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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-09 · Heft 2 (9.1.1914) · p. Seite 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 2 (9.1.1914)
Date
1914-01-09
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
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15 Wo aber die Kritik eine solche Macht im innersten Kern des Judentums errungen, da ist selbstverständlich ein vollständiges Zurückführen in die alten Zustände nicht mehr denkbar. Dazu kommen noch unsere ganz anderen Lebensverhältniffe. Die mächtige Bewegung, der lebendige rasche Verkehr machen die Einzwängungen eines jeden einzelnen Teilchens in verkrnnmernde Absonderung zur Unmöglichkeit, und ohne Absonderung gelingt die Wiederherstellung der alten Zustände nimmermehr. Die dritte Periode in unserer Religionsanschauung, herbeigeführt durch die historisch-kritische Schule, ist gewissermaßen die versöhnende Periode, indem sie, Verstand und Gemüt einigend, den ganzen Menschen zu durchdringen und die Religion von allen Gebilden der überwuchernden Phantasie und des überschwänglichen Gemüts, mit denen sie die vergangenen Zeiten bekleidet hatten, zu befreien sucht. Daß diese harmonische Durchdringung von Verstand und Gemüt ursprünglich im Wesen und im Charakter des Judentums begründet lag, hierfür brauchen wir heute die Beweise nicht mehr zu führen. Nur darauf hindeuten wollen wir. daß die bedeutendsten Denker in Israel während der talmudifchen, geonäischen und spanischen Periode die schärfste Verstandesentwicklung mit der innigsten Gläubigkeit vereinbar fanden. Durch die Vorbereitung dieser versöhnenden Periode entsteht freilich für das ungeübte Auge der Anschein des Niederganges der Religion und der Frömmigkeit. Allein, dieser in der letzten Zeit so vielfach gerügte Jndifferentismus gegen Religion und Frömmigkeit kann in keiner Hinsicht als ein Mangel an religiösem Gefühl überhaupt betrachtet werden, da dieses psychologisch bei keinem Menschen fehlt, sondern es ist eben die notwendige Folge des noch unentschiedenen Kampfes zwischen den beiden abgelaufenen Perioden und der noch in Vorbereitung begriffenen. Daher der ernste Kamps mit der Gegenwart bei denen, die die erste Gemütsperiode mit aller Energie wieder in ihrer früheren Jugendgestalt herzustellen sich abmühen, ohne jedoch dabei zu bedenken, daß es nur ein vergeblicher Kampf gegen Windmühlen ist, die öde Leere in der Brust derer, die für die ausgegebenen Religionsformen neue befriedigende suchen und nicht finden. Sir Mache. Berlin, den 6. Januar 1914. ls Ergänzung unserer Ausführungen über den dehnbaren Kautschukparagraphen wird uns aus Bayern geschrieben: Die „Frankfurter Zeitung" vom 25. Dezember 1613, Mvrgenblatt, S. 3, bringt einen Artikel „Glaubensbekenntnis und Naturalisation", der sowohl theoretisch als praktisch unsere Annahmen und Befürchtungen vollmif bestätigt. Darin wird zunächst folgende, höchst bedeutungsvolle Aeußerung festgenagelt, die bei der letztsommerüchen Beratung des deutschen Staatsangehörigkeitsgesetzes in der Kommission der Vertreter der preußischen Regierung getan hat: „Zu der Behauptung, daß jüdischen Ausländern gesagt 'ein soll, so lange sie Juden feien, würden sie nicht naturali- >>ert, wenn sie aber zu einem christlichen Glaubensbekenntnis übertreten würden, dann ließe sich darüber reden, muß ich erklären, daß der preußische Herr Minister des Innern es im 'Gegenteil für unwürdig halte, wenn jemand um äußerer Vorteile willen sein Glaubensbekenntnis ändere. Seitens meiner Negierung können sogar Fälle angeführt werden . . ., in denen der Minister des Innern ein Naturalisationsgesuch gerade aus den: Grunde abgelehnt habe, weil die Absicht kundgegeben worden sei, um der Naturalisation willen vom jüdischen Glaubensbekenntnis überzutreten, oder weil der Uebertritt im Hinblick auf den Naturalisationsantrag schon stattgefunden hatte." Mit Bezug darauf teilt nun soeben die „Deutsche Israelitische Zeitung" aus dem Geschäftsbericht des „Verbandes deutscher Juden" folgende unbezweifelbaren Tatsachen mit: „Ein Oesterreicher namens Cohn trat etwa 1894 als Buchhalter bei einer größeren Firma in T. in Westpreußen ein. Rach Jahren änderte er in seiner Heimat seinen Namen iu Keller und kehrte nach T. zurück, in der Hoffnung, so eher naturalisiert zu werden. Er hat dann wiederholt seine Naturalisation beantragt, ist aber stets abgelehnt worden, auch nachdem er Mitinhaber der betreffenden Firma geworden war. Auch nach feiner Verheiratung mit einer Deutschen aus sehr wohlhabender und angesehener Familie beantragte er vor etwa fünf Jahren wiederum vergeblich die Naturalisation. Kurz darauf trat er mit seiner Frau zum evangelischen Bekenntnis "über, wiederholte wenige Wochen nach seinem Uebertritt sein Gesuch unter Einreichung feines Taufscheines und wurde sofort naturalisiert. H., Inhaber eines großen Kohlengeschäfts in B., Schlesien, seit Jahren eingewandert, mit seinem Gesuch für sich und für seine Söhne abgewicsen (1901), erhält vom Oberbürgermeister im Vertrauen die Andeutung, daß er bei einem Glaubenswechsel naturalisiert werden würde. H. hat dies abgelehnt. Zwei Söhne aber sind alsbald zum Christentum übergetreten lind sind unmittelbar darauf naturalisiert worden. Einer von ihnen ist jetzt preußischer Reserveoffizier." Dazu fügt die „Frankfurter Zeitung" eine kurze, gewiß nicht einseitige Glosse: „Diese Fälle stammen zwar nicht aus der neuesten Zeit, liegen aber nicht so weit zurück, um nicht als Beispiel gegen die Behauptung des Regierungsvertreters herangezogen werden zu können. Im übrigen wird wohl niemand bestreiten können, daß bis in die neueste Zeit hinein konfessionelle Gründe für die Versagung der Naturalisation entscheidend gewesen sind." Es wäre nicht bloß interessant, sondern auch lehrreich und für die Zukunft wichtig, auf die wenigen verwandten Fälle scharfes Augenmerk zu richten, welche unter der Geltung des nunmehrigen Gesetzes von 1913 praktisch werden, und man sollte sie, am besten wohl vom „Verband deutscher Juden" aus, mit allen Einzelumständen - denn auf diese kommt es dabei an — sorgfältig buchen und dann in geeigneter Weise bei den Behörden behandeln. Hier ist ein Gebiet, wo unbedingt Rechtsgleichheit aller vor dem Gesetze herrschen muß! * Die erste Woche des neuen Jahres ist leer an Ereigniffen. Gerüchte über Beilis schwirren in der Luft. Man spricht davon, daß feine Memoiren geschrieben, und, trotz der Wachsamkeit der russischen Regierung, nach England gerettet seien: man verbreitet auch das Gerücht, daß Baron Rothschild dem Unglücklichen einen Landbesitz in Palästina angeboten habe. Wir wünschen dem Unschuldigen, der soviel gelitten hat, alles Gute und hoffen für ihn und für uns, daß die drohende Gefahr einer öffentlichen Schaustellung in Amerika abgewendet werden möge. * Daß die hygienischen Verhältnisse in Palästina recht traurige sind, lehrt folgendes Bekenntnis der Zionisten. In dem von der Berliner Z i o »i st i s ch e n Vereintg n n g veranstalteten Palästinakurse sprach Herr Dr. Sandler über Klima, Gcsundheitsverhältuisse und die neueren Sanierungsbestrebungen in Palästina. Redner führte etwa folgendes aus: Infolge der fast völligen Abholzung der Wälder sammeln sich während der

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