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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-16 · Heft 3 (16.1.1914) · p. Seite 31

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 3 (16.1.1914)
Date
1914-01-16
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
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31 riMuuifl zu bringen, allein dem Kindergarten Vorbehalten leibt. Hier geht wie im Schmelztiegel der Assimilations- >rozeß vor sich, und er vollzieht sich schlackenrein, da cs sich »n Kinderseelen handelt. Nicht mehr Sprößlinge von Aschkenasim, von Sephardim, von Jemeniten bekommt man zier zu sehen, sondern nur jüdische Kinder, einfach nur jüdische Kinder; und nicht mehr einen in allen möglichen Abarten klingenden Jargon bekommt man hier zu hören, sondern Hebräisch, reines, zu neuem Leben erwachtes Hebräisch, gch muß gestehen, so oft ich mich im Kreise dieser lieben munteren, sauberen Bälge befand, ist es mir stets warm und iveich ums Herz und klar und hell im Geist geworden. Nun bildet der Kindergarten, der Volks kindergarten, >vie wir mit Recht sagen dürfen, nur einen Teil des vom Hilfsverein in Palästina geschaffenen oder durch ihn im Entstehen begriffenen Erziehungswerkes. Vom Kindergarten führt der Weg zur Stadt- und Landschule für Knaben und Mädchen. Aus der Volks- und Bürgerschule wiederum, ivobei die Edler-v. -Lämel-Schule in Jerusalem vor allem in Betracht kommt, rekrutieren sich hauptsächlich die Besucher der Handelsrealschule und des Lehrerseminars, während aus der andereil Seite die Mädchenschule ein gleichmäßig ausgebildetes Schülerinnenmaterial für den in Jerusalem errichteten Kindergärtnerinnenkursus liefert. Daneben geht dann noch das Bestreben, die den heutigen Verhältnissen nicht mehr entsprechende Talmud-Thvra-Schule zu reorganisieren sowie außerdem durch den Ausbau eines bereits ins Leben gerufenen Rabbinerkursus zu einer talmudischen Hochschule den modernen Anforderungen auf dem Gebiete der theologischen Ausbildung Rechnung zu tragen. So ist der Hilfsverein in »infassender Fürsorge bemüht, unmittelbar und mittelbar;u wirken, zu lehren und lehren zu lassen. Gewiß hat das Schulprvgramm bei seiner Ausgestaltung durch die unablässige Einschiebung neuer Unterrichtsgegenstände in der Folge an Umfang zugenvmmeu und teilweise auch wesentliche Veränderungen erfahreii.- Aber es blieb doch immer der g l e i ch e Geist, der das Ganze beherrschte, dieselbe Linie, die architektonisch alle Teile z u - ' am men faßt. In der Tat besteht auch eine Anzahl der jetzigen hebräischen Lehrer in Palästina und darüber hinaus an weiteren Orient aus Absolventen des vom Hilfsvereia niterhaltenen Lehrerseminars in Jerusalem. Schließlich gibt doch Herr Dr. Schmarja Levin selbst zu, »iß der Hilfsverein sich um die Hebung und Belebung der wbräischen Sprache in Palästina ganz außerordentliche Veraenste erworben hat. „Was man auch sagen mag," schreibt v, „die Leiter des Hilssvereins haben sich nicht mit bloßen 'Korten, mit Lobsprüchen auf das Hebräische begnügt. Sie oaren es, die fast in allen palästinensischen Städten ein Netz von rein hebräischen Kindergärten schufen, welche Tausenden grter Kinder zugute kamen; sie waren es, die Elementarchiilen, Mittelschulen und ein Lehrerseminar gründeten, Anhalten, denen zwar fast ausnahmslos die wahre volkstümliche Äärine, der belebende Geist fehlte, der die zarte Seele des 'lindes umfängt und sie zu einem festen, harmonischen Gebilde formt, die aber immerhin doch hebräisch waren, in '»'reu Lehrbetrieb die hebräische Sprache Herrscherin war, »'ährend die anderen Sprachen nur die Rolle von nachgeordu'te» Dienerinnen spielten. Vorträge in Geometrie und Algebra, in Botanik und Physik hörte ich in hebräischer Sprache zum ersten Male im Lehrerseminar des Hilssvereins ■» Jerusalem, und ich erinnere mich des starken Eindrucks, t'ii diese Vorträge auf mich und auf die anderen Besucher Palästinas übten, die in die Unterrichtsstunde des Lehrerin inars gekommen waren, um zum ersten Male einen Hauch »3 „heiligen Geistes" in sich aufzunehmen, der den Quellen er nationalen Wiedergeburt entströmt." Nun wird allerdings von gegnerischer Seite erklärt, der Hilfsverein sei „umgefallen", sei von seinem ursprünglichen Programm abgewichen und habe jetzt nur mehr die „Germanisierung" seiner Schulen als Ziel im Auge. Es stehen sich da zwei Behauptungen gegenüber, die ich, bei der hohen Wichtigkeit des Gegenstandes, wenigstens im Auszuge, hier im Wortlaut folgen lassen möchte. In einem Rundschreiben des Hilfsvereins heißt es: „Es wurde das Märchen erfunden und verbreitet, der Hilfsverein habe ans seinen Anstalten das Hebräische zugunsten des Deutschen zurückgedrängt. Demgegenüber erklären wir, daß in dem Programm des Hilfsvereins nicht das geringste geändert worden ist, noch geändert werden wird. Neben der deutschen nimmt die hebräische Sprache nach wie vor den breitesten Raum in den Lehrplänen ein; nicht eine einzige Unterrichtsstunde, die in Hebräisch erteilt wurde, ist in eine deutsche umgewandelt worden." Hingegen stellt das Zionistische Aktionskomitee fest, „daß wohl in der Lämel-Schule, im Lehrerseminar und auch in der Mädchenschule in Jerusalem, ebenso wie in der Knabenschule in Jaffa, bis vor kurzem die meisten mathematischen lind naturwissenschaftlichen Fächer in hebräischer Sprache gelehrt wurden, was indessen jetzt nicht mehr der Fall ist." „Was nicht mehr der Fall," ist freilich eine etwas matte, nicht allzu viel besagende Wendung, und angesichts so schwerer Beschuldigungen wäre eine Aufzählung von Tatsachen ivohl eher am Platze. Ich kenne die einzelnen Vorgänge nicht, vermute indessen, daß die Sache sich fvlgendermaßen zugetragen haben dürfte. Aus irgendwelchen Gründen ist der eine oder der andere der Lehrer an den verschiedenen Schulen mit einer Vertretung betraut worden. Nun ist aber Hebräisch noch immer nicht Gemeingut aller Lehrer, zumal wenn diese erst kurz zuvor aus Europa angekvmmen sind. Der neue Lehrer war also gezwungen, dort Deutsch vorzutragen, wo sein Vorgänger Hebräisch lehrte; und so mag es sich tatsächlich ereignet haben, daß hie und da eine vorübergehende Verschiebung in der Unterrichtssprache eingetreten ist. Allein es erscheint mir schlechterdings nicht angängig, daraus auch gleich auf eine radikale Schwenkung in der Stellungnahme zur Sprachenfrage und auf eine grundsätzliche Aenderung des bisherigen Kurses zu schließen. „Nicht eine einzige Unterrichtsstunde, die in Hebräisch erteilt wurde, ist in eine deutsche umgewandelt worden," heißt es in der Erklärung des Hilssvereins. Umgewandelt, soviel wie dauernd sestgelegt, >vas jedoch die Möglichkeit eines provisorischen Ersatzes nicht ausschaltet. Uno dann weiter: „Im Programm des Hilfsvereins ist nicht das geringste geändert worden, noch wird das geringste darin geändert werden." Das ist eine Feststellung und ein Gelöbnis. Ein Gelöbnis von Ehrenmännern, das unter all e n U m stä n d e n r es p ek t i er t w e r d e n m u ß. Bei dieser Gelegenheit möchte ich es nicht unterlassen, auch den zu erwähnen, der sich um das Hilfsvereinswerk in Palästina ganz besondere Verdienste erworben hat: den D i - rektor Ephraim Cohn in Jerusalem. Es erscheint mir als eine Ehrenpflicht, hier dieses Mannes zu gedenken, nachdem von allen Seiten jetzt über ihn hergefallen wird, und er in erster Linie, weil er der Vertrauensmann und eigentliche Berater des Hilfsvereins war, als Zielscheibe der vielen Angriffe dient. Nicht, daß ich allem, was er tat, zustimmte. Auch ich hätte lieber manches ungeschehen gewünscht, manches, das unterblieben ist, lieber ausgeführt gesehen. Zudem habe ich mich häufig des Eindrucks nicht ganz erwehren können, als ob bei gewissen Maßnahmen letzten Endes doch mehr der Gesichtspunkt der quantitativen Steigerung, als der der qualitativen Hebung ausschlaggebend sei. Entscheidungen von umgekehrter Wirkung hätte ich weit eher begrüßt. Aber das soll mich natürlich nicht abhalten, die Leistungen des Mannes uneingeschränkt anzuerkennen, und gerade denen gegenüber, die jetzt über seine

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