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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-09 · Heft 2 (9.1.1914) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 2 (9.1.1914)
Date
1914-01-09
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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28 Tradition Schaden gelitten, sie hat vielmehr in denselben ihre Lebenskraft bewährt; so lange sie wirkliches Leben lebt, wird sie sich nicht als feindliche Macht entgegenstemmen den Errungenschaften, welche d'ie Methode ernster Wissenschaft aus ihren ältesten Dokumenten geschöpft. Es wäre demnach nicht gut angebracht, in aller Art von Tradition an sich eine Gegnerin des geistigen Fortschritts zu argwöhnen. Sie wird freilich sehr oft in solches Verhältnis zn den intellektuellen Interessen der Menschheit gesetzt und gestehen wir es — nicht ohne Verschulden jener, die unter ihrem Banner sich gegen die Wissenschaft auflehnen und einen für die Dauer stets erfolglosen Kampf gegen sie aufnehmen zu können glauben. Ich erwähne beispielsweise einige Sätze, die mir bei einem bekannten Publizisten vor einiger Zeit aufsielen und die im allgemeinen die bedenkliche Stimmung kennzeichnen, in die das moderne Bewußtsein beim Hören jenes Wortes versetzt wird. „Die Geschichte lehrt immer wieder, daß in ihr (der Tradition) der größte Feind alles Fortschrittes sich verbirgt. Das Neue bedingt ja stets den Bruch mit dem Althergebrachten, und Fortschritt ist nicht denkbar ohne Preisgabe hergebrachter Anschauungen, es sei denn, daß wir es mit einer Entdeckung von Tatsachen zu tun haben, die unvermutet oder wenigstens dem Scheine nach ohne direkte Beziehung zu dem bisher Bekannten dastehen." Wir bekennen uns gern zu diesem Urteil, insofern es sich aus die tote Tradition bezieht. Sie freilich tritt leicht in Gegensatz zu den vorwärtstreibenden Kräften der Entwicklung unserer Kenntnisse. Niemals wird aber die im Leben stehende Tradition dies verhängnisvolle und schädliche Amt der Netardation übernehmen. Sie wird vielmehr ihrer veatur nach ein fruchtbares ethisches Element sein in dem Gange unseres intellektuellen Gedeihens; jeder Widerspruch gegen dasselbe würde lähmend wirken auf ihr eigenes Leben und sie dem Verfalle und der Zersetzung preisgeben. So lange sie lebt, steht sie notwendig innerhalb der Wirklichkeit; denn nur in dieser.kann sie weiter leben, nicht im wesenlosen Scheine. Wir haben somit einen Gesichtspunkt gewonnen, von welchem aus uns einerseits das Wesen - des Lebens in der religiösen Tradition, anderseits die Stellung der letzteren innerhalb des Bildungsbewußtseins verständlich wird. Die Stimme der wissenschaftlichen Bildung, die dem schöpferischen Forscher mit dem ausnehmenden Laien gemeinsam ist, tritt demnach zur religiösen Tradition nicht in einen Gegensatz, dessen Ausgleichung etwa die Aufgabe der Theologie sei. Mit Nichten! Es wird vielmehr das Bewußtsein ihrer engen widerspruchslosen Zusammengehörigkeit hervorgerufen, deren Analyse die Aufgabe der Religionsphilosophie, deren Pflege Fmeck und Ausgabe der religiösen Erziehung in Familie und Schule, vornehmlich aber in der Familie ist; denn diese ist es ja. in deren Kreis sich alle.Tradition am unmittelbarsten iortpflanzt; sie ist die berufenste Trägerin der Ueberlieferung der Ahnen; erst aus ihr strahlt sie in breitere Gemeinschaften aus, in welchen sich Sammelpunkte für die gemeinsamen Traditivnselemente bilden. Die religiöse Gemeinde ist die Summe der durch gemeinsame Traditionen vereinten Familien. Somit wird der Begriff der l e b e n d i g e n Tradition in den Mittelpunkt des religiösen Familien-und Gemeindelebens ge- >tellt; der lebendigen, nicht der abgestorbenen. Es wird dadurch die unerträgliche Fessel eines starren Dogmatismus abgelehnt und ausgeschlossen; an seine Stelle tritt die Pflege der lebendigen Tradition in ihrem Zusammenhang und ihrer Gleichzeitigkeit mit unserem Bildungsbewußtsein, unveränderlich >h ihrer Substanz, aber sich stets bereichernd durch den anvuchsenden Reichtum unserer geistigen Erwerbungen. Kein Moment derselben wird ohne Einfluß sein auf die organische Entwicklung und harmonische Entfaltung des Denkens und Lebens im Sinne der religiösen Traditionen. »Schins, ivigtu Ser familiant Eine Geschichte aus der Gasse. Von Gustav Karpeles II. Und Vögele Ochs weiß, was sie sagt; leider sagt sie allerdings auch immer, was sie weiß, und ist dadurch der Schrecken der gesamten Ghettojugend. Wehe dem- oder derjenigen, die Vögele Ochs, „das Auge des Gesetzes", bei einer unrechtmäßigen Handlung erwischt. Freilich, gegen Meier Herzfeld hat sie eine besondere Antipathie, die sie auch bei jeder Gelegenheit an den Tag legt, und -deren Ursprung in das Zeitalter der grauen Sage sich verläuft. Vor Zeiten nämlich, als Meier Herzfeld noch ein Knabe war — „lang, lang ist's her" ertappte sie ihn auf einer furchtbaren Untat, nämlich am Sonnabendnachmittag aus der Schlittschuhbahn. Die anderen Jungen, die mit ihm waren, hatten das herannahende Unheil erblickt und Reißaus genommen, er aber, der beständige „Schlemihl", war nichtsahnend geblieben - als Vögele Ochs in voller Zornesglut ihm plötzlich gegenüberstand. Nun hatte sie denn auch nichts eiliger zu tun, als sofort zu seiner frommen Mutter Bela Herzseld zu gehen und ihn zu verklagen. In wilder Verzweiflung war ihr Meier Schlemihl . Herzseld, wollte ich sagen nachgerannt. Zu spät, die Anklage war vorgebracht; der erschreckten, betrübten Mutter stand der erhitzte, filrchtsame Knabe schweigend gegenüber, Vorwürfe ruhig hinnehmend, bis er sich dann endlich erhob und Vögele Ochs anschrie: „Was meinen Sie, Vögele, wenn ich so ein Bärtel hätte, wie Sie, dürft' ich dann schon „klitschen" (schlittschnhlausen) gehend Die Erstarrung, der Schrecken, die Entrüstung Vögeles lassen sich leicht denken, um so mehr, da das Vorhandensein eines Bärtchens bei ihr sich kaum bestreiten ließ. Dies ist die Sage, wie sie im Nikolsburger Ghetto allgemein verbreitet, und dies der Ursprung des Hasses, den Vögele Ochs gegen Meier Herzfeld empfand. Aber, wie gesagt, darin hatte sie leider nur zu sehr recht; sie hatten beide wirklich „an sich zu tragen." Von Meier wissen wir bereits, daß er ein Schlemihl gewesen, ein Schlemihl in des Wortes schwerwiegendstem Sinne. Als er zur Welt kam, ließ ihn die Hebamme fallen, als er in die Schule ging, wurde er für alle Untaten seiner Kommilitonen bestraft und gezüchtigt, als er zur Konfirmation int Tempel „Mastir" sagen sollte, siel er, da er zu klein war und auf einem Fußschemel stehen mußte, von demselben zum Ergötzen der ganzen Gemeinde herunter, undso pflanzte sich sein Schlemihltum durch das ganze Leben fort. Wenn er ins Dorf ging, um bei einem Bauern ein Hasensell zu kaufen, so war sicher vorher schon ein anderer da, der es ihm weggekauft hatte, wenn er von jemandem altes Eisen, alte Kleider erhandelte, so waren sie sicher gestohlen und er entging nur mit Mühe dem bösen Gendarmen. Aber Meier Herzfeld war kein gewöhnlicher Schlemihl; er war, wie man in der „Gasse" sagte, „ein doppelter Schlemihl", denn er hatte eine Eigenschaft, die den sonstigen Sprossen seiner altadligen Familie in der Regel abging; er war dabei-klar und verständig!

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