Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- Seite 18 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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18 sportlichen 'Betätigung unserer jungen Mädchen und ferner das Problem der Prostitution, die leider auch in jüdischen Kreisen nicht mehr ohne Erörterung bleiben kann, den Mißbrauch des Alkohols und den schweren Erziehungsfehler, der unsere moderne Jugend zn einer Ueberschätzung ihrer selbst sehr oft führe. Ein ganz hervorragendes Referat, das auch in seiner Form ästhetischen Genuß gewährte, war dasjenige des folgenden Referenten, Referendars Ollendors, Breslau. Sein Vortrag zeugte von einem außerordentlich eindringlichen Studium der in Frage stehenden Probleme, die für die Beurteilung der männlichen Jugendpflege irgendwie in Betracht kommen. Er deckte schonungslos die aus der Ueberschätzung des Materialismus hervorgehenden Fehlerquellen auf und zeigte die Wege, wie man rationelle Jugendpflege betreibt. Er schilderte die Bestrebungen der einzelnen Parteien und Richtungen in der Jugendpflege und bezeichnete es als einen Hauptfehler aller jüdischen Jugendpflegevereine, auch derjenigen des neutralen Verbandes, daß sie an diejenigen jugendlichen Kreise, für die die Jugendpflege am nötigsten sei, gar nicht herankäme. Man müsse zu diesen gehen, in ihrer Sprache sprechen, aber nicht verlangen, daß die Leute aus der Dragonerstraße hier in Berlin nach der Wilhelmstraße abends kommen. Als Vorbild bezeichnete er die Einrichtungen im Ostend von London. In der Debatte legte Herr Professor Türck zunächst Protest ein gegen die Darstellung des Fräulein Werner über die Zustände in den begüterten Familien. Es herrsche dort ein heiliger Idealismus, und der Ruf zur sozialen Arbeit komme gerade aus diesen Kreisen. (Lebhafter Widerspruch.) Er wendet sich auch dagegen, daß unsere jungen Mädchen zu stark nach höherer Bildung drängen. Herr Professor Dr. S ch a e f e r rät an, daß die Mädchengruppen des Jugendverbandes mit den Verbandsgruppen des Frauenbundes Hand in Hand gehen möchten, und er verweist des ferneren darauf, daß die von Fräulein Werner verlangte Einrichtung jüdischer Haushaltungsschulen seitens der Gemeinde in Berlin ihrer Verwirklichung entgegengehe. Nachdem noch ein anderer Redner die Errichtung eines jüdischen Vereinshauses seitens der jüdischen Gemeinde angeregt hatte und darauf hinwies, daß in Berlin jetzt ein Krankenhaus frei werde, das man für allgemeine jüdische Zwecke zur Verfügung stellen sollte, wurde nach einigen Schlußworten der Damen Werner und Pappenheim die Debatte geschlossen, und es folgte noch der Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Warschauer über „Religiöse Erziehung". In bekannter geistreicher Weise erschöpfte Herr Dr. Warschauer sein Thema und erntete für feine Ausführungen reichen Beifall. Mit den üblichen Dankesworten schloß dann Herr Professor K a l i s ch e r die erste Erziehungskonferenz. | Wilhelm Sacher". | US Budapest kommt -die Trauerkunde, daß Wilhelm Bacher am 25. Dezember dort verschieden ist. Als sich vor wenigen Monaten die Nachricht verbreitete, daß der nimmermüde Gelehrte einen längeren Urlaub zu nehmen stch genötigt sah, da konnte man ahnen, daß ein schweres Leiden ihn niedergeworfen hatte; aber noch wagte man zu hoffen, daß er nicht ein vom Tode Gezeichneter war. Und nun stehen wir niedergeschmettert an der Bahre des noch nicht 64jährigen Führers und Meisters, zu dem wir in Bewunderung und Verehrung ausblickten, von dem unsere Wissenschaft noch so manche vortresfüche Leistung erwartete. Der Tod Wilhelm Bachers reißt eine Lücke, die sich nur schwer wird ausfüllen lassen, denn es ist keine Frage, daß unter den lebenden jüdischen Gelehrten ihm an Umfang der Bildung und Gelehrsamkeit, an Weite und Sicherheit des Blickes sowie an Gestaltungskraft wenige gleichkommen, an Breite und Tiefe des Arbeitsgebietes, an Vielseitigkeit und Beliebtheit ihn keiner übertrifft. Es kann nicht Ausgabe dieser Stunde der frischen Trauer sein, ein Lebensbild zu zeichnen, das die Bedeutung und die Leistungen Wilhelm Bachers völlig ausschöpft; hier seien nur die wesentlichsten Züge *) Das Bild Bachers stehe Jahrgang 1910, Seite 31. hervorgehoben, die sich uns bei dem Namen Wilhelm Bachers unmittelbar aufdrängen und uns seinen Verlust so sehr beklagen lassen. Wilhelm Bacher war mit vorzüglichen Sprachkenntn i s s e n ausgerüstet. Hebräisch und Aramäisch, Arabisch und Persisch waren ihm so geläufig wie seine beiden Muttersprachen: Deutsch und Ungarisch. An der Landesrabbinerschule in Budapest, deren Direktor er zuletzt war, hatte er seit ihrer Begründung die Bibelexegese und die hebräische Sprachwissenschaft vorzutragen. Mehr als ein Menschenalter hat er der Bearbeitung dieser Disziplinen gewidmet. Er hat sich an der Bibelforschung hauptsächlich durch Beurteilung und Herausgabe der Kommentare anderer und durch eine ungarische Bibelübersetzung beteiligt. Er hat bahnbrechende Studien über die T a r g u m i m geschrieben und an der Erforschung der G e - schichte der hebräischen Sprachwissenschaft, an der Wiederherstellung der Werke ihrer hauptsächlichsten Vertreter in vorderster Reihe mitgearbeitet. An dem großen Saadjaunternehmen Joseph Ddrenbourgs, an der Wiederentdeckung der Schriften Abulwalids und Joseph Kimchis hat er stch hervorragend beteiligt. Vor allem aber hat er seinen Namen mit wichtigen Abhandlungen über den Bahnbrecher der hebräischen Grammatik, Jehuda Hajjug, über ihren Systematiker, Abulwalid, und über ihren bekanntesten Darsteller, Abraham ibn Esra, unlöslich verbunden. Er hat in Winter und Wünsches Werk über die hebräische Literatur die Geschichte der Schriftforschung und der Sprachwissenschaft zusammenhängend dargestellt und aus diesem Gebiete Grundlegendes und Abschließendes geschaffen. Seine wertvollsten Leistungen jedoch liegen auf einem anderen Gebiete. Bacher war einPhilologe im besten und modernsten Sinne des Wortes, der mit Sprachwissenschaft Textkritik, Literatur- und Religionsgeschichte verband. Seine Studien führten ihn auf die Erforschung der jüdischen Tradition, und ganz besonders widmete er seine Arbeit dem weiten Gebiete der Hagada. Tie jüdische Traditionsliteratur bietet der wissenschaftlichen Arbeit ungeheure Schwierigkeiten, vor allem darum, weil sie nicht systematisch geordnet ist, weil weder ein persönliches noch ein zeitliches oder sachliches Prinzip bei ihrer Sammlung vorwaltete. Die Halacha im Talmud ist durch die Anordnung der Mischna und die spätere Kodifikation wenigstens einigermaßen geordnet. Für die Hagada aber gibt es gar keinen Maßstab, nicht nur ihres Inhalts, auch ihres wilden Durcheinanders wegen durste der Dichter sie mit einem hochphantastischen Zaubergarten vergleichen. Und doch war für unsere Zeit, in der Theologie, Ethik, Volkskunde und Religionsgeschichte die Geister mehr beschäftigen und anziehen als Halacha. das Verständnis der Hagada ein dringendes Bedürfnis. Da war es nun ein ganz besonderes Verdienst Wilhelm Bachers, daß ec ihr seine ausgezeichnete Kraft widmete, die Hagada in einer ' der Wissenschaft zugänglichen Form darstellte. Worin ein Leopold Zunz seine Meisterschaft bekundete, die Wissenschaft des Judentums begründet hat, da hat Bacher weiter gearbeitet; hatte Zunz durch die Literatur der Hagada den Weg gewiesen und vor allem ihre Struktur enthüllt, so lehrte Bacher ihren Inhalt kennen, indem er die Träger der Hagada und ihre Lehren in chronologischer Anordnung vorführte. Es war das erstemal, daß dieses umfangreiche Gebiet in ein System gebracht wurde, indem aus der ganzen weitschichtigen Literatur die Hagada nach den Persönlichkeiten ihrer Lehrer gesammelt und nach sachlichen Gesichtspunkten geordnet und gewürdigt wurde. Bachers sechs Bände über die Agava der Tannaiten und der A m o r ä e r sind das wertvoll st eHilfsmittel zur Kenntnis der Hagada und darüber hinaus der alten jüdischen Schriftauslegung und Gedankenwelt überhaupt geworden; von