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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-23 · Heft 4 (23.1.1914) · p. Seite 42

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 4 (23.1.1914)
Date
1914-01-23
Page
Seite 42 (sequence 6)
Language
German
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42 kennt und wegen der Verfolgungen, die er selbst erlitten hat, oder durch die seine Glaubensgenossen zuschanden wurden, nur den grimmigsten Haß gegen die Verfolger in sich nährt. Aber man muß gestehen, eine derartige Rachsucht, ein solcher Ingrimm, der einem Vater die Tochter vorenthält und sie ihm erst dann zu erkennen gibt, wo es fast oder wirklich zu spät ist, hat sich selbst bei den Juden des Mittelalters selten gefunden, obgleich sie durch die Unbill, die ihnen so vielfach zuteil wurde, Anlaß genug zu Grimm und Zorn besaßen. hrrbergr kür jüdische Durchreisende. Von Eska. n früheren Zeiten hatte fast jede jüdische Gemeinde eine Herberge für die armen durchreisenden Glaubensgenossen; die der jüdischen Gemeinde in Berlin vom Jahre 1807 am Rvsenthaler Tor zeigt uns eine Abbildung aus jener Zeit. In den großen Städten und in den großen Gemeinden, in denen so vieles anders geworden ist finden sich gegenwärtig nur in wenigen des Ostens und in Hainburg solche gastlichen Stätten. In der Berliner jüdischen Gemeinde hatten sich mangels einer jüdischen Herberge traurige Zustände herausgebildet, die zu einem öffentlichen Aergernis geworden waren. Die armen durchreisenden Juden, besonders die aus Rußland und Galizien vertriebenen -- lagerten in ganzen Trupps mit Frauen und Kindern, mit Sack und Packen in den Bahnhofshallen, oder sie irrten in der Nähe der Bahnhöfe auf den Straßen umher. Besonders ivährend der Nacht ivar es ein Jammer, diese elenden, übermüdeten und halbverhungerten Menschen den Abgang des nächsten Frühzuges hier abwarten zu sehen. Oder sie „logierten" in den Kaschemmen des Hirtenviertels, in denen ihnen oft die letzten Habseligkeiten abgenvmmcn wurden — in denen Taschendiebe und Mädchenhändler ihr Unwesen trieben — und mancher junge Mann und manches halberwachsene Mädchen der Unzucht verfielen. In der Erkenntnis dieser skandalösen Zustände wurde im November 1909 von dem jüdischen Volksverein eine „Herberge für jüdische Durchreisende" begründet. Durch die Beihilfe wohltätiger Glaubensbrüder und Schwestern konnten in der Auguststraße 20 in der ersten und zweiten Etage nach und nach 50 Betten aufgestellt werden, Ivo unter Aufsicht eines Jnspektorpaares die Armen beherbergt und verpflegt wurden. Schon im ersten Jahre wurden zirka 20 000 Portionen Essen verabreicht, und zirka 8000 mal wurden in diesem Jahre unsere Betten in Anspruch genommen. Im Jahre 1912 stieg die Frequenz der Herberge auf über 12 000 Beherbergungstage und über 30 000 Portionen Essen. Die jüdische Gemeindeverwaltung, der Hilssverein der Deutschen Juden, die Alliance Jsraolite Universelle und die Berliner Logen U.O.B.B. ließen pekuniäre Unterstützungen zuteil werden, sonst wäre es nicht möglich gewesen, das bisher Geleistete zu vollbringen. Trotz der Beihilfe dieser Institution mußten wegen Ueberfüllung an manchen Tagen viele abgewiesen werden, die der Hilfe gar sehr bedurft hätten. Die jetzigen schlechten Zeiten in Handel und Gewerbe zwingen wieder Tausende aus Rußland, Galizien und den Balkanstaaten, aus diesen für uns Juden so unwirtlichen Landen auszuwandern; aus England, Frankreich und Amerika kommen Hunderte von Familien, aller Mittel entblößt, zurück. In solchen Fällen nützt es nichts, wenn die dazu berufenen Organe auf die „Luftmenschen" schelten, „die nur in der Welt herumreisen". Mit solchen Redensarten oder mit dem Achselzucken der Gleichgültigen ist es da nicht getan. Aus purem liebermut verläßt niemand die Stätte, wo er geboren und erzogen — wo seine Lieben ruhen, denen Dumpfheit und Gedrücktsein den Mut genommen hatten, ein besseres Los im fremden, fernen Lande zu suchen. Wer sein Letztes verkauft, um mit Weib und Kindern auszuwandern, wer als junger Mensch infolge geistiger und körPerlicherKnechtschaftden unwirtlichen Landen des Ostens entflieht, dem sollen wir wenigstens auf 'seinem Leidenswege hier ein warmes Mahl und eine Lagerstätte für die Nacht bereiten, damit er mit neuem Mut und neuer Kraft weiterzieht. Der jüngst verstorbene Rentier Max K r a i n, der aus tiefer Liebe zu seinen Glaubensgenossen im stillen manche Träne der Not getrocknet, hat dem jüdischen Volksverein zum Ausbau der Herberge ein Kapital von 100 000 Mark testamentarisch ausgesetzt. — Möge dieses Beispiel treuer Nächstenliebe reiche Nachahmung finden, manche Hand öffnen und manches Herz Betteljuden-Herberghaus vom Rosenthaler Tor gesehen. Berlin 1807. „ > ,77 ■■••****&>,* : j

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