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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-23 · Heft 4 (23.1.1914) · p. Seite 39

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 4 (23.1.1914)
Date
1914-01-23
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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39 Sif Macht. B e r l i n, den 20. Januar 1914. um Sprachenstreit in Palästina sendet uns der Hilssverein der deutschen Juden mit der Bitte um Verösfenrlichuug folgende Zuschrift: Die „Welt" veröffentlicht in Nr. 2 dieses Jahrganges folgendes Telegramm: Jerusalem, 2. Januar 1914. Generalkonsul Schmidt, Jerusalem, ermächtigt frühere Leiterin Mädchenschule Hilssvereins, Veröffentlichung folgender Erklärung: Ich wäre nicht mit Polizei in Schule gekommen, wenn ich den wirklichen Zustand gekannt und gewußt hätte, mit welcher Ruhe und ohne Schüleraufreizung Lehrer Unterricht unterbrachen. Hierzu geht dem Direktor unseres Schulwerkes in Palästina folgendes offizielle Schreiben des deutschen Generalkonsuls in Jerusalem zu: Jerusalem, den 6. Januar 1914. Sehr geehrter Herr Direktor! Ailf Ihr gefl. Schreiben vom 31. Dezember erwidere ich ergebenst Nachstehendes: Meine Ullterredung mit Frl. Pinczower ist in dem „Hacherllt" bent Sinne nach sehr entstellt wiedergegeben worden. Uebrigens ist die Veröffentlichung nicht mit meiner allsdrücklichen Erlaubnis erfolgt. Ihre sonstigen Fragen beantworte ich kurz dahin: 1. Weder in der Lämelschule lloch in der Mädöt-enschule ist irgend- . welche polizeiliche Gewalt angewendet worden, in der Lämelschule lind im Lehrerseminar ist die Polizei überhaupt nicht gewesen. Dies habe ich, wie Ihnen bereits bekannt, auch dem Auswärtigen Amt lloch einmal telegraphisch wiederholt, nachdem die bekannten tendenziösen Telegramme in der „Welt" erschienen waren. 2. Ich bin völlig aus eigenem Antriebe zu Jhneu gekommen, weil ich es für meine Pflicht hielt, Demonstrationen gegen Anstalten des lulter deutschem Schlitz stehenden Hilfsvereins auch persönlich soweit möglich zll verhilldern. 3. Insbesondere habe ich Ihnen angeboten, behufs Verhinderung etwaiger Ausschreitungen Sie zur Mädchenschule zll begleiten: ich ersuchte einen Polizeikommissar, für alle Fälle mitzukommen und allch einige Polizisten folgen zll lassen; ich befürchtete ähnliche Szeileil lvie vor der Lämelschule auch vor der Mädchenschule, wie ja in der Tat später ein Zug Demonstranten dort vorbeikam. Rät Bezug auf die Unterredung mit Frl. Pinczower bemerke ich lloch, daß ich derartige Unterredungen mit Angehörigen der Gegeupartei nicht gerade aufsuche, aber allch nicht ablehne, da ich niemand das Recht eillschränken möchte, mir feinen Standpunkt darzulegm; ich benutze übrigens solche Gelegenheiten, um zur Mäßigung zll mahiieu. Daß ich aber die von der Gegenpartei angewandten Mittel, wie Boykott, Streiks, Straßelldemonstrationeu, Verleitung von Kindern zum Verlassen der Schule, Telegrammfälschuug, Einschlagen von Fensterscheiben, Jnsultierung und Bedrohung von treugebliebenen Lehrern nsw. durchaus verurteile, bedarf wohl keiner besonderen Feststellling, ebenso, daß ich es für meine Pflicht halte, dem Hilfsverein bei der Durchführung des von ihm für richtig erkannten Programms dllrch Schutz vor etwaigen Allsschreitungen zur Seite zu stehen. Mit vollkoulmener Hochachtllng Ihr ergebenster gez. S ch m i d t. Der Brief stellt noch einmal offiziell fest, welche Ausschreitungen vorgekvnlmen sind, uild gibt eine authentische Erklärllng über das vom Generalkonsul für notwendig gehaltene Einschreiten der Polizei, worüber die gegnerische Presse die ungeheuerlichsten, unwahren Angaben veröffentlicht hat. Gleichzeitig wird durch diesen Brief gezeigt, zll welch unerhörten Verdrehungen die jetzigen Gegner des Schulwerks des Hilfsvereins gezwungen sind, um die Gewalttätigkeiten ihrer Anhänger in Palästina vor der Welt zll beschönigen. * Die neueste Nummer der „Mitteilungen des Abwehrvereins" enthält einen Artikel: „Die Juden in den Befreiungskriegen", der merkwürdige Auszüge aus Heft 23 der „Mitteilungen der Königs. Preuß. Archivverwaltung" bringt. Wir entnehmen diesem das Folgende: Als wichtiges Ergebnis, soweit die Beteiligung von Juden an dieseul Liebeswerk in Frage kommt, darf man wohl die Feststellung des Verfassers verzeichnen, daß der damals gegründete „Frauenverein zum Wohl des Vaterlandes", also der Vorläufer der setzt über das ganze Reich Verbreiteten „Vaterländischen Frauenvereine" nach einem Plane des Berliner Kaufmanns Louis Eppenftetn ins Leben gerufen worden ist. lieber die Person dieses Mannes teilt Müsebeck das Folgende mit: „Geboren 15. Dezember 1769 als Sohn des Schutzjudeu E. zu Lublinitz in Schlesien, seit 1799 Schutzjude zu Berlin, lutherisch getauft 16. Oktober 1301 zu Leipzig; am 15. März 1804 kaufte er zu Berlin das Schloßplatz 3 gelegene Haus des Schneidermeisters Rondthaler und betrieb hier eine Baumwollwarenhändlung, erwarb am 14. März 1807 das Bürgerrecht und erhielt 1817 das eiserne Kreuz am weißen Bande." Das Material über die freiwilligen Liebesgaben ist, wie der Verfasser ja auch selbst betont, ein äußerst lückenhaftes, immerhin erfährt man als neue Tatsachen, daß der jüdische Arzt Dr. Bräuuersdors in Breslau neben seiner Krankenstation von 300 bis 500 Mann in den Lazaretten die Einrichtung eines eigenen Lazaretts für 80 Manu schwerer Kranker und Verwundeter übernahm nnd dasselbe durch die von feinen Glaubensgenossen subskribierten Beiträge acht Monate lang unterhielt. In Halberstadt rüstete der Bankier David Sußmann zlvei und die israelitische Gemeinde zehn freiwillige Jäger aus. Von den dem Sammelwerk angefügten Urkunden interessiert u. a. ein Schreiben der Gebrüder Berend aus Potsdam an den Staatskanzler v. Hardenberg (12. 2. 1813): Gerne würden wir dem Rufe unseres gnädigen Königs folgen und unser Vaterland mehreren anderen braven Staatsbürgern gleich verteidigen helfen; aber leider sind wir für diesen persönlichen Dienst zu betagt und unsere Kinder noch nicht im Alter, die Waffen ergreifen zu können. Wir wagen es daher in tiefster Untertänigkeit Ew. Exzellenz durch die 50 Stück Friedrichs dwr einen nur zu geringen Beweis mt den Tag leger: zu können, wie sehr wir wünschen, Sr. Majestät nnserm geliebter: König die Dieustwilligkeit zu bezeugen, weiche uns die Borsehrrng auf jede andere Art entzogen, und bitten nur diese Summe bei anderer: angewendet zu sehen, welcher: es an Mitteln zur Bekleidung wohl fehlen dürfte." Ferner findet sich ein Schreiben der jüdischer: Gemeinde in Breslau an den Staatskanzler (23. 2. 1813) folgenden Inhalts: „Die hiesigen Staatsbürger, die sich zrrr mosaischen Religion bekermen, von dem Wunsche beseelt, ihren Patriotismus, ihre Anhänglichkeit an ihrer: vielgeliebten König und Vaterland an den Tag zu legen, fanben sich veranlaßt, eine Subskriptionsliste unter sich zu eröffnen, rmd die freiwilliger: Beiträge der Individuen auszunehrnen und' zu sammeln. Unterzeichnete Deputierten Haber: die Ehre, Eure Hochfreiherrliche Exzellenz die laut beiliegenden: Verzeichnis von 27 Mitgliedern Unterzeichnete ur:d beigetragene Summa nrit der alleruntertänigster: Bitte zrr überreichen, Euer Hochfreiherrliche Exzellenz wollen diesen Beitrag allergnädigst aufnehmen, und solchen zrrr Bekleidung der freiwilliger: vaterländischen Jäger allergnädigst zu verwenden. Unterzeichnete Deputation wird es sich zur angenehruer: Pflicht machen, die auf gedachter Subskriptionsliste noch ferner eingeherrder: Beiträge zu sammeln, urrd solche zrrr Zeit Euer Hochfreiherrlichen Exzellenz ganz untertänigst zu überreichen." Insgesamt betrug die Summe der von der jüdischen Gemeinde gesammelten Beiträge — abgesehen von den Eiuzelbeiträgen — 2850 Taler und 2 Friedrichs >Lor. # Am 13. d. M. war gerade ein Jahrhundert verflossen, seitdem der berühmte holländische Staatsmann Michael Godefroi das Licht der Welt erblickt hatte. In der Geschichte Hollands nimmt Godefroi als Jurist nnd Staatsmann den ersten Platz ein. Dennoch ist er nicht der einzige hervorragende Jurist, den die holländische Judenschaft im vergangenen Jahrhundert ihrem Vaterlande geschenkt hat. Der Name Asser allein genügt, diese Behauptung zu bestätigen, denn mehrere Glieder dieser Familie, mit der Godefroi durch Heirat eng verbunden war, hatten sich als juristische Autoritäten einen Namen erworben. — Michael Godefroi wurde am 13. Januar 1814 in Amsterdam geboren. Schon frühzeitig

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