Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1914)
- Date
- 1914-01-23
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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40 begann er mit dem Studium der Jurisprudenz, und noch in jungen Jahren trat er in den Staatsdienst. Im Alter von 32 Jahren war er bereits Richter des Provinzialgerichtshoses von Nord-Holland und zwei Jahre später wurde er zum Repräsentanten der Hauptstadt in der zweiten Kammer der Generalstaaten gewählt. 33 Jahre bekleidete Godefroi diese Position, und war während dieser ganzen Zeit eifrig bemüht, eine Sammlung von Gesetzen der richterlichen Praxis und Prozedur herzustellen, eine Arbeit, für deren große Mühe erden Löwenorden der Niederlande erhielt. Nachdem Godefroi wiederholt ehrenvolle Aemter im Ministerium abgelehnt hatte, trat er schließlich im Jahre 1860 als Justizminister in die Regierung ein, ohne dabei die Forderungen und Interessen seines Stamme* privatem oder politischem Ehrgeiz zu opfern. Trotz der Sorgen, die das hohe Regierungsamt mit sich brachte, behielt er seine Stellung als Präsident des jüdischen Konsistoriums bei, und während seines ganzen Lebens blieb er ein rühriges Mitglied der Gesellschaft zur Förderung der jüdischen Literatur. Als Staatsmann leistete Godefroi seinen Glaubensgenossen unschätzbare Dienste. Von seinem Sitz im Parlament protestierte er gegen die Tätigkeit gewisser Proselytenmacherei betreibenden Vereine. Als Justizminister trug er wesentlich zur Judenemanzipation in der Schweiz bei, denn bevor nicht die Zusicherung d-er gesetzlichen Gleichstellung der Schweizer Juden mit ihren andersgläubigen Mitbürgern gegeben war, lehnte die Regierung, deren Mitglied Godefroi war, die Bestätigung der geplanten Handelsverträge zwischen der Schweiz und den Niederlanden ab. Bei zwei darauf folgenden Gelegenheiten plädierte Godefroi für die Annahme einer ähnlichen Haltung gegen Rumänien, und sein Einfluß in dieser Richtung sollte noch mit seinem Tode nicht erlöschen. Einige Wochen nach seinem im Jahre 1882 erfolgten Tode wurde dieselbe Politik von einem nichtjüdischen Kollegen im Ministerium vorgeschlagen, und zwar, als die Frage eines -Handelsvertrages mit Rumänien Gegenstand der Diskussion war. - Fassen wir das Wirken Michael Godefrois mit kurzen Worten zusammen, so können wir sagen, er war der beste Typus eines modernen Juden. Man berichtet aus England: Wie allgemein erwartet worden ist, ist Lordoberrichter Sir R u f u s I s a a c s zum Lord ernannt worden. Nach seinem Einzug ins Oberhaus wird es nun vier jüdische Pairs geben Lord R o t h s ch i l d, Lord S w a y t h l i n g, Lord M i ch e l ha m und Sir Rufus I s a a c s, der, wie englische Blätter berichten, fortan den Titel Lord Readling führen wird. Wie die Lage nun einmal ist, können die Juden in England mit Befriedigung auf die hohe Begabung eines der Ihrigen, der sich zu einer der höchsten Würden des Landes emporgerungen hat, Hinweisen. Seinem Stamme hat Sir Rufus bei weitem nicht die Dienste geleistet, die wir von ihm unter normalen Zuständen hätten erwarten können, aber er hat kein Hehl aus seiner jüdischen Gesinnung genmcht. Als er letztens beim Lordmayorsbankett eine Rede hielt, wies er mit Genugtuung darauf hin, daß er als Jude das Amt des Lordoberrichters bekleidet. Am 21. d. M. werden die Maccabeans ihm zu Ehren ein Festessen geben; im nächsten Monat wird er den Vorsitz bei der diesjährigen Versammlung der Jewish Historical Society führen. Bit Jüdin. Lper von Halövh, Text von Scribe. Besprochen von Ludwig Geiger. ei Gelegenheit der Neuaufführung dieser zuerst 1835 auf die Bühne gebrachten Oper seien einige Worte gestattet. Schon der Komponist erregt unser Interesse, denn Jacques Elte Froinental Haltzvy, geboren am 27. Mai 1799, gestorben am 17. März 1862, war und blieb ein Jude. Er war ein hochbedeutender gefeierter Komponist, Chordirektor an der Großen Oper, Professor der Komposition am Konservatorium in Paris, Ritter, dann Offizier der Ehrenlegion, Mitglied, später Vizepräsident, schließlich ständiger Sekretär der Pariser, auch Ehrenmitglied der belgischen Akademie. „Die Jüdin" ist seine einzige Oper, die einen jüdischen Stofs behandelt; höchstens könnte man noch die nicht vollendete Oper „klotz ou I« dringe" in diesem Zusammenhang nennen. Die Neuaufführung der Oper im Deutschen Opernhaus in Charlottenburg fand am 12. September 1913 statt und hatte einen sehr bedeutenden Erfolg. Sie gehört zu den Veranstaltungen, denen ein musikfreundliches Publikum den wärmsten Dank abzustatten verpflichtet ist. Da es im Königlichen Opernhaus zu Berlin für minder Bemittelte schwer ist, Billette zu erhalten, oder kaum möglich, die Preise zu bezahlen, so ist die Begründung dieser neuen Opernbühne für die Residenz ein Segen. Man tut sehr unrecht, wie es manche Kritiker und Mitglieder der vornehmen Gesellschaftsschichten zu tun lieben, wenn sie von dieser Bühne reden, von einer Volksoper zu sprechen, denn das Haus ist prächtig, das Orchester erstklassig, die Sänger zum großen Teil vortrefflich, Beleuchtungseffekte, Dekorationen und Kostüme einer wirklich großen deutschen Bühne würdig, die Ballette künstlerisch arrangiert und die Borführung von Massen (z. B. bei dem Erscheinen des Kaisers in der „Jüdin") derartig, daß auch das größte Hoftheater sie nicht übertreffen, ja schwerlich erreichen kann. Das Hauptverdienst dieser jungen Bühne, deren erste Vorstellung Ende Oktober 1912 stattfand, die daher erst eine ruhmvolle Saison hinter sich hat, besteht aber darin, daß sie nicht etwa bloß das Neueste zu bringen sucht, sondern sich angelegen sein läßt, neben den klassischen Werken die gute alte Spieloper zu geben. Außer „Figaros Hochzeit" von Mozart und „Fidelio" von Beethoven, brachte sie „Zar und Zimmermann", die „Lustigen Weiber von Windsor", den „Freischütz", „Oberon" und viele andere Opern, die ehemals zu den Lieblingsstücken des Publikums gehörten, jetzt aber meist durch neue Produkte verdrängt sind, zum Gehör. Zu diesen Wiederlebungsversuchen, von denen die meisten vollkommen glückten und von dem Publikum sehr freudig ausgenommen wurden, gehört auch die „Jüdin". Ueber das Musikalische will ich mich kurz fassen. Die Oper bietet keinerlei Schlager, keine populär gewordenen Melodien. Dem außerordentlichen Lobe, das Mendels „Musikalisches Lexikon" der Oper spendet, indem es ihm „Herzenstöne von rührender Innigkeit, leidenschaftliche Rufe von erschütternder Wahrheit" zuschreibt, kann ich mich nicht ganz anschließen. Es kommt in der Oper vielmehr manches Konventionelle vor; die Lust an dem sogenannten bei esnto verführte den Meister zu vielfachen Spielereien. Es wird von den Sängern viel Forciertes gefordert; gerade in Momenten, in denen die spannende Handlung ein schnelles Fortschreiten verlangt, wird durch die Lust an Trillern und Koloraturen sowie an anderen musikalischen Effekten die Handlung aufgehalten. Etwas ausführlicher möchte ich über den Text reden. Das Textbuch, das der neuen Aufführung zugrunde gelegt wurde, schließt sich weit mehr als das früher übliche dem französischen Original an, indem es gar manches, was früher zu Unrecht weggefallen war, wieder herstellt. Trotzdem sind auch in dem neuen Texte manche Seltsamkeiten geblieben, die, bei besserer Wahrung des Originals, hätten vermieden werden können. Bei der Charlottenburger Aufführung erklingt nach dem frommen Kirchengesange am Anfang des ersten Aktes ein