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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-16 · Heft 3 (16.1.1914) · p. Seite 26

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 3 (16.1.1914)
Date
1914-01-16
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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26 Majorität von seiten der jüdischen Minorität bricht auch im Mittelalter nicht ab, wenn auch da naturgemäß infolge der Isolierung der Einfluß geringer wurde. Aber vollständig stille stand er auch da nicht. Die übermütige Laune des Purimsestes mit ihren Scherzen, Spielen und Masken ist nicht nur ein Rudiment des griechischen Dionysosfestes und der römischen Saturnalien, sondern auch das jüdische Pendant zum christlichen Karneval; und wer noch zurückdenkt an die Prozessionen in den Synagogen am Thorafreudenfeste mit den Kerzen nnd Fahnen, wird nicht umhin können, zu bekennen, daß nicht jüdische Sitten selbst in 'das synagvgal - religiöse Leben Eingang fanden, nicht nur in das häuslichreligiöse. Sind nicht zahlreiche synagogale Melodien, bei denen sich heute dem „frömmelt" Juden das Herz auftut, aus der weltlich-kirchlichen Umwelt zu uns hinübergetragen worden? Natürlich verstärkt sich dieser Einfluß sofort, wie die Berührung mit der Außenwelt intensiver, freundschaftlicher wird. Wie im Mittelalter allerdings nur da und dort Synagogen im gotischen Stil erbaut wurden, so hat unsere Zeit Orgel und gemischten Chor übernommen, ohne daß darob das Judentum untergegangen wäre. Und manch ein konservativer Rabbiner eifert für die Reinheit des Judentums in — katholischer Sutane und protestantischen Bäffchen. Was war nun mein Verbrechen? Ich erklärte, nichts dagegen zu haben, wenn die modernen Juden, die heute ihren Kindern einen Weihnachtsbaum aufstellen von diesen allein ist ja in meinem Artikel die Rede statt des Weihnachtsbanms ihren Kindern am 24. Kislew eine Menora aus Tannenzweigen zurechtstutzen. Ist das wirklich etwas so Entsetzliches? Ist denn der Tannenbaum an sich christlichreligiös? Ist er denn Christbaum auch am 1. Dezember oder am 1». Januar und nicht ausschließlich am 24. Dezember? Rur darum, weil ihn die Christen für ihr Christfest nehmen, soll es das jüdisch-religiöse Gefühl verletzen, ivenn jemand aus einem Tannenbäumchen eine M e n o r a zurechtstutzen will?! O, dann verbietet in allen Familien, selbst in den konservativsten, am dies natalis Fische zu kochen und Stollen zu backen, untersaget euren Kindern, sich ans die Weihnachtsserien zu freuen und Weihnachtsansflüge zu machen, verlobet und verheiratet nicht euere Söhne und Töchter in der Weihnachtszeit, untersaget eueren Frauen, den Kindern am Sonntag den Feiertagsanzng zu geben, gehet mit eueren Kindern am Sonntag nicht spazieren und meidet Tannen- und Fichtenwälder!! Könnt ihr das? Nennet ihr nicht einen Hellen Narren, der so zu euch sprechen wollte? Und doch ist das alles mehr Aufnahme und Austausch als die Menora aus Tannenzweigen. Fraget die tiefgründigen, orthodoxesten Talmudweisen unserer Tage, vb ich nicht recht habe? Oder ist, was ich gesagt habe, nur darum schlimm, weil i ch, der Rabbiner, es gesagt habe? Das Volk in seinem unbewußten, naiven Drange darf manches, vieles tun, dem die Kirche oder die Synagoge ihr ..plaeet“ nicht ausdrücken darf. Das wäre zweifellos richtig, ivenn es sich nm die Einführung einer wirklich christlich-religiösen Sitte in das Lager des Judentums handelte. Aber der Tannenbaum ist nicht spezifisch christlich, denn die romanischen Länder kennen ihn gar nicht, und der Brauch des Christbaums ist selbst in unseren Ländern nicht allzu alt. Ich kann nur wiederholen: eine Menora aus Tannenbäumchen für den 24. Kislcio halte ich unter allen Entlehnungen für eine der statthaftesten. Als einfache Knnstform, ivarum nicht? Trotz der „Welt" frage ich, ivarum nicht? Und ich befinde mich da in denkbar bester Gesellschaft, in der Theodor Herzls! In derselben Nummer der „I ü d i s ch e n R u n d s ch a u", in der aus Seite 8 mein unschuldiges ..plaocck" hämisch bildlich dargestellt ivird, ist auf Seite 12 ff. eine kleine, mir unbekannt gewesene Skizze Herzls abgedruckt: „D i e M e n o r a". Ta heißt es wortwörtlich: „So ging er hin und entwarf mit seiner geübten Hand eine Zeichnung für die Menora, die er seinen Kindern übers Jahr schenken wollte. Frei gestaltete er das Motiv der acht gleich hoch auslaufenden Arme aus, die rechts und links in der Ebene des Stammdurchschnittes liegen. Er hielt sich an die steife überlieferte Form nicht für gebunden, sondern schuf wieder aus Natürlichem') heraus, unbekümmert um andere Deutungen, die ja darum auch ihr Recht behalten mochten. Er war auf lebensvolle Schönheit aus. Doch ivenn er auch in die erstarrten Formen eine neue Bewegung brachte, hielt er sich dennoch an ihr Gesetz, an den vornehm alten Stil ihrer Anordnung. Es war ein B a u m mit schlanken A e st e n, deren Enden wie Kelche sich erschlossen, und in diesen Blütenkelchen sollten die Lichter stecken." Ist das nicht dasselbe, nur diskreter, zarter, Poesievoller ausgedrückt?! Nur daß Herzl den Künstler zum Natürlichen in der K u n st flüchten läßt, ivährend ich die N a t u r selb st, aber auch nur in der alten Knnstform, jenen konzediere, die sie schon in ihrem Heime eingebürgert hatten, eingebürgert allerdings zu einer für uns Juden unpassenden Zeit und in nichttraditioneller Form. Nun gehet, ihr Zionisten, und entrüstet euch über eueren Führer, eueren Heros, eueren Abgott! Ihr dürfet es aber nicht, dürftet euch auch über mich nicht entrüsten. Denn in unserer langen Geschichte hat cs noch nie eine un jüdischere Bewegung gegeben als die euere, die des Politische n Zionismus. Das .., g e s ch i ch t l i ch e" Judentum — auch dieser so viel und so arg mißbrauchte Begriff müßte einmal gründlich klargelegt werden — kennt nur einen religiösen Zionismus, die Zivnssehnsucht, die sich erfüllt am Ende der Zeiten durch Gebet und Hoffnung und Gottvertrauen. Der Politische Zionismus ist bis in die Fingerspitzen a-religiös; seine Banken und Unternehmungen, Kongresse und Organisationen, seine Bücher, Zeitschriften und Broschüren, seine farbentragenden Burschenschaften und Kneipen, seine Devise: aide toi et le ciel t’aidera, das alles ist unjüdisch bis auf die Knochen. Warum habt ihr Zionisten einen so rrrjüdischen Gedanken mit so unjüdischen Elementen durchtränkt? Warum wollt' ihr ihn mit so unjüdischen Mitteln durchsetzen? Warum? Weit eben das Recht des „Geschichtlichen" mir den Ideen zukommt, den grundlegenden Formen, die Mittel und Wege ihrer Durchführung jedoch der geistigen, sozialen, materiellen Entwicklung freigegeben werden müssen; weil eine Minderheit sich nie der Beeinflussung durch die ungeheure Mehrheit, mit der sie zusannnenlebt, entziehen kann, in Formen nnd Aenßerlichkeiten sich auch nicht entziehen soll. Und ist die Menora aus Tannenzweigen etwas anderes als Form und Weg? Gewiß, ich verstehe, wenn der starr orthodoxe Jude, aufgewachsen und erzogen im liorror des Chukkath haggoj, zornig von mir sich abwendet. Er hat recht. Spreche ich denn aber zu ihm, will ich denn ihn bekehren? Seit Beginn meiner räbbinischen Tätigkeit bis heute habe ich nur ein Streben gekannt, dem ich auch treu bleibe, so lange ich lebe: die Lauen aufzurütteln, die Schwankenden zu halten, die Gefährdeten zu retten, die Zweifelnden zu festigen, den Irrenden den Weg zu zeigen, die Indifferenten zu interessieren, die Treulosen treu zu machen. Habe ich in diesem Punkte manches erreicht? Ich glaube ja. Aber, wenn ich auch nichts erreicht hätte! Hierin nicht alles versuchen, ivas nur versucht werden kann, halte ich für eine Versündigung am Judentum. Und meine Versuche heißen: im Aeußeren, in Formen n a ch g e b e n und entgegenkommen, u m die Idee, d en Ged anke n i n h Der Sperrdruck ist nur hier von mir ungeordnet.

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