiedet, neue Hoffnungen, die „Familie" endlich zu erlangen, und — neue Enttäuschung! Mit den Blättern sielen auch die Hoffnungen der Liebenden vom Baume ihres Lebens! So ging es nun schon fünf schwere, kummervolle Jahre hindurch, die jedoch in der äußeren Lage nichts geänderl hatten. Aber auch nicht in den inneren Seelenzuständen der beiden Liebenden! Wer möchte es wohl versuchen, die Herzensgeschichte zweier Liebenden durch fünf Jahre wechselnden Leids, Hangens und Bangens in schwebender Pein zu schildern? Ich nicht, ich bin kein solcher Historiker; aber das Resultat dieser Geschichte will ich meinen geschätzten, neugierigen Leserinnen gern mitteilen - nämlich, daß die Liebe Meiers zir Vögele lind die Vögeles zu Meier nach fünf Jahren genau so innig, so fromm und wahr ist wie am Tage, wo sie sich's zum erstenmal schüchtern gestanden haben. Und so ist die Situation, in der eben die Gemeinde sich befindet, da wir bei Beginn unserer Geschichte mit dem liebenden Paare am Teich und in der Gasse zusamnwntreffen. Es ist nur „Trostsabbat". In sechs Wochen stehen die hohen Feste vor der Tür und mit ihnen ein Wendepunkt im Leben der Gemeinde. Schon stehen die verschiedenen Kreise im „Rändel" der Gemeindemitglieder, lvie wir sie vor der „Altschul" getroffen, und erzählen sich und beraten und tauschen ihre Ideen über die welterschütternden Ereignisse aus, die zum Jahreswechsel bevorstehen. Ja, es ist kein Spaß, so ein Jahreswechsel in der „Gasse". Ta haben ihre Bewohner gar viel zu tun; da wird eine Rührigkeit und eine Agitation entfaltet, die manche moderne Parlamentswahl bei weitem übersteigt. Da gilt es zuvörderst, den geeigneten und stimmbegabten Mitgliedern das Vorbeteramt für die hohen Feste zu verehren - - denn es war stets die größte Ehre, an den „erhabenen Tagen" und „hohen Festen" vorzubeten; nur ganz fromme und würdige Männer wurden zir diesem Ehrenamt zugelassen; das Gebet war damals noch der freie Erguß der Seele, das Herzenbedürfnis des frommen Gemüts, und dieses läßt sich durch bezahlte Notensänger nicht befriedigen. Natürlich, daß diese Verteilung große Schwierigkeiten machte und zu manchen persönlichen Streitigkeiten Anlaß bot. Dann kamen die „zehn Bußtage". Da wurden wieder die Vorsteher der „heiligen Brüderschaft" gewählt, und auch hierfür ward die Wahl eine sehr schwere; da galt, es denn aber auch zunächst, die Verteilung der „Familien" zu besprechen, die am dritten dieser hohen Feste, an den Mittelfeiertagen des Laubhüttensestes, regelmäßig stattfand. Die „Gasse" hatte also vollauf ju tun. Diese Mittelfeiertage, „Chol Hamoed" genan'nt, find fast die lieblichste Zeit in dem Leben der „Gasse". Es durchwehen diese noch der Duft des Festes und seine heilige Beseligung und dennoch ein Wcrkeltagsgcräusch und ein fröhliches Lärmen, ein Fahren und Singen; freilich kein Geräusch der Arbeit, sondern ----- des Spielens, kein Lärmen des Streites und der arbeitenden Konkurrenz, sondern der — Freude und der Unterhaltung, kein Fahren zum Geschäfte, sondern zu — Verlobungen, kein Singen zur Vorbereitung für die Synagoge, wie man es allenthalben in der „Gasse" vor den „hohen" Festtagen hören konnte, sondern der heiteren und frohen Schuljugend, die ihre Ferien feiert und lacht und singt unv sich deS jungen Lebens noch freut. Hauptsächlich aber ist eine Frage dieses Mal in der „Gasse" auf der Tagesordnung, die Frage wegen - Meier und Vögele! Längst war der Groll vergessen, den die „Gasse" gegen die „Prinzessin" gehegt hatte, weil sic den Sohn des Vorstehers ausgeschlagen; denn Jossef ivar ein rechter Tangenichts geworden. Leute, die von Wien nach Hause kamen, erzählten von seinem lockeren Leben daselbst die haarsträubendsten Dinge. Ter eine hatte ihn am heiligen Sabbat mit einer Zigarre im Munde gesehen, der andere erzählte, daß er mit einer Schauspielerin umgehe und dergleichen furchtbare Geschichten nrehr. Nun sah alles ein, ivie recht Vögele Rebeller gehabt hatte. Und selbst Vögele Ochs änderte ihre Ansicht, sie war ja das Organ der öffentlichen Meinung, das ambulante Tageblatt der „Gasse", und wie sie sagte, so war es auch. „Vögele Rebeller ist wie ein seidenes Tüchel; man muß sich hüten, es anzufassen nüt beschmierten Händen", war ihr orakelhafter Ausspruch. Und so wie Vögele Ochs, dachte jetzt die ganze „Gasse". Der Zorn gegen die „Prinzessin" verwandelte sich in innige Teilnahme an ihrem Geschick, in jenes brüderliche Mitgefühl, das dem leidenden Juden zu allen Zeiten seiner Exilswanderung eigen war. Nächst Vögele Rebeller war es vornehmlich Ehajim Grünwald, der die lebhafte Agitation zugunsten des armen Brauipaares in Szene gesetzt hatte. Ehajim Grünwald ist eine der merkwürdigsten Erscheinungen der „Gasse", eine fast jedem Ghetto eigentümliche stereotype Gestalt, nämlich „ein geschickter Mensch". Und das gehörte damals, wo die Pflege der „profanen" Wissenschask und die Kulturbestrebungen des Jahrhunderts ihren Weg ins Ghetto noch nicht gefunden hatten, allerdings zu den Seltenheiten. Aber ein Strahl dieser geistigen Kulturarbeit war doch selbst über die finsteren und hohen Mauern in die „Gasse" eingedrungen, und dieser Strahl erhellte einzelne gute Köpfe und entzündete in der großen Masse den Fnnken einer merkwürdigen Achtung vor solchen Köpfen, vor solchen „geschickten Menschen". Freilich, Ehajim Grünwald, wie fast die meisten Gebildeten des Ghetto, suchte nicht seine hohe Bildung in Spott über die Religion oder in geringschätziger Hinwegsetzung über das Gesetz darzutun, im Gegenteil, er war fromm, sehr fromm und doch — „ein geschickter Mensch". Dafür genoß er aber auch die Achtung und das Vertrauen der Gemeinde in hohem Grade. Er war der Rechtsanwalt der „Gasse"; in seinem Stübchen neben der „Schusterschul", war ein förmliches