Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
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21 Als der Kaiser dann nach Mailand kam und in die Kirche gehen wollte, trat ihm Ambrosius mit scharfen Vorwürfen an der Pforte entgegen und setzte den Gottesdienst so lange aus, bis Theodosius ihm sein Wort gab, den zugunsten der Inden erteilten Befehl zu widerrufen. Schlimmer als die Verleumdungen eines Grupp ist es, wenn ein Adolf Harnack (ich glaube, er ist auch Bibliotheksdirektor) die Juden verleumdet. So sagt er in seiner Einleitung zur „Apostelgeschichte des Lukas": „Das jüdische Volk hat sich in steigendem Maße wider die Predigt von Jesus verstockt, ihr überall in der Völkerwelt die größten Schwierigkeiten zu machen versucht und fort und fort Verfolgungen gegen die Christen angezettelt. Durch die bösen Machinationen dieses heillosen Volkes wird die Geschichte, die Lukas zu schreiben hat, zum Drama, und so hat er sie dargestellt." Wenn der berühmte Kirchenhistoriker und Theologe mit diesen Worten nur die Tendenz von Lukas' Schrift klarlegen wollte, so hat er jedenfalls noch mehr Judenhaß hineingelegt, als sie enthält. Billigte und teilte er aber die Tendenz nicht, so hätte er es äußern sollen. Wer übrigens noch viel schärfere Urteile über Harnack, Psleiderer, -Holtzmann und andere protestantische Theologen lesen will, der findet sie in Drews, „Die Ehristusmythe". Aber nicht bloß die vom Staate besoldeten Theologen von Beruf, auch unabhängige freisinnige Männer tim manchmal dem Judentum unrecht, indem sie humane Lehren des Alten Testaments dem Neuen zuschreiben, weil sic ersteres nicht kennen. Sv zum Beispiel Carneri in seiner „Grundlegung der Ethik", das „Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst". Hätte der gute Mann das 19. Kapitel des dritten Buches Moses aufmerksam gelesen, so würde er darin noch manche anderen schönen und humanen Vorschriften gefunden haben, von denen das Neue Testament nichts sagt und die modernen Christen nichts wissen oder nichts wissen wollen, zum Beispiel: „Wenn ein Fremdling in eurem Lande weilet, sollt ihr ihn nicht drücken" (die rumänische Regierung, die sich eine christliche nennt, macht die eingeborenen Juden zu Fremden, um einen Vorwand zu ihrer Bedrückung und zum Vertragsbruch zu haben). „Den Fremdling sollst du lieben wie dich selbst." Der echte christliche Arier haßt den Semiten. Aber nicht bloß Nächstenliebe, auch Feindesliebe befiehlt das Alte Testament: „Sprich nicht: so wie er mir getan, so will ich ihm tun", heißt es in den Sprüchen Salomens (XXIV, 29) und „Wenn du triffst auf den Ochsen deines Feindes oder seinen Esel, der irre geht, bringe ihn demselben zurück. Wenn du siehst den Esel deines Feindes erliegend unter seiner Last, so mache sie ihm leichter." (Exodus XXIII. 4, 5.) Hier verbindet unsere Bibel Menschenliebe mit Tierschutz. Endlich heißt es im Deuteronomium XXV, 4: „Du sollst dem Ochsen, der da dreschet, nicht das Maul verbinden." Und ivelche Tierfreundlichkeit steckt nicht in dem „Der Gerechte weiß, wie es seinem Tier zumute ist" der Sprüche Salomvns (XII, ly)! Diese Tierfreundlichkeit finden wir auch im Talmud. „Wer sich der Geschöpfe erbarmt, dessen erbarmt sich auch der im Himmel ist" heißt es da (Sabbat F. 151 b). Wenn in denselben Sprüchen (VI, 6—7) die fleißige Ameise als Muster aufgestellt wird, so gibt dies im Talmud (Chulin 57 b) Anlaß, sich eingehend mit dem Leben der Ameisen zu beschäftigen. „Jedes Tier", heißt es an einer anderen Talmudstelle, „hat seinen ihm von Gott bestimmten Zweck." In einem schönen rührenden Märchen „Die Gläubiger Jesu" schildert Frau Karoline Remy, wie Jesus sich der Kinder, der Diebe, der Ehebrecherin angenommen hat, „nur die Tiere hat er vergessen, nur ihnen galt keines seiner milden schutzverheißenden Worte". Jesus hat nur „vergessen", aber der Apostel Paulus hat die Stelle vom dreschenden Ochsen leider nicht vergessen. „Sorget Gott für die Ochsen?" fragt er spottend in seiner ersten Epistel an die Korinther (IX, 9 ff.) und will damit beweisen, daß die Verkünder des Evangeliums das Recht haben, sich vom Evangelium zu nähren, das heißt materiell für ihre Tätigkeit belohnt zu werden. Uebrigens ist es der Apostel, nicht ich, ivelcher die Priester den Ochsen gleichstellt. Auf die Benutzung von Stellen des Alten Testaments, um die Verpflichtung der Laien zur Unterhaltung und Bereicherung der christlichen Priester zu beweisen, werde ich noch zurückkommen. Vorläufig habe ich noch mit den Tieren zn tun, und da erinnere ich mich, daß Jesus sie doch nicht ganz vergessen hat. Er . ließ ja, wie in den Evangelien (Matthäus 8, Markus V Lukas 8) erzählt wird, die Teufel in 2000 Säue fahren, die sich mit ihnen ins Meer stürzten und ersoffen. Das war nicht nur eine Grausamkeit gegen die Tiere, sondern auch eine peknnäre Schädigung des Eigentums. Freilich ist ihm recht geschehen. Warum hat er eine so große Herde gezüchtet, da doch den Juden der Genuß des Schweinefleisches verboten war. Den Juden war nicht bloß dieses, sondern auch das Fleisch von kranken, krepierten und zerrissenen Tieren, somit indirekt auch die Jagd, verboten. In den ersten Zeiten haben die Christen einen Teil dieser Verbote geachtet. Novatianns, der im dritten Jahrhundert lebte, sucht das Verbot des Fleisches gewisser Tiere allegorisch zu erklären, „denn es iväre Blasphemie, zu sagen, Gott Habe unreine Tiere erschaffen"'). De»> Genuß des Fleisches zerrissener, erstickter und an Krankheiten gestorbener Tiere hat aber auch das zweite Konzil von Orleans (584) verboten, und in Deutschland hat man das Verbot noch im neunten Jahrhundert beobachtet; im achten fragte der heilige Bonifazius beim Papste an, wann man Speck essen dürfe, und dieser antwortete, man dürfe ihn nur geräuchert oder gekocht genießen. Im Jahre 1054 erklärte der päpstliche Legat KärdinalHumbert bei einer Disputation mit griechischen Bischöfen: „Auch wir verabscheuen, gemäß der Tradition, das Fleisch erstickter Tiere und das Blut, wir legen denjenigen, welche es genießen, schwere Buße auf, gestatten es nur, wenn man sonst vor Hunger sterben würde." Pferdefleisch zu genießen, hat die Kirche lange Zeit verboten, wahrend wieder die Vermeidung alles Fleischgenusses als Ketzerei galt. Und wie verwickelt sind nicht die kirchlichen Vorschriften über die Fastenspeisen! Christen, besonders katholische, haben also gar keine Berechtigung, sich über die jüdischen Speisegesetze lustig zu machen. So lange man nur in den Lehren des Ehristentums und in diesen allein alle Moral und Ethik enthalten glaubte, hielten dessen Bekenner alles, was diese nicht verboten, für erlaubt, ja beinahe für lobenswert und verdienstlich. Deshalb wurde die bei barbarischen Völkern so beliebte Jagd mit all ihrer Grausamkeit so eifrig gepflegt. Priester und Bischöfe gingen auf die Jagd, ein besonders eifriger Jäger war Papst Lev X. Die Jagd ist aber nicht bloß gegen die gejagten Tiere grausam, sondern auch gegen die benutzten Menschen (als Treiber), Pferde und Hunde sowie durch die grausame Bestrafung der sogenannten Wilddiebe. Nicht minder tierfeindlich sind noch andere „Vergnügungen", wie Stiergefechte, Hahnenkämpfe, Wettrennen, Taubenschießen und dergleichen, welche noch jetzt bei Völkern, die sich für sehr christlich und hochzivilisiert halten, Vorkommen. Die Tätigkeit der sogenannten Tierschutzvereine scheint jetzt hauptsächlich sich auf Bekämpfung der jüdischen Schlachtmethode, welche die verhältnismäßig mildeste ist, sowie mtf die Bestrafung eines armen Kutschers, der zu viel aufgeladen ') Lpislula äs oibis juäaieis (oder äuässorum).