Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
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17 hat der Deutsch-Israelitische Gemeindebund längst in seinen Wirkungskreis gezogen und Erziehungswerken mannigfacher Art dienen jeinen Institutionen und Stiftungen. Diese Arbeit vollzog und vollzieht sich in aller Stille. Allein niemand wird sich der Erkenntnis verschließen, daß alles darauf ankommt, das Interesse der weitesten Kreise für die durch die veränderten Zeitverhältnisse notwendig gewordenen Maßnahmen ans dem Gebiete unserer Jugenderziehung zu wecken, und daß hierzu die breiteste Öffentlichkeit der gegebene Boden ist. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat daher die Anregung des jüdischen Frauenbundes, der bereits 160 Vereine mit 32 000 Mitgliedern mnfaßt, geineinsam mit ihm eine ErziehnngskonferenZ zu berufen, in voller Würdigung der Bedeutung der Sache begrüßt, und rch habe die mir erwiesene Ehre angenommen, die erste Erziehungskonferenz zu eröffnen. Indem ich dies tue, heiße ich Sie alle herzlich willkommen. Daß wir uns bei der Aufstellung und Auswahl der zu behandelnden Fragen eine Beschränkung auserlegt haben, werden Sie sicherlich billigen; späteren Versammlungen bleibt eine Erweiterung des Programms Vorbehalten. Nach der Bildung des Bureaus ergriff zunächst Herr Rektor Dr. Spanier, Berlin, das Wort zu seinen! Referat „lieber Familienerziehung". Er zeichnete in fesselnder Art auf Grund eines reichen pädagogischen Erfahrungsschatzes, wie die Familieuerziehung richtig gestaltet und segensreich wirksam gemacht werden könne, wobei er es nicht an Kritik der falschen Erziehungsmethoden, die vielfach in einer übertriebenen Liebe, einer Ueberschätzung der Intelligenz des Kindes wurzeln, fehlen ließ. Eine treffliche (SrQcmäunQ bot das Korreferat der Frau Dr. Frankl, Berlin, die sich besonders auch mit den Erziehungsfehlern des Hauses beschäftigte, die unsere jungen Mädchen betreffen. Sie geißelte, daß in den besser situierten jüdischen Häusern der Trieb nad) äußerer Putzsucht bei den jungen Mädchen gefördert wird. In der Diskussion mahnte Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher die Eltern, ihre Kinder nicht so spät erst an den ernsten Dingen des Lebens der Familie teilnehmen zu lassen. Das Kind soll schon frühzeitig Mitarbeiter der Familie sein, wie es in früheren Jahren schon bei den 13 jährigen Knaben der Fall war. Unsere Kinder bleiben zu lange Kinder. Fräulein Sidonie W e r n e r vermißte in den beiden Vorträgen die Behandlung der Frage des Verhältnisses der Kinder zu dem Dienstpersonal. Hier sei vieles zu bessern. Eine andere Reduerin regt die Einführung von Mütterabenden durch die jüdischen Frauenvereine an, wie sie der Berliner Vvlksschultehrerinnenverein bereits mit gutem Erfolge seit längerer Zeit eingeführt hat. In der weiteren Diskussion wurde noch eine Reihe von W ü n - scheu geäußert, so wurde insbesondere von einer Seite angeregt, den Kindern vor dem schulpflichtigen Alter bereits biblische Erzählungen in Fornr von Märchen beizubringen. Die Schaffung eines derartigen Buches wurde gewünscht, und ebenso von anderer Seite die Herausgabe volkstümlicher Schriften, auch über Erziehungsfragen. Kritik wurde geübt all der sogenannten „Fräuleinsucht" unserer begüterten Familien, in denen die Mütter sich der Erziehung der Kinder nicht widmen, sie vielmehr fremden Personen überlassen. - Nach einigen Dankeswvrten des Herrn Professor Kali scher hielt Fräulein P a p P e n h e i m ihr Referat über „Anstaltserziehung", dessen scharfe Kritik durch einen wohltuenden Humor gemildert wurde. Sie stellte als Hauptpostulat natürlich die Familienerziehung hin. Sie erläuterte die Gründe, die eine ausnahmslose Durchführung einer Familieuerziehung leider nicht zulasseu. Bei der Anstaltserziehung verwirft sie für jüdische Kinder unbedingt die Kinderkrippen. Auch die Kindergärten eignen sich zur Erziehung, wenn ihr Betrieb gewissen Reformen unterzogen wird. Kinderhorte eignen sich mehr für Knaben als für Mädchen. Einen schweren Mißstand erblickt sie darin, daß gute jüdische Häuser selten zur Aufnahme von Ziehkindern gesunden werden, und daß insbesondere eine moralisch nicht haltbare Abneigung gegen die Mütter unehelicher Kinder und gegen das uneheliche Kind selbst sich breit mache. Durch eiile Revision dieser allgemeinen Auffassung bewahre man manches Menschenkind davor, daß es im späteren Leben Feind der menschlichen Gesellschaft werde. *'Jn unseren Erziehungshäusern vermißt sie noch vielfach die notwendige Anlehnung an die Form der Familienerziehung. In unseren Waisenhäusern werde ein viel zu großer Kultus mit den Monumenten der Wohltäter und Gründer der Anstalt getrieben. Unsere Erziehungshäuser sollten, um wenigstens einigermaßen im Rahmen der Familienerziehung zu wirken, kleiner sein und höchstens 20 bis 30 Zöglinge haben. Auch der Speisung an der Table dchote sei diejenige an kleinen Tischen vorzuziehen. nild ebenso dürfte das System der langen Schlafsäle besser beseitigt werden. Die Sitte, die Waisenkinder Kaddischgebet für Gründer und Spender verrichten zu lassen/erscheint ihr nicht angebracht. Es werde dabei der Respekt vor dem Gelde den Kindern beigebracht. Als einen starken Erziehungsfehler bezeichnet die Referentin es, wenn lnan diese Anstalten irgendwie mit allen technischen Errungenschaften ausstattet, lveil die Zöglinge dadurch einmal viele hauswirtschastliche Handhabungen nicht lernen, die sie im späteren Leben nötig brauchen können, wenn sich dieses Leben in beschränkteren Lebensverhaltnissen abspielt. Die Kenntlichmachung der Waisenhäuser als solche sollte möglichst vermieden werden, damit nicht jedermann dem Kinde zum Bewußtsein bringe, daß es eine Waise sei. Zum Schluß schilderte die Rednerin in packenden Worten die innere Genugtuung, die alle diejenigen empfinden müßten, die an solchen Werken der Fürsorge und Nächstenliebe teilnehmen. Wer im Leben hartes Leid erfahren, möge in dieser Arbeit Trost suchen. Reicher Beifall folgte den trefflichen Ausführungen. Als Korreferent sprach dann Herr Direktor Dr. Gült mann, Berlin. Er hob mehr die pädagogische Seite der Anstaltserziehung hervor und vertrat gleichfalls den Standpunkt, daß sich die Anstaltserziehung möglichst der Fmnilienerziehung annähere. Versuche in dieser Richtung mit gutem Erfolg habe das Raue Haus in Hamburg unternommen. Besonderer Wert sei auf die Ausgestaltung unserer jüdischen Feste zu legen, wobei er die moderne Art der Ehannkkaseier (unter dem Beifall der Versammlung) als Parade einer scharfen Kritik unterzieht. Er berührt ferner die Erziehungsmethode in solchen Fällen, in denen das Anstaltskind noch dem Einfluß der Muter untersteht, also der Halbwaise. Schließlich streifte der Referent noch die Frage der geschlossenen Anstaltserziehung, in dem die Kinder gleichzeitig den Schulunterricht erhalten, und gibt ihr den Vorzug, ist aber andererseits keineswegs der Ansicht, daß mit der abgeschlossenen Schulbildung die Fürsorge für den Zögling aufhöre. Auch bei der Berufswahl sollte die Anstaltsteitnng dem Zögling beratend zur Seite stehen und ihm auch bei seinem weiteren Werdegang behilflich sein. Herr Professor K a l i s ch e r bringt hieraus ein in warmen Anerkennungs- und Begrüßungsworten gehaltenes Telegrannn der Beteranin der Frauenbewegung, der Frau Henriette G 0 l d s ch m i d t, Leipzig, zur Verlesung. (Allseitiges Bravo.) In der Diskussion verwies Herr Rechtsanwalt Dr. Lamm, der den ersten Erziehungstag namens der Fürsorgekommission der Berliner jüdischen Gemeinde begrüßte, gegenüber den Ausführungen der Hauptreserentin daraus, daß durch die Einführung der Sammelvvrmundschaft seitens der Berliner Gemeinde, die seit dem 1. Oktober 1913 bereits bestehe, diese auch die gewünschte Fürsorge für die unehelichen Mütter bekundet habe. Die Einrichtung funktioniere vortrefflich. An der weiteren Debatte beteiligte sich eine größere Anzahl Herren und Damen, die eine Reihe von Einwendungen gegen die Ausführungen von Fräulein Pappenheim vorbrachte. Die Herren Abraham und Direktor Dr. Stretch wandten sich gegen die Ausführungen von Fräulein Pappenheim gegen das Kaddischsagen unter Hinweis darauf, daß dadurch die Tugenden der Pietät und Dankbarkeit in den Kinderherzen geweckt würden. Auch der Waisenhausdirektor P e r i tz-Königsberg i. Pr. beteiligte sich eingehend an der Debatte. Nach einem Schlußwort des Frl. Pappenheim, die auf die Einwendungen gegen ihren Bortrag näher einging, folgte der Vortrag von Frl. Sidonie Werner über weibliche Jugendpflege. Sie verwies einleitend auf die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, durch die auch die jüdische Frauenwelt in das Wirtschassleben hineingezogen sei. Die neue Zeit erfordere eine Hinansentwicklung, die das Elternhaus nicht geben könne. Da bedürfe man der Jugendpflege, die gegen die Degeneration und den Abfall zu wirken habe. Sie berührte so ziemlich alle Probleme der modernen Frauenbewegung unter dem spezieller! Gesichtspunkt der jüdischen Frauenwelt. Bon der Abneigung zur Mutterschaft, der sexuellen Aufklärung, der Beratung bei der Berufswahl, der physischen Stärkung und Kräftigung, der Abneigung gegen den hauswirtschaftlichen und Handwerkerberus wurden alle Fragen eingehend erörtert. Sie gab ein ziemlich grau in grau gemaltes Bild der jüdischen Frauenwelt sowohl von den Töchtern der reichen Familien, den Töchtern der gutsituierten, dem Mittelstände angehörendeu Familien sowie der Proletarier und gelangte zu dein Ergebnis, daß die jüdischen Mädchen aller dieser drei Kategorien eingeschlossen werden müßten in die weibliche Jugendpflege, deren Ausgaben sie dann im einzelnen skizzierte. Die Korreferentin, Frau Nassauer, berührte zunächst die Frage der