Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang. Nr. 2 Allgemeine Berlin, 9. Januar 1914 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementS'preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und vor. orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 JTT. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 4S/4-, zu richien. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Die „moderne" Zeit in ihrer Beziehung zur Religion überhaupt ""tJULL. und zum^udentum insbesondere. Bon Tr. B. Seligkowitz, Köthen. — Die Woche. — Die 1. jüdische Erziehungskonferenz. — Wilhelm Bacher. Von I. Elbogen. — Stadtrat Immanuel Landsberger. Von M. Schweitzer, (Slogan. — Was haben die christlichen Theologen und Priester aus dem Judentum genommen und womit dafür gezahlt? Von Dr. Marcus Landau. — Tradition und Dogma. Von Ignaz Goldziher. — Feuilleton: Der Familiant. Roman von Gustav Karpeles. — Sprechsaal. Dev Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Beuthen, Gotha. Hannover, Wien. — Von Nah und Fern. Die„nmdrrne"Leit in ihrrrlöesiehung?ur Mligion überhaupt und?um Judentum insbesondere. Von Dr. B. Seligkowitz, Köthen, nserc moderne Bildung steht allgemein in dem Rufe, daß sie eine von der Frömmigkeit abgewendete Richtung habe. Man unterstellt kurzweg eine vorzugsweise moralische Versunkenheit des jetzt lebenden Geschlechts und schiebt die Schuld auf seine angeblich von allem Uebersinnlichen abgeivendete materialistische, und dem Heiligen feindselige Gesinnung. Diese Ansicht bedarf sehr der Beschränkung. Was heißt denn „moderne Bildung?" Was ist denn das Unterscheidende der Zeit, die wir die „moderne" nennen? Das Unterscheidende liegt darin, daß in ihr der Menschheit der geistige Sinn, das geistige Interesse für die irdische Welt aufgegangen ist, für die uns umgebende äußere Welt und für uns selbst als Glied der äußeren Welt, also der Sinn für Natur und Geschichte. Dieser Sinn schlummerte seit dem Untergang der alten klassischen Welt während des Mittelalters. Die irdische Welt bot dem damaligen Geschlechte kein geistiges Interesse; das geistige Interesse kannte keinen anderen Gegenstand als die unsichtbare, die überirdische Welt; mit anderen Worten: man kannte kein anderes geistiges Interesse als das religiöse. Das Irdische, das Sichtbare erschien als profan, als geistig gehaltlos, für den Geist nur als Gegenstand der Verleugnung. Das wurde im Lause der geschichtlichen Entwicklung der europäischen Menschheit anders; das Auge ging ihr auf für den geistigen Gehalt und die geistige Bedeutung dieser Welt; sie fing an, in ihr ein wunderbar kunstvolles Mittel für die Zwecke des Geistes zu sehen, einen unerschöpflichen Gegenstand der Erkenntnis und seiner, sie zum Werkzeug für sich znrechtbildenden Einwirkung auf sie. Damit war freilich ein ungeheurer Umschwung eingetreteu, ein tiefer Bruch mit der ganzen bisherigen Ueberlieferung und der ganzen bisherigen Gestalt des Lebens, die nun als eine fremde, leere, bloß konventionelle erscheinen mußte. Dadurch entstand für das ungeübte Auge der Anschein, als habe die Wirksamkeit der Religion in der Menschheit abgenommen. Den schärfer Blickenden aber kann dieser Schein nicht täuschen. Vielmehr beginnt gerade jetzt eine neue, in eigentümlicher Weise großartige Phase der Wirksamkeit der Religion, nämlich ihre Richtung auf die Durchdringung des menschlichen Lebens in der Gesamtheit seiner besonderen Gebiete. Der schärfer Blickende findet, daß das jetzige Geschlecht seine wirklichen Zwecke niit der Welt merklich besser verstehen gelernt hat und für ihre Erreichung ernster und zweckmäßiger tätig ist als die früheren Generationen. Dies soll ganz und gar nicht zum Lobe der einzelnen gesagt sein, sondern es ist nur die Grundlage, auf der die einzelnen mit ihrer individuellen Moralität stehen, im Laufe der Zeit eine erhöhte geworden. Diese veränderte Gestaltung unserer Gemeinschaftszustände hat für die Kinder unserer Zeit ganz unwillkürlich eine Erweiterung ihres moralischen Horizonts und eine Erhöhung der Gesichtspunkte mit sich geführt, die sie bei ihrem Tun und Lassen leiten. Durch die Macht der gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie jetzt bestehen, wird der einzelne fast wider seinen Willen in irgendeinem Maße aus der engen Beschränkung auf seine privaten Zwecke und Interessen herausgehvben, und durch die Fortschritte der Kultur ivird er geradezu genötigt, sich für diese Erde seine Zwecke ohne Vergleich höher und würdiger zu stecken und namentlich auch unabhängiger von seinen persönlichen Interessen. Gehen wir speziell zum Judentum über, so finden wir keine Phase und kein Stadium in seiner ganzen geschichtlichen Entwicklung, da ihm die irdische Welt kein geistiges Interesse geboten hätte, wo ihm die irdische Welt, das Sichtbare, als geistig gehaltlos erschienen wäre. Vielmehr liegt der Charakter des Judentums gerade darin, daß es gleich dem ersten Menschen, nach einer alten Sage, fest auf der Erde steht und mit seinem Haupte den Himmel berührt. Himmlisches und Irdisches, Göttliches und Menschliches vermochte es stets mit gleicher Liebe, mit gleicher Gerechtigkeit versöhnend zu umfassen. Trotz der glutvollsten Ueberzeugung, daß es höhere Wonnen gebe als unsere vergänglichen Genüsse, hat es stets einen offenen Sinn für die Freuden dieser Welt bewiesen; nie hat seine andächtige Sammlung es zur Weltflucht verleitet, nie die Liebe zu seinem Gotte es in die Einsamkeit getrieben, die Menschen und die Welt zu meiden angeregt. Das Unterscheidende der Zeit, die wir die „moderne" nennen, kann demnach für das Judentum nicht darin liegen, daß etwa in ihr dem Judentum der geistige Sinn, das geistige Interesse für die irdische Welt aufgegangen wäre, da dieser Sinn ihm niemals fremd war. Das Unterscheidende der Zeit, die wir die „moderne" nennen, liegt daher für das Judentum aus einem anderen Gebiete. Wenn wir die gegenwärtigen Zeitmomente innerhalb des Judentums recht würdigen wollen, so müssen wir die nächste Vergangenheit und ihren Einfluß aus die Gegenwart erkennen.