Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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14 Die Religionsanschauung hat bei den Israeliten seit dem 18. Jahrhundert zwei Perioden durchlaufen und ist jetzt in dem gärenden Uebergange zu einer dritten begriffen. Die Periode des Gemütes ohne Reflexion und die des einseitig reflektierenden Berstandes ohne gemütliche Wärme sind vorüber; die dritte versöhnende Periode der Vernunft, die, Verstand und Gemüt einigend, den ganzen Menschen durchdringt, ist jetzt im vorbereitenden Zustande. In jener ersten Periode, als die Mauern des, Hasses und des Vorurteils die Juden vom allgemeinen Völkerleben absperrten, ihnen das zeitliche Leben verleideten, als die Religion, ihr einziger Trost, ihnen um so teurer war, je größer die Opfer waren, unter denen die Väter sie ihnen vererbt hatten, da hing ihr Gemüt in unmittelbarer Verbindung an ihrem Glauben, und je mehr die Welt sie ausstieß, desto fester klammerten sie sich in schmerzlicher Wehmut an ihren liebenden Vater im Himmel. Da wurde nicht gedacht, sondern gelebt in der Religion. Der überlieferte Schatz ihrer Väter ward ihnen so lebendig, so gegenwärtig wie ihre Leiden, so daß sie bei allen Prüfungen und Versuchungen des Lebens mit Joseph auszurufen imstande waren: „Wie soll ich diese große Uebeltat begehen, ich werde mich nicht versündigen gegen den Gott meines Vaters." Alles ward unantastbar, geheiligte Tradition. Jener Zeit danken wir den Fonds von Religiosität, die sich noch jetzt trotz innerer und äußerer Stürme bei der Volksmasse erhält, ihr jene treue Ausdauer, ihr die Existenz des Judentums. Ihr aber verdanken wir auch jene unterschiedslose Anhänglichkeit selbst an Unwesentliches, jene unmännliche Frucht, die auch den bessern, oft ganz unwesentlichen Reformen hartnäckig den Eingang erschwert. Je tiefer diese Eigentümlichkeiten in jener Periode wurzelten, desto greller trat der Kontrast in der folgenden hervor. Es war naturgemäß, daß mit dem Eintritt der neuen Entwicklungsperiode, die wir seit Mendelssohn datieren, gerade die Denkkraft vorzugsweise hervortrat, mit sowohl ihr auflösendes als auch wieder ausbauendes Werk zu beginnen und fortzuführen. Man erinnere sich, daß die Zeit Mendelssohns vorzugsweise eine philosophierende und populär-philosophierende war. Ihr höchstes Interesse nahm die Diskussion über einen Begriff, eine Definition, die Lösung einer metaphysischen und Psychologischen Frage in Anspruch: gemütliche Wärnte für das Ererbte fehlte ihr ganz, für Geschichte hatte sie gar keinen Sinn. In dieser ihrer Einseitigkeit hatte sie für die Religion auch sehr nachteilige Folgen. Sie unterwühlte den großen Unterboden der Religion, ihr geschichtliches Leben, und zerschnitt das Band der Entwicklung, das überall, besonders aber in der Religion, Gegenwart und Vergangenheit und so auch die Zukunft aneinander knüpft; sie ernüchterte durch ihr vorherrschendes Verstandeslebeu, dem jede gemütliche Wärme fehlte, die Religion, daß der Geist völlig ans ihren Formen verschwand, und ließ die Seele erkalten. Der Genius der Menschheit steht in seiner Arbeit nie still. Ob er sich auf der Höhe oder in der Niederung befindet, er ist fort und fort tätig im Schaffen und Arbeiten. Er kopiert nie, aber er wiederholt seine Prozesse mit immer neuen Elementen. Ist er zurückgeschritten, dringt er wieder vorwärts, aber auf einem neuen Wege. Hat er sich eine Zeit lang der Oberherrschaft, einer Geistestätigkeit oder einer Geistesrichtung vorwiegend ergeben, so erwacht in ihm das Verlangen nach einer anderen, nach der, die er vernachlässigt hat. Jede Erscheinung in der Menschenwelt, die eine lange Vergangenheit hat, gibt uns für diesen Entwicklungsgang die vielfachsten Beweise. Auf dem religiösen Gebiete kommt aber noch hinzu, daß die Ueberlieferungen der Vergangenheit den Charakter der Heiligkeit besitzen, daß das Verlangen gestellt wird, alle Arbeiten der früheren Zeiten als unveränderlich, unantastbar, von unbegrenzter Autorität anzusehen. Und dennoch geschieht es auch hier, daß dem Geiste und Bedürfnis jederzeit Rechnung getragen wird, daß bewußt und unbewußt die veränderten Zustände, Verhältnisse und Geistestätigkeiten ihren Einfluß üben und äußerlich 8er Religion eine veränderte Gestalt verleihen. Aber gerade auf diesem Gebiete treibt die Richtung des Geisteslebens unwiderstehlich an, und so treffen sich hier Widerstand und Treibkraft mit außerordentlicher Gewalt. Wer mitten in diesem sich befindet, dem verwirren sich leicht Einsicht und Aussicht, und dann erst ist eine richtige Umschau möglich, wenn sich der Charakter der Zeit ausgebildet und entschieden hat. Fragen wir nun, was die Tendenz der neuen Zeit aus dem Gebiete des Judenttnns sei, so können wir einfach und schlagend sagen: Nachdem die Religionsanschauung bei den Israeliten seit dem vorigen Jahrhundert zwei Perioden durchlaufen hat, die Periode des Gemüts ohne Reflexion und die des einseitig reflektierenden Verstandes ohne gemütliche Wärme für die Vergangenheit und Zukunft des Judentums, d. h. ohne Sinn für seine geschichtliche Entwicklung, ist jetzt die dritte versöhnende Periode der Vernunft in der Entwicklung begriffen, die, Verstand und Gemüt einigend, den ganzen Menschen durchdringen und die Religion von allen Gebilden der überwuchernden Phantasie und des überschwänglichen Gemüts, mit denen sie die vergangenen Zeiten bekleidet hatten, zu befreien sucht. Auf die Periode des reflektierenden Verstandes und seichten Rationalisierens folgte die der historischen Kritik und der jüdischen Wissenschaft, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Judentums aneinanderknüpfte, indem sie die Trümmerdecke von der großen Vergangenheit des Judentums wegräumte, und der darunter verschüttete Gottesgedanke zum Vorschein kommen konnte. Die vierziger und fünfziger Jahre waren besonders für den Anbau der jüdischen Geschichte und jüdischen Wissenschaft fruchtbar. Es war nicht müßige Gelehrsamkeit, sondern Herzensdrang, den augenscheinlichen Beweis zu führen, daß das Judentum zu allen Zeiten mit der Gesittung Hand in Hand ging. Sie zeigte, was die Juden in Gedankenreichtum und in schöner Formgestaltung geleistet haben und zu leisten vermögen. Die jüdische Wissenschaft sollte zugleich als Apologie gegen die Verächter der Juden und des Judentums und als Ideal zur Erweckung des Nacheiferns dienen. Man fühlte, daß es nicht mehr an der Zeit sei, mit Versen zu tändeln, hebräische Dramen oder eigentliche Dialoge zu reimen. Racinesche Verse, Anakreons, Lieder in hebräische Form zu bringen, sondern daß es jetzt gelte, die vergrabenen Heiligtümer des Judentums ans Tageslicht zu fördern. Es entstand ein Wetteifer unter Männern und Jünglingen, jüdisch-wissenschaftliche Untersuchungen zu verbreiten und zum Gemeingut zu machen. Je nach Begabung, Kenntnis und Reife brachte man bedeutende oder geringere Spenden ohne Erwartung eines Lohnes oder einer greifbaren Ehre. Natürlicherweise ging mit der historischen Wissenschaft die Kritik Hand in Hand, die der ersten Periode vollständig mangelte. Kritik, Erkenntnis des geschichtlichen Werdens, Begreifen, wie Institutionen allmählich aus leisen Keimen zu spröder Festigkeit, zu ausgedehntem Umfang sich verdichtet und erweitert haben, war das Problem, das die Wissenschaft sich stellte; und indem sie dieser Entwicklung nachging, mußte sich bei ihrer Zergliederung manche Schale ablösen. Jedoch duldete die Wissenschaft keineswegs das willkürliche Zerstören und Abschaffen, sondern es knüpften sich hieran wissenschaftliche Untersuchungen, Nachweisungen, wie zu allen Zeiten die jedesmaligen Bedürfnisse, die Lebens-Sitte und -Anforderung Modifikationen erzeugt haben, wie die Geschichte niemals ihr Recht ausgegeben habe, und deshalb nannte sich auch das System das historischkritische. Alle Schriften, die als vorbildlich auftreten, sind ihr Urkunden vom Geist des Judentums.