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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-16 · Heft 3 (16.1.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 3 (16.1.1914)
Date
1914-01-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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78. Jahrgang. Nr. 3 verlm. 16. Januar 1914 eitung desAudenlums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Ierufalemer Straße 46/49, zu richien. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und vororten durch unser» vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 2 ITT. — Postscheckkonto 324. TTttfttflf* Chukkath haggvj. Von Tr. I. Ziegler, Karlsbad. — iJIilfUll* Die Woche. — Dr. Jon Lehmann. Von L. G. — Der Sprachenkonflikt in Palästina und der Hilssverein der deutschen Juden. Von Tr. Alphons I. Sußnipki. — Der Lehrerverbandstag in Breslau vom 2s. bis 30. Dezember 1913. Stimmungsbericht von Lehrer Adolf Rothschild. Achim. — Tradition und Dogma. Von Ignaz Goldziher. — Feuilleton: Der Familiant. Roman von Gustav Karpeles. — Sprechsaal. — Druckfehlerberichtigung. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Glenvitz, Glogau, Hörde, Nürnberg, Hannover, Petersburg. — Von Nah und Fern. Ehuktrath haggoj. Von Dr. I. Z i e g l e r, Karlsbad, n meinem Artikel „Chanuka oder Weihnacht", der in K Nr. 51 v. I. dieser Zeitung erschien, schrieb ich: „Ja, selbst wenn ihr in eurem Schönheitsdrang und Gleichheitsstr-eben eine Menora aus schönen Tannenbäumchen mit * Zweigen euch verfertiget, und wenn es nicht 8, sondern *0 Kerzlein sind, die ihr zu Ehren des Abends und zur Freude eurer Kinder anzünden wollet, warum nicht? „Die Schönheit Jafets schlage ihr Zelt auf in den Wohnungen Sems", haben schon unsere alten Weisen gesagt." Dieser Absatz wurde von orthodoxen und ganz speziell von Monistischen Blättern, die in ihrer politischen Orthodoxie <■ eine religiöse kennen sie nicht), den Mund nicht voll genug nehmen können, als Häresie ärgster Sorte oerketzert und als verächtliche Assimilationswut gebrandmarkt. Tie „Welt" begnügt sich, mit folgendem lapidaren Satz mich ul Grund und Boden zu bohren: „Wir gehen noch ''veiter. Laßt euch gleich taufen! Warum nicht?" Ich habe einen recht breiten Rücken und vertrage manch l'-eftigen Anprall. Ich will es füglich auch keinem verdenken, ^er echt oder unecht - mich wegen dieses Satzes in Acht und Bann legt: wir leben ja in einer Zeit, in der Gegensätze und Meinungen mit scharfer Klinge und Zunge ausgefochten lverden. Ich habe mich auch nicht einen Augenblick über die Zornesausbrüche aufgeregt, die in Wort und Schrift auf 'neinen armen Sünderkopf niederprasselten, hätte auch nicht Ulf die diversen Anfeindungen unserer Religionspächter reagiert, wenn nicht das Prinzip, das einerseits meinem Artikel, anderseits den Auslassungen der gegnerischen Seite zugrunde 'liegt, wenn das nicht verdiente, wieder einmal elwas eingehender erörtert zu werden. Es handelt sich um die Frage des Einflusses, den Religionen gegenseitig allfeinander ausüben. Die vergleichende Reügwnsgeschichte hat den Nachweis erbracht, daß dieser gegen- H'tttQe Einfluß immer vorhanden war, und daß es keine Religion gebe, die nicht von anderen Religionen etwas übernomuum lmd gelernt hätte. Auch das Judentum. So original und schöpferisch es auch war, ist es doch zugleich eklektisch, wie i'iHni jede Religion, und hat an fremden Ideen und Bräuchen anherordentlich viel übernommen und in sich verarbeitet. Wenn das Judentum ohne gegnerischen und freundschaftlichen Einfluß von außen nur aus sich selbst heraus und für sich selbst sich entwickelt hätte, wäre es je das geworden, was es ist? Wer wollte das behaupten?! Hat sich das Judentum nicht erst an der Seite der anderen Religionen über sich selbst orientiert, seine Ideen und Gedanken erst da zur vollen Klarheit und Reife gebracht? Wenn die Propheten Israel eine bessere Zukunft verheißen mit der so häufigen Begründung: „Damit eiusehen die Völker der Erde", läßt das nicht unendlich tief blicken? Hätte der zweite Jesaja den israelitischen Monotheismus zu solcher Höhe gebracht, wenn er sich nicht in Babylon an der Religion der Babylonier über die eigene orientiert hätte? Wäre es im Judentum ohne Diaspora, ohne Bedrängung durch das Hellenentum zu einer so scharfen Ausprägung des Religionsgesetzes gekommen? Man sieht, wie auch da die Außenwelt alles in Bewegung bringt, in ewigem Fluß erhält. Dieser Orientierungs- und Klärungseinfluß anderer Religionen und Philosophien auf das Judentum ist natürlich in Zeiten des Werdens, des Gärens, ungleich kräftiger als in Zeiten der Sammlung und Konsolidierung, aber er hört nie! auf, dauert bis auf unsere Tage und hat auch heute keinen j Abschluß gefunden, wird und soll ihn auch nie finden. Eine 1 lebensvolle, kräftige, wahre Religion ist in stetem Fluß, gibt und nimmt ununterbrochen. Und wie die Religionen unentwegt aneinander sich orientieren und klären, so befinden sich auch ihre Sitten und Bräuche, zumal jene, die an den Aberglauben streifen, in fortlaufendem Austausch, wenn auch hier die gegenseitige Beeinflussung kraft der Trägheit der Massen einen langsameren und schwerfälligeren Gang nimmt. Wir wollen die biblischen Zeiten, da die Ergebnisse der diesbezüglichen Forschungen noch nicht einwandfrei sind, unberührt lassen. Daß aber unsere Vorfahren, die zur Zeit der Eroberung Kanaans eine schon seßhafte, ackerbautreibende Bevölkerung antrafen, von dieser auch religiös außerordentlich viel entlehnt hatten, ist wohl zweifellos. Um so beredter sprechen die nachbiblischen Zeiten. Was nach dem Untergang der beiden Reiche die Juden in bezug auf Engellehre, Paradies und Hölle von Babyloniern und Persern lernten und in die eigene Volksreligion aufnahmen, dürste allgemein bekannt sein. Und waren Griechen und Römer spurlos an uns vorübergegangen? Von sozialen Einrichtungen, juridischen Formen, die im Judentum zu religiösen Satzungen wurden, will ich gar nicht sprechen. Wie wir uns nicht gescheut haben, die assyrische Ouadratschrist, das assyrische Akzentsystem zu übernehmen und fast heilig zu sprechen, so ist der Talmud voll der wirtschaftlichen und jndiziellen Einrichtungen, die auf griechischen, römischen oder persischen Ursprung zurückgehen. Ich erinnere nur an den Sederabend, der vom Festkleid ab bis zum Afikomon, vom Eigenuß bis zum Gesang nach Tisch nichts anderes ist als die römische Hauptmahlzeit, die berühmte coona. Und diese Aufnahme mancher Sitten der

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