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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-09 · Heft 2 (9.1.1914) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 2 (9.1.1914)
Date
1914-01-09
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 des Semesters, die Anstalt verlassen würden. Herr Dr. Nathan lies; den Lehrern sagen, daß in der gesetzten Frist eine Entscheidung des Geschäftssührenden Ausschusses des Hilfsvereins, der einzig zuständigen Instanz, überhaupt nicht herbeiznführen sei, tmb Herr Dr. a 11) a n folgerte aus der Aufstellung einer völlig unerfüllbaren Forderung, daß es den Herren nicht um einen Ausgleich zu tun sei, sondern darum, die Schüler in den nächsten zwei Monaten für eine Abwendung von den Anstalten des Hilfsvereins noch weiter zu bearbeiten. Das trat besonders deutlich dadurch hervor, daß vier Tage nach der Ueberreichung des Memorandums Herr U e l l i n die Schüler der obersten Klasse der Lämelschule aufsorderte, in die neu zu gründende Schule überzugehen. Nachdem dies bekamt wurde, blieb natürlich kein anderer Ausweg, als die Lehrer sofort zu suspendieren, und es erfolgte am nächsten Tage die Suspension. Trotz dieser Suspension drangen die betreffenden Lehrer am folgenden Tage in die schulen des Hilfsvereins ein und suchten durch aufreizende Ansprachen die Schüler und Schülerinnen zürn Verlassen der Anstalten Zll bewegen: ein Akt, der nach deutschem Recht als Hausfriedensbruch betrachtet werden müßte. Da es nicht möglich war, die Lehrer zum friedlichen Verlassen der Anstalten zu bewegen, so wurde, um der unhaltbaren Situation ein Ende zll machen, der deutsche Generalkonsul um seine Intervention ersucht, und auch ihm gelang es erst unter Anwendung seiner ganzen Autorität, die suspendierten Lehrer und Lehrerinnen zum Fortgehen aus den Anstalten 31t bewegen, was Anstand und Takt von selbst geboten hätten. Ta auch ein kleiner Kreis von Personen auf der Straße weiter randalierte, so sand sich auch die türkische Polizei ein und sorgte für Ordnung. Daß bei dieser Gelegenheit Lehrer vergewaltigt worden seien, obgleich die Polizei zum Einschreiten Anlaß gehabt hätte, ist eine Erfindung. Die Vorgänge führten aber alsdann freilich dazu, daß der Gouverneur von Jerusalem, die höchste türkische Zivilautorität, in öffentlicher Proklamation die unruhigen Elemente verwarnte, sich zu Tätlichkeiten durch die zionistische Agitation hinreißen zu lassen, da es jedermann freistehen müsse, seine Kinder in die gesetzlich erlaubten Schulen des Hilfsvereins zu senden. An dem folgenden Tage beschimpften alsdann streikende Schüler Dr. Nathan auf öffentlicher Straße, und diese Schüler und ein Teil der suspendierten Lehrer suchten Kinder, die sich in die Schulen des.Hilfsvereins begeben wollten, abzufangen und am Schulbesuch zu hindern. Es wurde den Kindern gesagt, man wolle sie zu Deutschen machen, man nwlle sie taufen, man wolle ihnen ihr jüdisches Herz aus dem Leibe reißen, und den Mädchen überdies, man wolle ihnen die Zöpfe abschneiden. Das sind Mitteilungen, die die Kinder direkt Dr. Nathan alsdann gemacht haben. Es wurden überdies auch im Lehrerseminar in Jerusalem die Fenster eingeschlageu und Stinkbomben in die Klassenzimmer geworfen, so daß der Unterricht in ein anderes Gebäude verlegt werden mußte. Ferner suchte man gleichfalls in Jerusalem die Eltern zu terrorisieren: der Erfolg war ein geringer. Alle Schulen des Hilfsvereins in Jerusalem funktionieren, tmb die Zahl der Schüler und Schülerinnen ist mix in geringerem Grade herabgegangen und hebt sich, seitdem beit lügenhaften Ausstreuungen über die Absichten des Hilssvereins entgegengetreten wird. Das Eharakteristische dieser Vorgänge ist, daß ein Teil der Lehrer mit den Schülern diese Auftritte angezettelt hat, während der größte Teil der Eltern, vor allem die alteingesessenen religiösen Elemente, in besonders einberufenen Elternversammlnugen und durch Eiuzelbesuche bei Dr. N a t h a u zum Teil flehentlich baten, die Schulen des Hilfsvereins fortzuführen, damit ihre Kinder nicht den zionistischen Lehrern ausgeliefert würden. Ganz entsprechend diesen Elterntreisen haben denn amt) alle religiösen Vertretungen in Jerusalem, die int übrigen vielfach in Meinungsverschiedenheit leben. Herrn Dr. N a t h a n auf das dringendste ersucht, die Schulen des Hilfsvereins nicht zu schließen. In Rücksicht auf diese Kreise entschloß sich Dr. Nathan, die Schulen osfeuzuhalten, obgleich durch dieses ptamnäßig organisierte Vorgehen der Zionistischen Lehrer und eines Teiles der verführten Schüler ein ersprießlicher Unterricht sich zurzeit nicht erteilen ließ. Gegewvärtig sunktiotnerett denn auch alle Schulen des Hilssvereins in Jerusalem und Jaffa weiter, und auch in das Lehrerseminar ist ein erheblicher Teil der streitenden Schüler zurückgekehrt, was beweist, daß auch der ursprüngliche allgenteine Streik nur durch Akte des Terroristnus erzwlmgen tour. Mag tnan nun über den Pädagogischen Gegensatz zwischen Zionistcn nnb Hilfsverein denken, wie man will, so muß es doch in jedem Falle im Interesse einer gedeihlichen Erziehung, welcher Art sie auch sei, aus das aüerschärfste verurteilt werden, daß Lehrer im Semester streiken, daß Lehrer im Semester Forderungen aufstellen, deren Erfüllung schon aus zeitlichen Gründen eine Unmöglichkeit ist, daß Lehrer eigenmächtig den Schulplan ändern, und daß Lehrer und Schüler gemeinsam sich zu Akten hinreißen lassen, die auf das gröblichste gegen die guten Sitten, gegen den Anstand, gegen die öffentliche Ordnung verstoßen. Und daß dies geschieht, ohne daß die offiziellen zionistischen Kreise zur Einkehr ttnd zum Maßhalten mahnen, erscheint für die zukünftige Entwicklung Palästinas im höchsten Grade bedauerlich. Da die Bedrohung und Aufstachelung der Leidenschaft durch die zionistische Minorität in Palästina noch weiter gehen, so können unter Umständen noch ärgere Taten des Vandalismus erwartet werden, und es wird notwendig sein, die Verantwortung hierfür schon jetzt festzustellen. Wenn die zionistische Parteileitung Elemente der näher bezeichneten Art nicht von sich abschüttelt, so trägt sie die moralische Verantwortung für alles Weitere, was sich ergibt, und vor uns liegt bereits eine tiefe Spaltung innerhalb des Judentums in Palästina, von dem der eine Teil die zionistische Agitation auf das schärfste mißbilligt, während die zionistischen Agitatoren sich gegenseitig zu immer rücksichtsloserem Auftreten anspornen. Die Rückwirkung dieser Zustände aus die Jugend, die bisher ruhig und friedlich die Schulen der verschiedenen Organisationen besuchte, ist in jedem Falle eine tief bedauerliche, und es verdient ernsteste Erwägung, auf welche Weise dieser traurige Zustand beendet werden kann, dieser Kampf zwischen Juden und Juden in Palästina, ein Kampf, der zum Teil die einzelnen Familien zerreißt. - Aus Antrag des Herrn Dr. Simon wurde Herrn Dr. Nathan darauf einstimmig der Dank des Geschäftsführenden Ausschusses votiert, ttnd seine sämtlichen, vorläufig in Palästina getroffenen Maßregeln wurden gebilligt. Ferner wurde den gesamten Lehrern, die unter Beobachtung ihrer Pflicht ben Hilssvereinsschulen zum Teil unter den allerschwersten Anfechtungen treu geblieben waren, der aufrichtige Dank des Geschäftsführenden Ausschusses ausgesprochen. In eingehendster Debatte wurden darauf die Zustände in Palästina diskutiert, und es wurde schließlich beschlossen, bei der Wichtigkeit der Angelegenheit die Diskussion zu vertagen, damit in einer schnellstens zu berufenden neuen Sitzung des Geschäftssühronden Ausschusses auch die im Augenblick abwesenden Mitglieder an den Beschlüssen teilzunehmen in der Lage sind. Bei dem schwankenden Gesundheitszustand des Herrn Dr. Nathan wurde schließlich auf seinen Antrag beschlossen, zu seiner Entlastung einen Unterausschuß einzusetzen, bestehend aus den Herren Ernst Simon, M ei sei, Professor Schaese r, Generalsekretär Dr. Kahn. <£A> Berlin, 6. Januar. Tie Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums versendet ihren 11. Jahresbericht. Der Bericht erwähnt an erster Stelle die letzte Generalversammlung in Breslau, welche von großer werbender Kraft war und viele der Gesellschaft fernstehende Kreise für sie und ihre Bestrebungen interessierte. Die Gesellschaft hat die wirtschaftliche Krise des letzten Jahres glücklich überstanden,- es gelang ihr nicht nur, ihren Mitgliederstand zu behaupten, sondern noch ttm rund (K) Mitglieder zu vergrößern. Aus dem reichen literarischen Schaffett der Gesellschaft heben wir das Erscheinen des bedeutsamen Werkes - von I. Elbogen „Ter jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung" hervor, das noch kurz vor Jahresschluß angezeigt werben konnte. Nicht weniger als drei Werke, nämlich die letzte größere Arbeit des eben verstorbenen, ttm die Wissenschaft des Judentums so hoch verdienten Budapester Professors Wilhelm Bacher, „Tradition nnb Tradenten", der zweite Band des Maimonides-Gedenkwerkes und der erste Band der Germania Jndaica sind im Druck, ttnd weitere drei Werke, nämlich den zweiten Band der Wirtschaftsgeschichte vott Georg Caro, die Historische Geographie Palästinas von Samuel Klein und die zweite Auslage von Leo Baecks „Wesen des JudentumS" beabsichtigt die Gesellschaft demnächst in Druck zu geben. Nimmt man hierzu die zahlreichen Werke, deren Erscheinen die Gesellschaft burd) Zahlung von Subventionen ermöglicht — der Bericht erwähnt nicht weniger als 17 solcher Subventionen — so muß allerdings atterkannt werden, daß die Gesellschaft immer mehr zum Mittelpnnkt des wissenschaftlichen Lebens tmd Arbeitend innerhalb der Deutsch sprechenden Judenheit wird. Ein Blick in die Mitgliederliste zeigt sogar, daß die Gesellschaft attch in nichtdetttschen Ländern, auch außerhalb Europas, sich einer ständig wachsetlden Mitgliederzahl erfreut. Beachtenswert sind auch die Leistungen der Ludwig-Philippson-Gedächtnisstiftung, die in diesem Jahre ihre Tätigkeit begonnen hat. Der lesenswerte Bericht geht den Mitgliedern der Gesellschaft

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