Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
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16 Regenzeit in der Ebene große Wassermengen an und entstehen Sümpfe, die die Hauptursache der Verbreitung der Malaria in Palästina .bilden. Durch systematische Arbeit ist es wohl der amerikanischen Kolonie unmittelbar vor den Toren Jerusalems gelungen, malariafrei zu werden, in Jerusalem aber wird etwa jede fünfte Person malariakrank. Seit knapp einem Jahre besteht in Jerusalem ein Gesundheitsamt, das den Kampf gegen die Malaria in allen Stadtteilen bei allen Nationen energisch ausgenommen hat. so daß man in einiger Zeit wohl mit einer Eindämmung der Krankheit rechnen kann. Nächstdem ist die am meisten verbreitete Krankheit das Trachom, die ägyptische Augenkrankheit. Bei der Bekämpfung ' kommen im wesentlichen längere sachgemäße spezialistische Behandlung sowie Erziehung der Bevölkerung zur Sauberkeit als vorbeugende Maßregel in Frage. Die bisher bestehenden Augenkliniken sind nicht ausreichend. Es wird die Ausgabe des internationalen Gesundheitsamtes sein, neue einzurichten. Sehr gefürchtet ist die Hundswut, da die Gebissenen bisher zu ihrer Behandlung erst und) Kairo reisen mußten. Im April dieses Jahres lvurde im Internationalen Gesundheitsamt von der Gesellschaft jüdischer Aerzte und Naturwissenschaftler eine Tollwutstation lPasteurinstitut) errichtet, die sehr segensreich wirkt. Bei weiterer intensiver Arbeit in hygienischer und sanitärer Beziehung ist eine dauernd sich steigernde Besserung der Gesundheitsverhältnisse zu erwarten. In dieser Beziehung arbeitet die Gesellschaft jüdischer Aerzte und Naturwissenschaftler für sanitäre Interessen in Palästina, welche bereits zwei Institute in Jerusalenr unterhält, und zwar ein Pasteurinstitut und ein serologisches Institut. * Ueber antisemitische K o n g r e ß s ch w i e r i g - leiten in Rußland schreibt die „Voss. Ztg.": Jedesmal, wenn in Rußland ein internationaler Kongreß ftattftnbeit soll, wiederholt sich dasselbe Spiel. Jedesmal sollen die ausländischen Gelehrten jüdischen Glaubens minderen Rechtes sein. So war es bei dem internationaler! Aerztekongreß in Moskau, so war es bei dem internationalen Gynäkologenkongreß, so ist es wiederum jetzt. Vom 28. Juli bis 2. August 1914 soll in Petersburg der XII. Jute r n a t i o n a l e O p h t h a l m o l o g e n k o n g r e ß stattfinden. In dem auf ihn bezüglichen zweiten Rundschreiben steht zu lesen: „Das Ministerium des Innern hat die unbehinderte Zulassung der israelitischen Mitglieder des Kongresses bewilligt, es wird jedoch verlangt, daß in Petersburg durch das Zentralbureau a n f d e m Paß der israelitischen Mitglieder ein B e r - m e r k gemacht werde über die Dauer der Berechtigung, innerhalb der R eichs g r e u z e n zu leben. Als letzter Termin für den Aufenthalt in Rußland wird wohl der 28./15. Le p tember zu gelten haben, mit welchem Tage ja auch die Vergünstigungen der Reise aufhören." Man male sich folgendes Bild aus: Einer der berühmtesten lebenden Augenärzte, der sich in der ganzen Welt gleichmäßiger Schätzung erfreut, ist der Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Hirschberg-Berlin. Wie man ihn im vergangenen Sommer in London auf dem internationalen Aerztekongreß geehrt hat, würde man ihn auch in Rußland ehren. Man will ihm, wie in anderen Ländern, die er besucht, die Kliniken zeigen, lädt ihn hierhin und dorthin ein - und in Odessa versäumt er am 28./15. September das Schiff. D a n n k o m m t die russische Polizei und spediert ihn über die Grenze! Daß sich' angesichts solcher Zumutungen in gleicher Weise ein E n t - r ü st u n g s st u r m unter den Gelehrten aller Länder erhebt, wie es bei den früheren Kongressen der Fall war, liegt aus der Hand. Schon haben zahlreiche korrespondierende Mitglieder für das deutsche Sprachgebiet, in Deutschland, der Schweiz und Oesterreich, unter den Ausdrücken schärfster Mißbilligung i h r e A e m t e r n i e d e r - gelegt, und ein gleiches wird aus anderen Ländern gemeldet. Neberall wird dieselbe Entrüstung laut, überall gehen bei wisseuschaftlichen Gesellschaften schon Anträge ein, ihrerseits der gleichen Empsindung Ausdruck zu geben. Die voraussichtliche Wirkung wird eine allgemeine Aufforderung sein, dem Kongresse gänzlich fernzubleiben. Die einzig richtige Antwort auf solch uner h orte Z u m u t u n g. * Die l. jüdilchr Lr?jchunsskonkeren?. y. Berlin, 5. Januar 1914. ach eingehenden Vorbereitungen und Vorbesprechungen von Vertretern des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, des Jüdischen Frauenbundes und unter Mitwirkung je eines Vertreters des Rabbinerverbandes und des Verbandes der jüdischen Lehrervereiue fand gestern hier die erste jüdische Erziehungskonserenz statt. Die Anregung hierzu ist vom jüdischen Frauenbund ausgegangen und der Deutsch-Israelitische Gemeindebund ist entsprechend der Bedeutung, die das Erziehungswesen innerhalb seines Aufgäbenkreises einnimmt, gern bereit gewesen, diese dem Wohle der jüdischen Jugend gewidmete Veranstaltung zu treffen. Es handelte sich darum, das Interesse der lveitesten jüdischen Kreise, vor allem der Eltern und Erzieher, für die durch die veränderten Zeitverhältnisse notwendig gewordenen Maßnahmen auf dem Gebiete unserer Jugenderziehung zu wecken. Darum lvurde die Konferenz auf breiter Basis aufgebaut und alle die Kreise herangezogen, die sich auf irgendeinem Gebiete der Jugendfürsorge betätigen. Dieser ersten, wohlgelungenen Erziehungskouferenz sollen nunmehr lveitere folgen. Eröffnet wurde die Tagung, die in den prächtigen Räumen der Loge stattfand, durch Herrn Prof. K a l i s ch e r , den Vorsitzenden des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, mit der folgenden Ansprache: „Wir sind trotz des schlechten Wetters so zahlreich erschienen, daß diese Tatsache schon als ein Zeugnis gelten kann, daß es ein glücklicher Gedanke des jüdischen Frauenbundes war, die Anregung zur Einberufung einer Erziehungskonferenz zu geben. Die Probleme der Erziehung, so alt wie die Menschheitsgeschichte,, lassen sich nicht mit der Theorie lösen, und es kann nicht lvunderuehlnen, daß die Erziehungsideale, die Philosophen und Dichter ausgestellt haben, nicht in das Leben hineinwirkten. Vielmehr sind die Probleme der Erziehung so vielgestaltig lvie das Leben selbst, und wie dieses sich' lvandelt, so treten, mögen auch gewisse Grundsätze, manche Errungenschaften in allem Wechsel dauern, immer neue Erziehungsträger! auf, und erfordern neue Lösungen. Sie sind nur auf dem Grunde der Erfahrung möglich; „Erfahrung", sagt Goethe einmal, „kann sich ins Unendliche erweitern und vervollkommnen". Es kann daher den! in Rede stehenden Ziele nur zum Nutzen gereichen, wenn diejenigen, die dem Erziehungswerk in irgendwelcher Gestalt ihre Kräfte weihen, ihre Erfahrungen austauschen und sich so gegenseitig zu bereichern suchen, um das unternommene Wert sortzuführen und zu vollenden. Ueber das allgemeine Erziehungswert aber hinaus erwachsen uns Juden noch besondere Aufgaben. Wir haben aller Orten und zu alleu Zeiten eine Minorität gebildet und bilden sie gleichermaßen heutzutage. Eine Minorität muß aber ganz besonders ausgerüstet sein, um sich durchzusetzen und zu behaupten, zumal, wenn ihr niemals und nirgends von der Mehrheit, unter der sie lebt, erhebliches Wohlwollen entgegengebracht wird. Aber ich glaube sagen zu dürfen, daß glücklicherweise ein gesunder, kräftiger Stamm in uns lebt, dessen Wurzeln in eine mehrtausendjährige Vergangenheit zurückreichen. Im Gegensatz zu den Erziehungssystemen griechischer Denker, beispielsweise dem Platos, in dem der einzelne nicht Selbstzweck ist, sondern so erzogen werden soll, daß er ganz im Staate aufgeht, sind unsere heiligen Schriften und die an sie sich anschließenden Lehren ohne systematischen Aufbau ganz und gar darauf gerichtet, das Jndividiuum durch Vorschrift und Vorbild zu einer sittlichen Persönlichkeit zu erziehen. Was uns ans jenen alten Zeiten überliefert ist, das bezeugt die grenzenlose Sorge, die der Jugenderziehung galt. Der jüdische Geschichtsschreiber Josephns, um nicht weiter zurückzugreifen, berichtet: „Mehr als alles liegt uns die Erziehung der Kinder am Herzen." Und im Talmud finden sich Worte höchster Erhabenheit, die den Bestand der Welt damit verknüpfen, „Die Welt", sagt der Talmud, „besteht nur um des Lebens- Hauches der Kinder im Lehrhanse willen". Tie Vorzüge, die man bei uns gelten läßt, Fleiß, Energie, Liebe zur Arbeit, Opsersreudigkeit, Sparsamkeit, Mäßigkeit, Ausdauer, Zähigkeit, sind uns nicht eingetrichtert, sondern durch eine mehrtausendjährige Erziehung nach den Gesetzen der Vererbung eingeimpst worden. Aus der Fürsorge aller Art unserer Altvorderen für die Jugend dürfen wir gewissermaßen unsere geschichtliche Legitimation zu der heutigen Veranstaltung ableiten. Der jüdischen Erziehung ist die besondere Aufgabe gestellt, den Zögling so auszurüsten, daß er an seinem Teil zur Erhaltung und Festigung des Judentums beiträgt. Die Erziehung der Jugend