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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-16 · Heft 3 (16.1.1914) · p. Seite 30

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 3 (16.1.1914)
Date
1914-01-16
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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30 Ideale zustreben. Die gefaßten Beschlüsse über die Unterrichtssprache in den vom Kuratorium in Haifa erbauten Schulen sind jedoch mit diesen unseren Anschauungen unvereinbar.. Damit war das Tischtuch zerschnitten. Aus dem früheren Zusammenarbeiten wurde nun ein Entgegenarbeiten, und der Ertrag dieses Bruderzwistes trat bald in Gestalt einer heftigen Kampagne gegen den -Hilssverein in die Erscheinung. Die jüdische Bevölkerung Palästinas wurde mobil gemacht und in den Städten und den Kolonien eine Protestbewegung in Szene gesetzt. Der den größten Teil der Lehrkräfte des Landes in sich vereinigende Lehrerverband Merkas Hamorim rief außerdem zur Boykottierung des Technikums wie der dazu gehörigen Mittelschule — und zwar sowohl den Lehrern als auch den Schülern gegenüber — auf. Nicht genug damit, wurde der Kampf noch in die Hilfsvereinsschulen selbst verpflanzt, welcher denn auch zur Folge hatte, daß viele der Lehrer und Schüler, vor allem aus dem Lehrerseminar und der Handelsschule in Jerusalem, zu streiken begannen. Aber diesmal galt die Kundgebung schon nicht mehr dem Technikum beziehungsweise der Mittelschule allein, sondern richtete sich gegen die Hilssvereiusschulen ganz allgemein und die höheren Unter? richtsanstalten in Jerusalem im besonderen. Die Streikenden forderten eine durchgreifende Reorganisation des bisherigen Lehrplanes, mit dem sie nicht mehr einverstanden zu fein erklärten. Was sie verlangten, ivar iricht inehr und nicht iveniger als so ziemlich das radikale Ausgeben der geltenden Unterrichtsordnung durch die Festlegung, „daß alle Disziplinen, die bisher Deutsch gelehrt worden sind, künftighin ausschließlich in hebräischer Sprache vorgetragen werden sollen"'. Dieser Wunsch, in einer Schülcrversammlung zuin förmlichen Beschluß erhoben, wurde von den Zöglingen des Lehrerseminars und der -Handelsschule der Direktion der beiden Anstalten in Form einer Denkschrift, gewissermaßen als Ultimatum, übermittelt. Und da die Schulleitung ein solches Borgehen sich nicht bieten lassen wollte - ~ schon aus rein formalen Gründen sich nicht bieten lassen konnte, sich nicht bieten lassen durfte ist es schließlich so weit gekommen, daß Polizei requiriert wurde, um tumultuarische Zusammenläufe und Ausschreitungen zu verhindern. Wie tieftraurig und unsagbar beschämend, daß in einer internen jüdischen Angelegenheit es erst der Polizeigewalt Vorbehalten bleiben mußte, Ruhe zu stiften! Es ist die unheilvolle Frucht eines durch nichts zu beschönigenden und unter allen Umständen zu verdammenden Auflehnungsversuchs, der den Geist der Revolution beschwingt, alle Bande der Ordnung gelockert und Zucht und Disziplin untergraben hat. Ich will hier nicht untersuchen, welche über- und unterirdischen Kräfte bei diesem „Erdbeben", wie Dr. Paul Nathan die Bewegung in Palästina bitter nannte, ihre Hand mit im Spiele hatten. Ich will auch nicht des-Näheren prüfen, inwieweit die zahlreich in die Leffentlichkeit gedrungenen und sich häufig vollkommen widersprechenden Nachrichten sich mit den wirklichen Tatsachen decken. Wehen Herzens lasse ich das ganze Bild vor mir vorüberschreiten und bemühe mich, schamerfüllt, über die Einzelheiten nach Möglichkeit rasch hinwegzugleiten. Denn nicht die Vorgänge zu beschreiben und zu schildern, sondern sie zu deuten und verstehen zu lehren, soll der Zweck dieser Zeilen sein. Vielleicht bewahrheitet sich auch hier dann versöhnend der Spruch, daß tont eompiendrs c’est tout pardonner. Mit dem Momente, wo die Herren Dr. Levin, Dr. Tschlenow und Achad Haam aus dem Kuratorium ausgeschieden sind, hat die Auseinandersetzung mit der Hilfsvereinsleitung einen prinzipiellen Charakter angenommen. Denn nun wurde die Regelung der Sprachenfrage am Technikum und an der Mittelschule in Haifa, die zunächst eine innere Verwältungsangelegenheit war, zur Kampsparole, und aus den Meinungsverschiedenheiten einer administrativen Behörde, wie sie allenlhalben innerhalb einer gemeinsamen Organisation vorznkommen Pflegen, entstanden feindliche Gruppen und sich befehdende Parteien. So hat ja tatsächlich der Streit um Technikum und Mittelschule in Haifa nur noch die Bedeutung einer Episode behalten; er bildet sozusagen das Vorpostengefecht im Sprachenkampfe, dessen eigentliche und entscheidende Schlachten erst durch den Generalangriff auf die verschiedenen Hilssvereinsschulen geschlagen werden sollten. Allein so betrachtet, wird man das Recht zur Sezession und die Berechtigung zum „Sezessionskrieg" doch wohl nur dann geltend machen können, wenn es gelingt, den Nachweis zu jühren, daß zwischen dem Lehrprogramm des Hilssvereins und den Forderungen der Hebraisten ein prinzipieller Gegensatz besteht. Ist das aber nicht der Fall, oder gelangt man gar zum umgekehrten Resultat, dann wird man selbst vom Standpunkt der Hebraisten, wie mir scheint, dem Kampf gegen den Hilfsverein die Billigung versagen müssen. Freilich genügt es oa nicht, auf Einzeltatsachen zu verweisen oder Unterlassungen und Verstöße ins Feld ,;tt führen. Es wird viel m ehr darauf a nko mmen , die Gesamtrich tun g zu prüfen, die Grundtendenz in Erwägung zu ziehen und das Ergebnis als Ganzes sich vor Augen zu halten. Ter Standpunkt, lieber gar nichts als etwas anderes, ist begreiflich; jedoch unbegreiflich und geradezu verlverflich ist die Ansicht, entweder alles oder gar nichts. Und in diesem Sinne werden wir die Frage zu beantworten haben, von welcher Art der Einfluß der -Hilfsvereinsschulen auf die Entlvicklung der hebräischen Sprache in Palästina gewesen ist. Aber ergibt sich, indem ivir so die Frage stellen, nicht auch die Antwort darauf schon gleich von selbst? Sehen wir von den Haisaer Schulen ab, die einen Einzelfall bilden und über die wir im übrigen noch später besonders zu handeln haben werden. Wer wollte in der Tat ernstlich bestreiten, daß der Hilssverein sich um das Aufblühen und Gedeihen des Hebräischen im Heiligen Lande mindestens ebenso große Verdienste erworben hat wie nur irgendeine jüdische Organisation der Welt? Es war der Hilfsverein, der die glückliche Idee hatte, dem Schul- und Erziehungswerk in Palästina Kindergärten als Unterlage zu geben. So ist nach und nach während der letzten zehn Jahre, dank seiner Initiative, in fast allen palästinensischen Städten mit jüdischer Bevölkerung und zum Teil auch in den Kolonien eine große Zahl von Kindergärten entstanden, die nun eines der Fundamente des dortigen Unterrichtswesens bilden, und die man sich schlechterdings nicht mehr aus dem Schulleben des Heiligen Landes hinwegdenken könnte. Welche Aufgaben dieser Kindergärten harren, vermag ja ein nur mit den geregelten Verhältnissen in Europa Vertrauter sich kaum vorzustellen. Zur Illustration will ich somit folgende Angabe aus dem Hilfsvereinsbericht des Jahres 1911 über die Kindergärten in Jerusalem hier ansühren. In diesem Jahre wurden die drei in Jerusalem besinMchen Kindergärten von 418 Zöglingen besucht, welche nach der Bevölkerungsgruppierung sich folgendermaßen zusammensetzten: Aschkenasim. 181 43,30 Prozent Sephardim.131 31,10 gemeinten.32 — 7,66 Grusiner.28 — 6,70 Perser.23 — 5,50 Marokkaner.21 — 5,00 Syrer. 2 Ein fürchterliches Durcheinander hinsichtlich der sozialen Herkunft, der häuslichen Erziehung, der Umgangssprache lote der Einwirkung der Umwelt überhaupt! Ein Durcheinander und Tohuwabohu, in das Einheitlichkeit, Gleichmäßigkeit und

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