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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-23 · Heft 4 (23.1.1914) · p. Seite 41

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 4 (23.1.1914)
Date
1914-01-23
Page
Seite 41 (sequence 5)
Language
German
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41 ziemlich leises Hämmern aus der Werkstatt des jüdischen Goldschmieds; dadurch wird die Aufmerksamkeit der Menge auf den Juden gelenkt, der den christlichen Feiertag stört. Biel besser wird im französischen Original der Hatz der Menge begründet dadurch, daß sich in den Gesang der frommen Christen die andersartige Melodie der jüdischen. Handwerker mischt, so daß durch dieses vernehmliche Durchkreuzen frommer Gesänge die Wut der Gläubigen erklärlicher gemacht wird. Ferner in der deutschen Bearbeitung erscheint vor dem Einzug des Kaisers der Jude mit seiner Tochter an der Tür der Kirche. Das kann nran schwer begreifen, zumal ja beide eben der Lebensgefahr entronnen waren, und man mühte dieses Vordrängen als eine freche Verhöhnung betrachten, die eine gerechte Strafe verdient; im französischen Original wird auch dies Erscheinen der beiden Juden besser begründet: sie werden nämlich durch die Menge aus ihrem der Kirche gegenüberliegenden Laden geschoben und gedrängt, so daß sie nicht freiwillig, sondern gezwungen am Eingang der Kirche erscheinen. Die Absicht war gewiß, daß sie ängstlich und verschüchtert an diesem Platze stehen, während sie in der deutschen Aufführung ziemlich frech an dem ungewohnten Orte erscheinen und durch dieses herausfordernde Benehmen Haß und Wut der ohnehin erregten Christen Hervorrufen. . Auch ein paar andere kleine Züge mögen hervorgehoben werden, die eine bessere Motivierung des im deutschen Texte ziemlich Unverständlichkeiten enthalten; bei dem jüdischen Mahle segnet Cleazar das Brot und verteilt es unter die Genossen des Mahles; auch Leopold (der Fürst), der sich unter der Maske eines Malers bei dem Juden eingeführt hat, erhält das Brot, itzt es aber nicht, sondern wirft es weg, nachdem er sich scheu umgesehen hat, ob er nicht beobachtet wird. Nur Rahel, so heißt die Judentochter im französischen Text, während sie im deutschen Recha genannt wird, bemerkt diese Handlung und braucht eine erstaunte Aeußerung. Die Direktion des Deutschen Opernhauses würde gut tun, derartige kleine Züge wohl zu beachten. Die Oper führt ihren Titel „Die Jüdin" eigentlich nicht mit Recht; denn die Jüdin Recha, die angebliche Tochter des Juweliers Eleazar, ist gar keine Jüdin, sondern eine Christin und zwar die Tochter des Gerichtspräsidenten Brognh, oerfrüher in Rom lebte und dort bei der Zerstörung seines Hauses Weib und Tochter verlor. Diese Tochter hat der Jude Eleazar gerettet, ausgezogen und als Jüdin behandelt. Sie wird von dem Reichsfürsten Leopold geliebt, der sich unter der Maske eines jüdischen Künstlers unter dem Namen Samuel im Hause Eleazars eingeschlichen hat. Eleazar bringt sich und Recha zweimal in Lebensgefahr: das eine Mal, indem er während des christlichen Gottesdienstes laut in seiner Werkstatt arbeiten läßt; das andere Mal, indem er vor dem Einzug des Kaisers sich in recht unmotivierter Weise (vgl. oben die Bemerkung über den Unterschied des deutschen und französischen Textes) am Eingang der Kirche zeigt. Das erstemal wird er von Brognh gerettet, der sich des Juden von Rom her erinnert, obwohl er von der Rettung seiner Tochter keine Ahnung hat und der gegen den Blutdurst der Menge die Menschlichkeit walten läßt; das zweitemal von Leopold, der von einem Offizier der Kaiserlichen Bogenschützentruppe erkannt wird und ihm gegenüber seine Autorität geltend macht. Leopold, der durch das Erscheinen seiner Verlobten, der Nichte des Kaisers Eudoxia, zum Handeln gedrängt wird, entdeckt seiner Geliebten, daß er Christ sei, und wird, nachdem auch der Vater dies erfahren, von beiden verflucht, da er sich trotz der Zustimmung des Vaters nicht bereit erklärt, Recha zu heiraten. Ja, Recha geht noch weiter! Sie wirst ihm sein Verbrechen — den Umgang mit einer Jüdin — vor dem Kaiser und der vornehmen Umgebung vor und erwirkt dadurch, daß alle drei, sie selbst, Eleazar und Leopold, ins Gefängnis geworfen werden. Schließlich wird Leopold, nachdem Recha auf Bitten der Eudoxia ihre Anklagen zurückgenommen, vom Kaiser befreit, Eleazar und Recha zum Tobe geführt. Man muß gestehen, daß die Handlung so unpsychologisch wie möglich ist. Der Charakter der Recha ist schwer zu begreifen. Sie ist Jüdin oder glaubt es wenigstens zu sein und zugleich Liebende. Aber sie schwankt zwischen Liebe und Glauben. Daß sie gegen ihren Geliebten offen als Anklägerin auftritt, kann man als .Akt der Eifersucht, der Verzweiflung und Notwehr begreifen. Daß sie aber dann, durch Bitten der Eudoxia bewogen, die Anklage zurücknimmt, versteht inan durchaus nicht. Die Hauptperson ist aber gar nicht sie, sondern der Jude Eleazar. Dieser ist wirklich charaktervoll gezeichnet, nicht anmutig, aber konsequent durchgeführt. Er ist der Jude, der seinem Glauben treu ist, die Christen haßt, der mit einem freilich im 14. Jahrhundert sehr schwer begreiflichen Selbstbewußtsein gegen die Machthaber auftritt und der namentlich seinen Haß dem Präsidenten gegenüber in wahrhaft unmenschlicher Weise zeigt, während er ihm doch eher zu Dank verpflichtet wäre. Er sagt ihm zwar, daß er seine Tochter gerettet habe, aber gibt sie ihm nicht zu erkennen. (Es ist freilich höchst unwahrscheinlich, daß der Präsident nicht selbst aus die richtige Vermutung kommt). Erst im letzten Moment, als die Flammen schon das Mädchen ergreifen wollen, gesteht er, daß Recha des Präsidenten Tochter sei. (Auch hier könnte der Skeptiker sagen: warum versucht der Präsident denn gar nicht, sein Kind zu retten, denn so schnell können die Flammen ihr Vernichtungswerk nicht getan haben). Das ganze Verfahren des Juden ist unmenschlich, aber wahrhaft unbegreiflich ist das Folgende. Bei „Nathan dem Weisen" oder dessen französischem Vorbilde kann man das Verhältnis des jüdischen Vaters zur christlichen Tochter wohl begreifen, denn Nathan ist nicht bloß Jude, sondern zugleich der gütige wahrhafte Menschenfreund. Aus diesen Eigenschaften ist es verständlich, daß er eine Christin rettet oder vielmehr ein ihm zugebrachtes christliches Mädchen bei sich aufnimmt; bei Eleazar dagegen versteht man durchaus nicht, aus welchen Gründen er Recha bei sich behält, das fremde, einem feindlichen Glauben ungehörige Mädchen erzieht und mit väterlicher Liebe umgibt. Denn sein Haß gegen die Christen ist so groß, daß er sich auf Recha ebenso erstrecken müßte wie aus die anderen. Es ist daher kein Grund ersichtlich, warum er gerade diese von seinem Hasse ausnimmt. Höchst unmotiviert und unverständlich ist auch, daß Leopold, der doch jahrelang bei den Kriegszügen abwesend ist, diese seine Abwesenheit bei dem argwöhnischen Juden durch Kunstreisen motivieren kann. Nicht minder unmotiviert ist, daß er, der' keine Ahnung von jüdischen Gebräuchen und Gewohnheiten hat, von dem scharfsinnigen und leicht zum Verdacht geneigten Eleazar nicht längst durchschaut wird, ja selbst, daß in dem Moment, wo der angebliche jüdische Maler durch ein bloßes Wort, fast nur durch sein Erscheinen Vater und Tochter von der Volksmenge errettet, in dein rachsüchtigen Juden nicht der geringste Verdacht auftaucht. Man sieht, der gute Eugene Scribe, der freilich seine Stücke mit derselben Handfertigkeit schrieb, mit der andere Menschen Brot schneiden, hat sich die psychologische Vertiefung unendlich leicht gemacht. Vollkommene Vertreter des Judentums sind diese Personen nicht. Recha ist wohl der Typus der liebenden Tochter, die lieber zusammen mit dem Vater stirbt, als daß sie durch einen Uebertritt zu Glanz und Ehren gelangt. Eleazar ist der uns vollkommen fremdgewordene Repräsentant einer finsteren Zeit, der nur die Rache

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