Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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8 ohne weiteres zu, Interessenten erhalten ihn auf Wunsch kostenlos von dem Bureau der Gesellschaft, Berlin N 24, Große Hamburger 5traße 29. — Am 30. v. M., abends 8 Uhr, fand die Generalversammlung der Gesellschaft unter zahlreicher Beteiligung statt. Während der Erstattung ^des Geschäftsberichts, der eine Zunahme der Mitglieder aufweist, gedachte der stellvertretende Vorsitzende, Herr 'Professor Dr. G u 11 m a n v - Breslau, des jüngst verstorbenen Professors Wilhelm Bacher in Budapest, welcher durch seine Schrifteil, namentlich über die Agada, Weltruf erlangt hat und auch in christlichen greisen sehr geschätzt ist. Nach Schluß -der geschäftlichen Erörterungen 'lielt Herr Geh. Regierungsrat Professor Dr. H. Cohen seinen Vortrag „lieber die religiösen Bewegungen der Gegenwart". Werm die christliche Rheologie aller Richtungen das Christentum für die absolute Religion hält, so verrät dies einen verengten geschichtlichen und philosophischen Standpunkt. Saadja ben Joseph, gestorben 942, der erste große jüdische Systematiker, beurteilte das Christentum nicht nach der Auffassung der Menge, sondern nach seinem tieferen Sinn, und kam so zu einer Würdigung, welche fast alle christlichen Kritiker dem Judentum gegenüber vermissen lassen. Die Schlagworte der christlichen Parteien müssen erst in philosophische Denkgesetze umgesetzt werden. Niemand stand so über der Religion, daß er von ihr ganz unberührt geblieben ist, etwa Spinoza ausgenommen. Unbeschadet des Enthusiasmus für die eigene Religion kann man sich auch fremde in idealisierter Form darstellen. Die moderne Bibelkritik ist die weitere Holge von Luthers großartiger Bibelübersetzung. In D. F. Strauß' und der Tübinger Schule befaßte sich die Bibelkritik nur mit dem Reuen Testament, erst später setzte die Kritik auch bei dem Alten Testament ein, wobei Juden nur wenig — L. Zunz und A. Geiger nlsgenommen — beteiligt waren. Heute dreht sich im Protestantismus die Frage um die Geschichtlichkeit Jesu. Viele meinen, des Christenuuns Lehre behalte doch ihren unvergänglichen Wert, selbst wenn -ein Stifter nicht gelebt habe. Leibniz will die Bedeutung des .Christentums nur in der vorbildlichen, einzigen Menschheit Jesu erdticken. Nach Kant bedeutet Christus nur die Idee der Sittlich- U'it diese sei von . der Glaubensgeschichte streng zu trennen, daraus folgt, daß die Person Jesu nicht für alle Zeiten maßgebend sein kann. Wenn Jesus Grundforderung für die persönliche Sittlichkeit sein soll, führt dies zur Heldenverehrung, welche in Carlhle -hren typischen Vertreter gefunden hat. Ganz anders beim Iudenuim. Nur Gott allein ist heilig, kein Enthusiasmus für das Heldenmn, keine Heiligen. Vorbild kann für uns kein Mensch, oudern nur das Urbild, das heißt, Gott selbst sein. Niemals hat sich' der jüdische Glaube auf die Person v* Moses konzentriert. Zwar hat der liberale Prostmttismus den Erlösungsglauben und die Erbsünde aufgegeben, oer er sieht doch in Christus die Verkörperung der religiösen Idee, -an spricht heute viel vom religiösen Erlebnis, von Christus ausübend, zu ihm hinführend. Dem widerspricht das Judentum it den Worten des Psalmisten: „A)er wird hinaussteigen aus n Berg des Ewigen, und wer wird bestehen an seinem itigen Ort?" Aufstieg zu Gott ist die beste Frömmigkeit, ' liegt nicht im Erlebnis. Annäherung an Gott fei das Ziel, 'cht Vereinigung mit Gott. Alan kommt nicht zum Vater, sondern 'in Vater. Es ist nicht zu fürchten, daß man in der Vielgestaltigkeit werer Kultur Gott verlieren müsse. Wie der Materialismus schon ielfach die Massen beherrscht, so der Pantheismus die gebildeten reise, und er hat auch die modernen Juden vielfach stark erfaßt, was -der in der Presse und in der schönen Literatur seinen lebhaften Ausuck findet. Hierin liegt eine ernste Gefahr für die Judenheit. Die eisler scheiden sich: hie Spinoza, hie Jesaias. Nur in den sittlichen ttributen ist das Wesen Gottes zu erkennen. Gott ist über uns und 'l in uns. Der Monismus hebt die Sittlichkeit ans, und auch der 'Rntheismus ist mehr Amoralismns. Das Ziel dsr Geschichte kann ui' die Verwirklichung der Sittlichkeit, das messianische Reich, >e großen Staatenverbände sein. Noch ist nicht das letzte Wort über Zeremonialgesetz gesprochen, dem viele der größten Geister im »dentum treu anhängen. Aus religiösen und ästhetischen Gründen flu der hebräischen Gebetssprache sestzuhalten. Schließlich ist das udeutum die einzige Religion, welche die Toleranz und Humanität : ihre Dogmatik ausgenommen hat. — Die interessanten Ausführungen nideil ungeteilten Beifall, und niemand ging ohne reichliche Be- Rnung und tiefe Eindrücke ans dem Vortrag nach Hause. 22 Berlin, 6. Januar. Im Hospital und in den drei Alter- ^'"'wrgungsanstalten der Gemeinde fanden in diesem Jahre überaus schöne Chanukaseiern statt. Nach Absingung der Chanukahymue hielten die Anstaltsprediger eindrucksvolle Ansprachen. Daran schlossen sich Vorträge aller Art. Eine ganze Schar von Künstlern hatte sich bereitwilligst zur Verfügung gestellt, und es war erhebend, zu sehen, mit welchem Interesse unsere Alten und Kranken den Darbietungen folgten und wie lebhaft sie in den Dank einstimmten, den alle diejenigen, die sich in den Dienst der guten Sache gestellt hatten, in vollem Maße verdient haben. Den Schluß bildete in allen Anstalten die Verlosung der von den Frauen gefertigten Handarbeiten, wovon gar viele die Bewunderung de.' zahlreich erschienenen Ehrendamen und Gäste erregten und die mau kaum von den müden Händen, die nach dem Leben voller Arbeit und Sorge ein Recht auf Ruhe haben, erwartet hätte. 22 Berlin, 6. Januar. Wie uns von der Leitung des Pro-Falascha-Komitees mitgeteilt wird, ist Herr Dr. Faitlowitsch nach einjähriger Abwesenheit aus Abessynieu nach Europa zurückgekehrt. Er wird über seine schwierige und anstrengende Mission bald selbst Bericht erstatten. Vor seiner Abreise hat er auf ausdrücklichen Wunsch der Falaschas und mit Autorisation des Ras der Provinz Gvndar in einem Falaschadorfe in der Nähe von Gondar eine kleine Schule eröffnet, die von seinem Begleiter Getje, dem früheren Schüler des College R a b b i n i c o i n Floren z und des Seminars des H i l f s v e r e i n s der deutschen I in) e n in Jerusalem geleitet wird. Die Schule soll ein Internat bilden und ist Zunächst für 10 Schüler berechnet. Es wird natürlich erforderlich sein, noch weitere ähnliche Schulen zu gründen, die Durchführung wird davon abhängen, über wieviel Mittel das Pro-Falaschn-Komitee verfügt. §2 Beuthen, 2. Januar. Unter Leitung unseres Gemeindepräsidenten Herrn Kommerzienrat Louis Grüuseld fand hier im Hobel Kaiserhof eine Versammlung der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" statt. Im Rauten des einladenden Komitees, das sich aus den führenden Persönlichkeiten unserer Gemeinde znsammensetzte, begrüßte Herr Kommerzienrat Grünseld die ans Berlin erschienenen Vertreter der A. I. K. O. und betonte, daß auch die Beutheuer Gemeinde, gleich allen übrigen, den humanitären Bestrebungen der A. I. K. O. ihre Sympathie und Unterstützung nicht versagen werde. Nach dem ausführlichen Referat von Dr. Alfred Nossig-Berlin über das Ziel ltnb die Methoden der A. I. K. O. bekräftigte Rabbiner Dr. Kopfstein in längerer, beredter Ansprache die Erklärung des Gemeindepräsidenten und stellte an den Referenten mehrere Anfragen, insbesondere auch hinsichtlich des Verhältnisses der „Alliance Jsraelite Universelle" zum Kolonisationswerk int Orient. Rechtsanwalt Dr. Neumann hob hervor, daß angesichts der guten Aussichten des Orietckkolonisationswerks und der erprobten Methoden desselben in ben jüdischen Kreisen eilte Bewegung größten Stils zugunsten dieses Werkes eingeleitet werden sollte. Für diesen Zweck eigene sich eine neutrale Organisation, welche alle diejenigen Elemettte vereinigett kann, die mit dem Praktischen Kolonisationswerk sympathisieren, wenn sie auch sonst verschiedenen Richtttngen angehören mögen. Nach ausführlicher Beantwortung der Interpellationen durch den Neferentett Dr. Nossig erklärte Kommerzienrat Grüuseld, daß das einladende Komitee sich als Lokalkomitee der A. I. K. O. für Bettthen fonftitiucre und die weitere Werbearbeit eröffnen werde. Gotha, 2. Januar. Bor der Strafkammer des Landgerichts Gotha hatte sich wegen Beschimpfung der jüdischen Religion auf Grund des § 166 des Strafgesetzbuches der Schriftsteller Philipp Staufs aus Berlin zu verantworten. Ein grob attsfälliger Artikel in der antisemitischen „Thüringer Landeszeitung" mit der Ueberschrift „Evangelische Führer" gab den Anlaß zu der Anklage. Es heißt in deut Artikel u. a., daß die Inder», die Christen „nicht als Menschen, sondern als Vieh" betrachten, daß die Juden „das Volk bewuchern lind übervorteilen" ttnb daß „die jüdische Religion tief unter der katholischen steht in sittlicher Beziehung". Der Angeklagte, der ohne jeden Beweis arbeitet, erklärte hierzu, daß er sämtliche Behauptungen mit voller Absicht ausgestellt habe. Er beruft sich des weiteren auf Talmud itnd Thora. Der Verteidiger ntachte lange Ausführungen über frühere Prozesse iit Leipzig; er benennt schließlich Zeugen für die Richtigkeit der Angaben des Angeklagten und betont, daß dieser tlicht das Bewußtsein gehabt habe, etwas Rechswidriges zu begehen. Infolge dieser Anträge kam es zu einer Vertagung. Im nächsten Termin sollett neue Aktenstücke verlesen und Zeugenattssagen gehört werden.