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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-09 · Heft 2 (9.1.1914) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 2 (9.1.1914)
Date
1914-01-09
Page
Seite 22 (sequence 10)
Language
German
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22 ober seinem Pferde einen Peitschenschlag zu viel gegeben hat, zu beschränken. An die vornehmen und reichen Jagdherrcn und Rennstallbesitzer wagen sie sich nicht heran. Uebrigens hat ein katholischer Schriftsteller (vielleicht Priester) in der „batholic Review" (Band 25) die Ansicht ausgesprochen, das; Tierquälerei nicht bloß erlaubt, sondern Pflicht sei (not onJy justifiable but a duty), wenn es der g e i st i g e n Natur des Menschen zum Vorteil gereicht. Papst Pius lX. hat die Gründung eines Vereins gegen Tierquälerei in Rom verboten, „weil es ein theologischer Irrtum ist, zu glauben, daß der Mensch irgendeine Pflicht gegen Tiere habe"*). (Sei)um joigt.) Tradition und Dogma. Bortrag, gehalten in der Synagoge zu Stockholm am zweiten Neujahrstage, 3. Oktober 1913, von I g n a 3 G 0 ldziher. II. ir wollen hier auf dem Gebiete der Relegionstraditionen verweilen und die vorhergehenden Erörterungen auf diesen Kreis der Ueberlieferungen anwenden, ihre Stichhaltigkeit an diesem hochwichtigen Besitz der Kulturmenschheit gleichsam erproben. Die Emotionen , durch welche unsere religiöse Stimmung erzeugt wird, die ihre Betätigung und Ausformung in religiösen Gedanken und Institutionen finden, die seit Tausenden von Jahren ihren Weg durch die Seele der Menschheit machen, leben nicht isoliert in einer abgeschlossenen Ecke der Seele, abgeschieden von allem anderen Besitze derselben. Psychologen von Fach werden Ihnen erörtern, daß dies eine geradezu absurde Vorstellung vom Wellen der Seele wäre. Die religiöse Stimmung hat keinen separaten Resonanzboden in unserer Seele. Sie ist, wo sie vorhanden ist, Modalität an einem unteilbaren Ganzen. Daraus folgt, daß die Summe dessen, was wir als religiöse Tradition etwa in unserem Bewußtsein tragen, falls sie ehrlicher Bestandteil unseres Geistes ist und nicht etwa ein parasitischer Auswuchs ohne jede Lebensberechtigung und Bestimmung, untrennbar zusammengewachsen ist mit allem anderen Inhalt unseres geistigen Lebens: mit unserer ethischen Bestimmtheit, mit unserem Bildungsbesitz, mit unseren wissenschaftlichen Ueberzeugungen, mit unseren sozialen Bestrebungen, mit unseren ästhetischen Anlagen. Sie muß mit diesen Elementen unseres geistigen Wesens eine ungetrennte Einheit bilden, sie erhält ihre Bedeutung durch ihre Harmonie, durch ihre Identität mit denselben. Ja, sie erhält ihr Leben erst durch diese ihre Stelle in der Einheit des Seelenlebens. Ist diese Einheit nicht zustandegekommen, oder ist sie durch irgendein störendes Hindernis gehemmt oder gar aufgehoben worden, so führen die religiösen Traditionen kein wirkliches gesundes Leben in unserer Seele, sie fristen ein pathologisches Dasein und können auch schädlichen Einfluß üben auf die Wohlfahrt des Ganzen, dem sie sich angehängt, ohne an seinem Leben Anteil zu haben. Mit anderen Worten: Die religiösen Traditionen leben im Leben der Seele, des einzelnen sowohl wie der Gemeinschaften. Tie können nicht unbeteiligt sein an der fortschreitenden Entloicklung, am Ausbau unserer Kenntnisse, unserer Erfahrungen, unserer gesamten wissenschaftlichen Errungenschaft. Dem geistigen Fortschritt innerhalb der kleinen und großen Gemeinschaften, welche die Bewahrer der Tradition sind, entspricht notwendig die Apperzeption der letzteren im Sinne der jeweiligen Gewißheiten, die sich der Geist zu eigen gemacht und die die Richtung seiner Tätigkeit bestimmen. Mit den- *) Westermarck, The origin and development of the moral ideas II, 508. selben entwickelt sich die Tradition; unbeabsichtigt wird sie nmgedeutet, mit den Ueberzeugungen und Gewißheiten des Geistes in Einklang gebracht. Sie ist demnach Gegenstand organischer Entwicklung. In dieser Entwicklung, die dem Begriffe derselben entsprechend, ihre Substanz unberührt läßt, offenbart sich ihre Lebendigkeit; in der Fähigkeit zur selben bezeugt sich ihre Fähigkeit zum Leben.. Die Abwesenheit der Entwicklung hingegen ist ein Zeugnis dafür, daß sie tot und abgestorben ist, daß sie nicht teilhat an dem Leben der Seele, daß sie nicht ihr organisches Element ist; ein Zeugnis dafür, daß sie nicht lebt. Mit dem Aufhören der Entwicklung und der Fähigkeit zu derselben tritt die lebende und tätige Tradition in den Kreis der toten und abgestorbenen ein. Ihre Wirksamkeit ist nur Schein; getragen und unterstützt von erkünstelten Regungen des Augenblickes, die nicht der festen und dauernden Bestimmtheit unserer Seele entsprechen, in ihr nicht einheimisch sind, sondern ein Fremdes, Zufälliges, bei Gelegenheit Aufgelesenes, was nicht teilhat an der organischen Einheit des Seelenlebens; im besten Falle gleichsam ein lieber Gast, kein ständiger Bewohner des Hauses, dem zuliebe ein Paradegemach aufgetan und mit allerlei Schmuck und Ehrenflitter ausgerüstet wird, oder gar für die archäologische Betrachtung 'eine „ehrwürdige Ruine", die „man unter den historischen Denkmälern aufbewahren möchte"^. Also die Erhaltung der religiösen Ueberlieferung aus dem Gesichtspunkte des Altertumsmuseums. Wir kennen ja auch die edlen Stimmungen und sentimentalen Regungen, mit denen das Abgestorbene, das nicht in der wahren Einheit des Bewußtseins lebt, für Augenblicke galvanisiert, als scheinbar Lebendes vorgeführt wird. Aber nicht in solchem unwahren romantischen Scheine, für den man zuweilen das heilige Wort Pietät mißbraucht, lebt die religiöse Tradition. Sie lebt vielmehr in der Tatsächlichkeit und Wahrheit, in der Selbstidentität der Entwicklung. Sie wird nicht aus Altertumsrnuseen herbeigeholt, in welcher sie pro aeterna memoria als einbalsamierte heilige Mumie ausbewahrt liegt, um von Zeit zu Zeit für die Pietät der Nachgeborenen ausgestellt zu werden. Sie lebt in unserer eigenen Seele, in ihrer Einheit und wird in ihrem Entwicklungsgänge immer wieder neu geschaffen, von Geschlecht zu Geschlecht neu entfaltet und durch die Wege der sich immer erneuernden . Bedingungen organischen Lebens vor Verkümmerung und Verwesung bewahrt. In solchem steten Entwicklungsgänge jist die heilige Tradition der Gottesidee aus abgestorbenen fetischistischen Formen zum rein geistigen ethischen Gottesgedanken geworden, hat sich die Offenbarungstradition ihrer anthropomorphischen Hülle entkleidet, haben alle anderen Traditionen der Religion von Geschlecht zu Geschlecht eine dem Bildungsbewußtsein adäquate Deutung erhalten, die nicht etwa mechanisch herbeigeführt, sondern durch die sittliche Nötigung zur Enheitlichkeit und inneren Wahrheit vollzogen ward. Sie wissen, ohne den großen Einfluß zu übersehen, den gewaltige sittliche Individualitäten — denken wir nur an die Propheten Israels — auf die Tatsachen dieser Entwicklung ausgeübt, welcher Anteil an derselben dem Fortschritt der Denkresultate zukommt. Die völlige Austilgung der Anthropomorphismen und Anthropopathismen aus dem Gottesbegriss ist durch die Aufnahme der herrschenden philosophischen Gedanken und durch die Selbstanpassung der Tradition an jene Gedanken vollzogen worden. In keinem Momente dieses Entwicklungsganges hat die Substanz der *) Vgl. bei M. Schwab, Salomon Munk... sa vie et ses oeuvres (Paris 1900), S. 172, wo S. M.s Verhältnis zur religiösen Tradition durch einen namhaften Philosophen in jener verkehrten Weise gekennzeichnet ist („une ruine venerable könne ä conserver parmi les monuments historiques“).

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