Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- Seite 24 (sequence 12)
- Language
- German
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24 Es ist das kein Widerspruch, verständig und dumm — ein Schlemihl! Man kann klug, sehr klug sein unddoch Unglück haben in allen seinen Unternehmungen; nicht alle verständigen Leute sind ailch glücklich; woher käme sonst das Sprichwort: „Ter Dumme hat das Glück?" Aber vielleicht lag gerade darin die Schlemihlität Meiers, daß er klug war! Zu wissen: du bist ein Schlemihl, alles, was dir unternimmst, hat ein schlechtes oder lächerliches Ende, Gold wird in deiner Handzu Messing, Eisen zu Glas, das zu wissen und einzusehen das ist allerdings ein tragisches Geschick, unter dessen erbarmungsloser Wucht schon manch Genie erdrückt wurde, und das auch Meier Herzfeld nicht mit so edler Würde rrnd mit so stiller Resignation hätte ertragen können, lväre er nicht eben klug und in einer großen Sache -- kein Schlemihl gewesen! Und diese eine große Sache können meine Leser bald erraten, oder sie haben sie gar schon erraten, wenn sie Meier und Vögele nebeneinander gehen sehen. Vögele war nämlich in Meier Herzfeld ----- verliebt! Unddas war allerdings nichts Kleines; denn Vögele Rebeller war eine der vortrefflichsten Jungfrauen der ganzen „Gasse". Sie war nicht gerade von idealer Schönheit - Rost Katz ist viel schöner sie war klein, auch nicht mit großer Suade begabt aber sie hatte „Ehen" oder „Chein", wie man in Norddeutschland ausspricht, und das sagt alles, alles. „Chen"? Ja „Chen", mein Leser, ich kann dir das Wort nicht übersetzen: weder das französische „chic", noch das deutsche „Anmut" drücken auch nur im entferntesten den Inhalt dieses Wortes aus; „Chen" ist eben „Chen" und damit basta. Und ein „bechentes Mädchen" ist in der „Gasse" geliebt, geschätzt und hochgehalten. Ein Mädchen, das „Chen" hat, darf selbst arm sein und doch bedeutende Ansprüche machen, denn diese Eigenschaft ersetzt alles. Und Vögele Rebeller hatte „Chen" und war arm und machte keine Ansprüche, wiewohl gar mancher „Jung" glücklich gewesen lväre, wenn sie ihn Hütte heiraten wollen. Unter uns gesagt, hat sich schon außer Josses, des Gemeindevorstehers Sohn, noch mancher andere in dem kleinen Häuschen im Gürtel einen Korb geholt. Denn Vögele war in Meier Herzfeld „sterblich" verliebt. Sei es, weil er von allen anderen zurückgesetzt wurde, sei es, weil sie sein edles Herz, seine Treue, seinen Fleiß und seine sonstigen guten Eigenschaften kannte genug. Vögele hat sich standhast geweigert, eine andere „Partie zu tun", als ihren Meier, und Joel Rebeller, der sonst so kluge itnö praktische Vater, würdigte und verstand diese Neigung seiner Tochter vollkommen. Es mag dies wohl sonderbar und ganz unromantisch klingen, aber es ist historisch, und Vögele Ochs kanüs sicherlich bestätigen. War das ein Gerede und Gelärme in der „Gasse" von einem Ende bis zum anderen, von Riwkele Zuckerbückerin bis hinauf zu Meier Eisler, als vor drei Jahren Löb Tugendreich, der Himmelsagent und Hauptschadchen der ganzen Gemeinde und des Kreises, aus dem kleinen uns bereits bekannten Häuschen „arn Bergel" herauskam, mit den Worten: „Kinder, Joel Rebeller ist „meschugge" geworden; er will sein Töchter!, Josses, dem Sohn des Vorstehers, nicht geben!" Und wie ein Blitz pflanzte sich diese Botschaft von Haus zu Haus: Joel Rebeller hat Josses Veigelstock, den Sohn des Vorstehers, glatt abgewiesen! Und in der Tat, wenn man sich die Sache genau überlegt, war das Ganze ja höchst merkwürdig. Jsak Veigelstock war ohne Frage der erste und reichste Mann in der Gemeinde; seit zehn Jahren war er Vorsteher von Nikolsburg, vielleicht schon mehr als dreimal hat er mit dem Kaiser selbst gesprochen und dieser stolze Mann hatte sich, nach der Anschauungsweise der „Gasse", so tief gedemütigt, seinen erstgeborenen Sohn einem der ärmsten Mädchen der ganzen Gemeinde antragen zu lassen und Joel Rebeller, der arme, bescheidene „Dorfgeher", hatte diese glänzende Partie zurückgewiesen, Joel Rebeller, der froh sein mußte, wenn ihm Jsak Vsigelstock auch nur auf seinen Gruß dankte, oder etwa am Sabbat Ausgang fünf Gulden - ins Dorf zu gehen - lieh. Das ging in Wirklichkeit über das Begriffsvermögen der „Gasse"! Fragt nur Vögele Ochs, sie wird es euch haarklein erzählen, was sich damals in der „Gasse" „getan hat", als diese wundersame Mähr durch Löb Tugendreich allenthalben publiziert, glossiert und interpretiert wurde, bis denn endlich nach mehrtägigen, heftig erregten Debatten, die „Gasse" übereingekommen war, Joel Rebeller einfach für „meschugge" zu erklären. War aber Joel wirklich „meschugge"? O nein, er wußte nur zu gut, was er tat; er sagte sich einfach in seiner Gelvohnheit, mit einem Satze der schwierigsten Situation ein Ende zu machen: „Wenn Vögele nicht will, will sie nicht, und damit basta!" Wohl war sich Joel dessen bewußt, was er auf sich lud: die Mißachtung der ganzen Gemeinde, die Verkennung selbst der besten Freunde, die Feindschaft seiner eigenen, ziemlich weit verzweigten Familie, die sich durch eine solche glänzende Partie doch höchst geehrt gefühlt hätte, hauptsächlich aber den Haß des Vorstehers und das war allerdings das gefährlichste. Der Zorn der Gemeinde konnte wieder verrauchen, die Feindschaft der Familie aufhören aber der Haß Jsak Veigelstocks war nicht zu löschen. Kaum hätte einer der ehrwürdigen alten Rabbiner der Gemeinde je es unternommen, dem allmächtigen und stolzen Manne ein Wort des Widerspruchs entgegenzusetzen, und nun wagte ein blutarmer Torfgeher, was kein „Landrabbiner" sich getraut hätte. Und der Haß eines Gemeindevorstehers war in jenen Tagen etwas wahrhaft Furchtbares! Lag doch in seiner Hand das Geschick jedes einzelnen der ganzen Gemeinde, hatte er doch die Macht, Glück und Unglück, Segen und Fluch über jede friedliche Hütte zu bringen, denn er hatte ja das erste Wort zu sprechen bei der Verteilung der - „Familien!" Und dieses Uebergewicht hatte der stolze Gemeindetyrann gar schwer jeden empfinden lassen, der ihm irgend etwas in den Weg gelegt hatte. Es läßt sich nun leicht denken, wie er nunmehr gegen den armen Joel Rebeller vorging. Kam es zum Steuerausmaß, so wurde er, der wahrhaftig nicht das bedeutendste Vermögen hatte, am meisten in die Höhe geschraubt, kam es zur Wahl des Vorstehers irgendeines Vereins, deren die fromme Gemeinde zu Nikolsburg damals wie heute unzählige hatte, so wurde sicherlich Joel Rebeller, und wenn er es tausendmal eher verdient hätte, jedem „Prostak" (einfacher, dummer Mensch) hintenangesetzt. (Fortsetzung folgt). Syrechsasl. Hamburg, 28. November 3913. Hochgeehrter Herr Geheimrat! Herr Tr. S p a u i e r - Magdeburg, dessen Lesefrüchte Sie in der Nummer 48 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" veröffentlichen, ist im Abschnitt 4 im Irrtum. Der von Tr. W. A h r e n s erwähnte Titel ist richtig; es handelt sich vermutlich um ein Werk, das den hebräischen, und zwar der Bibel entnommenen Titel 5-jcr Gebeine Josephs, führt. Die Wahl von bezeichnenden Bibelstellen als Büchertitel ist im jüdischen Schrifttum allgemein im Brauch; die Zahl solcher Titel ist fast unübersehbar. Wenn ich nicht irre, hat Pros. A. Berliner eine kleine Studie über hebräische Büchertitel veröffentlicht. Aber auch aus Enzyklopädien, beispielweise der Jewish Encyclopedia, kann man sich über dieses Gebiet informieren. Mt vorzüglicher Hochachtung N. M. Nathan.