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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-09 · Heft 2 (9.1.1914) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 2 (9.1.1914)
Date
1914-01-09
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Berlin, 9. Januar 1914 Der Oemetndevore. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". lkorrrlpondenHen und Nachrichten. Deutschland. BeEn, den ö. Januar. Jur Hilfsverei u d e r deutschen Inden fand unter Vorsitz von Herrn Dr. James Limo n um 4. d. M. eine Sitzung des Geschäftsführenden Ausschrlsses statt. Nachdem die Formalien erledigt waren, erteilte Herr Dr. James Simon das Wort Herrn Dr. 4t n 11) a n ^iti* Berichterstattung über seine Reise nach Palästina, von der er soeben zurückgekehrt ist. Herr Dr. N a t h a n gab eine eingehende Schilderung der Zustände und Ereignisse, die er in Palästina zu beobachten Gelegenheit gehabt hat. Seine Ausführungen lauteten in den allerwesentlichsten Teilen solgenderinaßen: Es ist Tatsache, daß bis in die allerneueste Zeit hinein das Schulwerk des Hilfsvereins in Palästina sowohl die Anerkennung der Zionisten wie der streng religiösen Kreise gefunden hatte. Gerade die Zustimmung dieser sich in Palästina schroff entgegenstehenden Kreise war es, was der .Hilfsverein bewußt als einen Segen für das Land anstrebte. Diese langsame Annäherung der extremen Richtungen hatte bei ruhiger Entwicklung ganz allmählich zu einem Ausgleich der Gegensätze und zur Heranbildung einer einheitlich empfindenden und denkenden jüdischen Generation in Palästina führen können, die unter strengem Festhalten an der religiösen Tradition doch zugleich nüt genügend praktischen Kenntnissen für das Leben ausgestattet gewesen wäre, so daß sie auf eigenen Füßen im modernen Erwerbsleben des Orients hätte stehen können. Diese Schulpolitik mit dem Zwecke der Abstumpfung der Gegensätze ist zurzeit durch die zionistische Agitation in Palästina 311 einer Unmöglichkeit geworden, sehr zum Nachteil des Judentums, aber auch zum Nachteil des Zionismus, da nunmehr durch' den Schulstreit die Gegensätze zwischen religiösem Judentum und Zionismus in Palästina ans das äußerste verschärft worden sind — - ein schlechter Anfang, um die Stellung des Judentums in Palästina zu befestigen und zn stärken. Der Inhalt dieses Schulstreites ist an und für sich eine rein pädagogische Frage. Der Hilfsverein hat in seinen städtischen Schulen in! Palästina als Lehrziel des -Unterrichts die völlige Beherrschung des -Hebräischen und die Beherrschung einer europäischen Sprache, nämlich des Deutschen, aufgestellt, das letztere, um die Jugend auch mit den Bestrebungen der großen Kulturnationen in Zusammenhang zu bringen. Der Zionismus bekämpft nicht diese Lehrziele, aber er will ' das Lehrziel im Hebräischen dadurch erreichen, daß das Hebräische zur allgemeinen Unterrichtssprache gemacht wird. Ohne auf diese pädagogische Frage an dieser Stelle näher einzugehen, sei hervorgehoben, daß Dr. Tschlenow, also der heutige Präsident in der allsführenden Behörde des Zionismus, über die Schulen des Hilfsvereins, und zwar in einer Broschüre vom Jahre 19.13 mit dem Titel „Fünf Jahre Arbeit in Palästina", das Folgende geschrieben hat: ..Ich habe schon aus die große Ausarbeitung des Schnlnetzes des Hilssvereins hingewiescn. Heute schließt es in sich Volks- und Mittelschulen für Mädchen und für Knaben (getrennt), ein Lehrerseminar, eine Handels- und eine Kindergärtnerilmenschule. In letzter Jeit inachte der Hilssverein einen interessanten Versuch, indem er eine Schule errichtete, die eine Art von modernisiertem Cheder vorstellt. Diese Schule wird hoffentlich den Kulturarbeitern die Möglichkeit gewähren, in noch unberührte, dunkle, fanatische Schichten einzudringen, deren es in palästinensischen Städten leider noch viele gibt. -Rechnet man noch hinzu die Rabbinerschule, welche in Kürze mit den von Dr. P. Nathan und Herrn R. Gotz gespendeten Mitteln errichtet werden soll, so bekommen wir in der Tat eine ansehnliche -tieihe von Lehranstalten, in denen eine eifrige und zielbewußte nationale Arbeit geleistet wird. Ich betone absichtlich den nationalen Charakter der Schulanstalten in Jerusalem, weil man bisweilen in die Lage kommt, Bemerkungen über ihre „germanisierenden Tendenzen" hören zu müssen. Worauf sich diese Rekriminationen grüiiden, weiß ich allerdings nicht. Wenn etwa auf einige bedeutungslose Aeußcrlichkeiten sowie auf die Notwendigkeit, die deutsche Zugehörigkeit des Hilssvereins manchmal zu respektieren, so können solche Nebensächlichkeiten natürlich nicht ernsten Einfluß auf die lernende Jugend haben. In der ganzen sie umgebenden Atmosphäre und im Lehrkörper besitzt sie eine genügend starke nationalisierende Wirkung. In derlei Kleinigkeiten die „Germanisation" erblicken zu wollen, ist doch nur ein phantastisches Mißtrauen, welches jenen Grad von Chauvinismus überbietet, der bei den Pionieren einer neu erstehenden Nation gewöhnlich und auch zulässig ist." Seitdem dies geschrieben worden ist, hat sich in dem Programm der Schulen des Hilfsvereins nichts zuungunsten des Hebräischen geändert. Im Gegenteil. Wenn wahrheitswidrig etwas anderes von zionistischer Seite behauptet lvird, so geschieht das, um für die sinnlose Hetze, die gegen das Schulwerk des Hilfsvereins unternommen lvird, der Oeffentlichkeit gegenüber einen Vorwand anzuführen. Ebenso verwerflich ist es, die Abstimmung in der Frage der Unterrichtssprache des Technikums anzuführen, denn allen Beteiligten lvar es wohl bekannt, daß auch im Technikum das Hebräische in so ausgiebiger Weise vorgesehen war wie in den Schulen des Hilfsvereins, die mit diesem Ausmaß des Hebräischen das begeisterte Lob der Zionisten bisher erhalten haben. Es mutet nicht weniger seltsam au, daß man es in der zionistischen Presse wagen darf, den Hilssverein terroristischer oder sonstiger Akte zu beschuldigen, obwohl er nichts weiter tut, als sich gegen einen plötzlichen, gewalttätigen und unmotivierten Ueberfall zur Wehr zu setzen. Wie weit die Verhetzung getrieben lvird, ist vor allem auch daraus zu entnehmen, daß die zionistischen Blätter auch die russische Judenheit, für die die zehnjährige Tätigkeit des Hilfsoereins am meisten vollbracht hat, aufzureizen sucht unter Berufung darauf, daß ein Sonderabdruck eines Blattes versandt worden sei — mit dem sich der Hilfsverein natürlich nicht in jeder Einzelheit identifiziert. Die Worte des Herrn Dr. T s ch l e n 0 lv , die oben angeführt worden sind, und die vor kürzester Zeit noch für die Gesamtheit der Zionisten eine Wahrheit gewesen, entsprechen auch heute noch den Anschauungen weitester Kreise, und es ist auch seitens der Zionisten oft genug hervorgehoben worden, daß die Kenntnisse des Hebräischen in den Schulen des Hilssvereins durchaus befriedigend feien. Das zeigt, welche sachliche Bedeutung dem heutigen Schul-! streit beizumessen ist. Roch weit entscheidender zur Beurteilung der Sachlage ist aber eine Betrachtung der Mittel, mit denen die Zionisten in Palästina ihre Pläne in bezug auf den Unterricht in den Schulen des Hilssvereins'durchzusetzen suchen. Ohne jede vorherige offizielle! Ankündigung und ehe Herr Dr. N a t h a n noch Palästina erreicht * hatte, verließ mitten im Seinester unter Bruch der Verträge ein Teil der Lehrer der Jaffaer Knabenschule seine Stellungen und suchte die Gesamtheit der Schüler ohne vorherige Benachrichtigung der Eltern 31t veranlassen, mit ihnen in eine neue Schule auszuwandern: nur mit einem teilweisen Erfolge. Die der Hilfsvereinsschule treu gebliebenen Lehrer wurden, nachdem dieses Mißglücken offenbar geworden, bedroht, geschlagen: die Schüler und deren Eltern lvurden gleichfalls bedroht. Die Fenster des Schulgebäudes wurden eingeschlagen, kurz, durch empörende Akte der Gewalttätigkeit verschiedenster Art wurde versucht, die Schule des Hilfsvereins vollständig zu sprengen, was gleichwohl dank der Anhänglichkeit eines Teiles der Schüler und Lehrer nicht gelang. In Haifa änderte gleichfalls vor Ankunft des Herrn Dr. Nathan der dortige Hauptlehrer unter Bruch von Treu und Glauben selbständig den Lehrplan und führte den zionistischen Lehrplan an Stelle des bestehenden ein, so daß bei Herrn Dr. Nathan die Absicht vorlag, die Schule zu suspendieren. Durch den Treubruch eines Teiles der Lehrer war der Unterricht nicht weiter möglich. Auch dort wurden die Eltern durch nachträgliche Beeinflussungen dahin zu bringen gesucht, ihre Kinder den Hilfsvereinsschulen nicht ferner anzuvertrauen. Als Herr Dr. Nathan kam, streikten dort bereits die Schüler des Lehrerseminars, ohne daß die führenden Lehrer der Anstalt auch nur den Versuch gemacht hätten, die Schüler zu ihrer Pflicht zurückznführen. Ein Teil der Lehrer überreichte vielmehr nach vorhergegangenen Unterhandlungen mit Herrn Dr. N a t h a n diesem ein Memorandum, in dem mitten im Semester die Bewilligung des zionistischen Lehrplans verlangt wurde, und zwar sollte die Entscheidung binnen vier Tagen erfolgen, widrigenfalls die Lehrer nach zwei Monaten, also auch noch im Laufe

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