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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-02 · Heft 1 (2.1.1914) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 1 (2.1.1914)
Date
1914-01-02
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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S£5 Berlin, 30. Dezember. Am 20. d. M. fand im Schwesternheim des Vereinssürjüdische Krankenpflegerinnen zu Berlin, Auguststraße 17, die übliche Chanukaseier in Gegenwart des Vorstandes, der Oberin Fräulein Blau, vieler Aerzte des Krankenhauses und, einer großen Zahl von Schwestern statt. In seiner Ansprache hob der Vorsitzende, Herr Louis Sachs, die Bedeutung des Schwesternberufes für jüdische Mädchen hervor und be-. tonte, wie seitens des Vorstandes durch die beabsichtigte Erhöhung des bisherigen Höchstgehaltes sowie des Pensionssatzes die materielle Stellung der Schwesternschaft gehoben werden soll. Auch ist beabsichtigt. den Schwestern durch ethische Vorträge Gelegenheit zu verschaffen, sich geistig zu erheben. Da voraussichtlich im April 1914/ die Uebersiedelung der Schwestern in das auf dem Grundstück des neu erbauten Krankenhauses errichtete neue Schwesternheim stattfinden wird, konnte der Vorsitzende in seiner Ansprache von dem alten Hause Abschied nehmen, in welchem die Schwestern fast zwanzig Jahre freudige und ernste Stunden verlebt haben. Bei Beginn und Schluß der erhebenden Feier ertönten aus dem Munde der Schwestern die Klänge des Chanukaliedes, worauf die Schwestern die dargebrachten Gaben in Empfang nahmen ilnd wieder zu ihren Kranken zurückkehrten. — Meldungen zur Aufnahme als Lehrschwestern nehmen der Vorstand und die Oberin Fräulein Blau entgegen. V. Z. Berlin, 30. Dezember. Das preußische Kultusministerium hat dem bekannten, seit Jahren hier in Berlin tätigen Chemiker D r. N i c o d e m u § Caro den Professortitel verliehen. Dr. Caro, der in Lodz als preußischer Untertan geboren ist, bildete sich hier auf der Technischen Hochschule zum technischen Chemiker aus. Nachdem er 1892 die Diplomprüfung bestanden hatte, erwarb er sich ein Jahr darauf mit einer Arbeit über die Einwirkung des Hydrazins aus den Dimidoäther die philosophische Doktorwürde. Eine Reihe experimenteller Untersuchungen über Anilin und Synthese des Nikotins, dieses für den Tabak charakteristischen Alkaloids, folgten. Dann beschäftigte sich Caro sehr eingehend mit der Darstellung von Karbid und Azetylen. Die Karbidindustrie verdankt ihm manche wertvolle Belehrung. Seine „Untersuchungen über die Explosionsursachen des Azetylens" wurden vom Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes durch die silberne Medaille ausgezeichnet. Im Verfolg seiner Studien über das Karbid beschäftigte sich Caro damit, den Stickstoff der Lust an Kalk zn binden. Im Verein mit Geheimrat Professor Dr. A. Frank arbeitete er ein Verfahren aus, den Stickstoff der Luft in der Form von Kalksticksloff nutzbringend für die Landwirtschaft zu gewinnen. Die Firma Siemens u. Halste unterstützte die Ausarbeitung dieses Verfahrens für den Großbetrieb. Heute gibt es bereits fünfzehn Anlagen mit 250 000 Pferdekräften zur Gewinnung von Knlkstickstoff nach dem Frank-Caroscheu Verfahren. Nicht minder bedeutsam ist das Verfahren beider Erfinder zur Verwertung der Moore, worüber seinerzeit Dr. Caro vor dem Kaiser in der Sitzung des Deutschen Laudwirtschaftsrats Bortrag hielt. (Dr. Caro entstammt einer der gelehrtesten jüdischen Familien, deren Stammbaum, wie der vor einigen Jahren verstorbene, gut unterrichtete Vater des nunmehrigen Professors uns einst mitteilte, in gerader Linie bis auf Rabbi Joseph Caro, den Verfasser des Schulchan Aruch, zurückgeyt. Sein Großvater war der gelehrte Rabbiner gleichen Stammes in Wlozlawek, und ein Onkel von ihm ist der rühmlichst bekannte Rabbiner Dr. Caro in Lemberg. - Die Redaktion.) W. Aus Der Provinz Posen, im Dezember. Pose n. Wie leicht ein Ritualmordmärchen entstehen famt, beweist folgendes.- In einem Vororte Polens wohnt die von allen geachtete Familie E. Bei derselben war eine christliche Frau vier Jahre laug Anfwärterin, die eines Tages ohne jegliche Veranlassung ihren Dienst kündigte. Sie hatte nämlich hinter der Tür gelauscht und glaubte wahrgenommen zu haben, wie ein Verwandter, der zum Besuch am, der Tante Frau E. ein Fläschchen Blut in einem Kästchen überreicht und dabei gesagt Hütte, er habe den Lehrling Mllsial ermordet. In Wirklichkeit hatte der junge Manu seiner Tante einen Karton mit Konfekt zum Geburtstage gegeben. Die Aufwartefrau ist nämlich die Schwiegermutter des Mannes, bei dem der ums Leben gekommene Mnsial in Pension gewesen war. Da hatte die Frau in ihrer Phantasie den Ritualmord sich erdacht und den Leuten davon Mitteilung gemacht. Die Polizeibehörde erhielt davon Kenntnis und stellte mit Frau E. ein Derhör an. Auch wurde in der Wohnung des Neffen Haussuchung abgehalten; aber ohne etwas Verdächtiges bei ihm zu finden. Auf seinen Geschäftstouren wurde er noch weiter von der Polizeibehörde auf Schritt und Tritt verfolgt und beobachtet. Ja, in den Fabrikräumen, wo der Reisende angestellt war, wurde alles untersucht. Schließlich hat man ihn ins Verhör genommen, er solle aussagen, wo er an dem Tage, da der Mord geschehen, geweilt habe. Er konnte nach seinen Reisedispositionen feststellen, daß er zu dieser Zeit auf der Tour Schrimm-Lissa gewesen, und jetzt erst wurde er außer Verfolgung gesetzt. Dies alles hat sich in der Gerichtsverhandlung, welche vor kurzem in der Musiatschen Sache stattgefunden, herausgestellt. Was wäre wohl geschehen, wenn der junge Mann nicht imstande gewesen wäre, sein Alibi nachzuweisen? — Herr Stadtverordneter Louis Kuttner beging in diesen Tagen seinen sechzigsten Geburtstag. Die Stadtverordnetenversammlung sprach ihm ihren Glückwunsch aus. — Herr Kaufmann S. Davidsohn hat in staatlicher Anerkennung seiner städtekolonisatorisch'en Arbeit den Roten Adlerorden vierter Klasse erhalten. — Wollstein. Frau Rentiere Krause in Leipzig, die Gattin des hiesigen früheren Beigeordneten Samuel Kraus-e, überwies aus Anlaß des Ablebens ihres Mannes für die Armen hiesiger Stadt dem Magistrat fünfhundert Mark. Die Spende wurde an 50 Arme aller Konfessionen in Beträgen von je 10 Mark wrteilt. - Ianowi tz. Die Personenstandsaufnahme hat ergeben, daß die hiesige jüdische Einwohnerzahl 134 Seelen betrügt. - E x i n. Nach der diesjährigen Personenstaudsaufnahme zählt die hiesige Stadt 3877 Einwohner, wovon jüdisch 177 sind. (Im Vorjahre 196.) — - Kos chm in. Am Sonntag, den 14. d. M. starb in Berlin nach langen, schweren Leiden der hiesige Justizrat Berendt Kantorowicz in seinem 53. Lebensjahre.. Er wurde am 13. Mai 1861 in Posen geboren und war seit dem Mai 1888 in Koschmin ansässig. Im September 1891 wurde er Mitglied des Stadtverordnetenkollegiums, dem er ununterbrochen bis zu seinem Tode, seit 1902 als Vorsteher, angehörte. In der Reprasentantenversanuulung der jüdischen Gemeinde war er seit dem September des Jahres 1897, bald danach, noch in demselben Jahre, wurde er zum Vorsteher gewählt. Auch im Deutschen Wahlverein und im Allgemeinen Schützenverein bekleidete er lange Jahre hindurch Borstandsämter. Tw Beerdigung fand am 18. -d. M. ans dem jüdischen Friedhof 51t Weitzensee in Berlin statt. Schneid em ü h l. Bei der Handelskammerwahl wurde mit sämtlichen abgegebenen -Stinunen das Mitglied Lonis Schweriner gewählt. — Samte r. Nach der letzten Personenstandsaufnahme zählt die Stadt 1647 evangelische, 4983 katholische und 443 jüdische Einwohner. <zn> Köln, 26. Dezember. Der bekannte Verteidiger von B e i l i s, Herr Rechtsanwalt Oskar Israel Grusenberg, der nach dem Abschluß des Prozesses ins Ausland zur Erholung gereist war, kehrte Mitte Dezember nach Rußland zurück. Auf der Fahrt nach Petersburg passierte er das „litauische Jerusalem", Wilna, und war dort Gegenstand besonderer Ehrungen. Die Vertreter der jüdischen Gemeinde und der zionistischen Organisation dieser Stadt sind ihm bis zur Station Koschedary zur Begrüßung entgegengefahren. Die Vertreter der Gemeinde hießen Grusenberg herzlich willkommen und überbrachten ihm den Beschluß der Wilnaer Judenheit, ein Stipendium aus seinen Namen zur Erinnerung an die ruhmreiche Verteidigung von Wahrheit und Recht im Prozeß Beilis zn stiften. Die Vertreter der Zionisten überbrachten Grusenberg das prachtvolle neue Goldenbuch- Diplom des Jüdischen N a t i 0 n a l f 0 n d s , das von Justizrat Bodenheimer und Wolfssohn unterfertigt ist. Das Bild ist ein Werk des berühmten Kunstmalers Lesser Ury und stellt den König David mit der Harfe in einer judäischen Landschaft dar. Grusenberg wurde von einer Reihe jüdischer Gemeinden und zionistischen Gruppen in Rußland und anderen Ländern ins Goldene Buch eingetragen. Die zionistische Deputation teilte Herrn Grusenberg außerdem mit, daß eine Straße des jüdischen Viertels Tel-Awiw in Jaffa seinen Namen führen wird. Herr Grusenberg war sehr gerührt und dankte für die Begrüßung, für das Geschenk und für die ihm in Tel-Awiw zuteil gewordene Auszeichnung. München, 24 Dezember. Unter herzlicher Teilnahme weiter Kreise beging Rabbiner Dr. Werner am 16. d. M. in erfreulicher geistiger und körperlicher Frische und Rüstigkeit seinen 60. Geburtstag. Das Arbeitszimmer des Jubilars glich an diesem Tage einem Blumenhain. Nicht bloß von einer großen Anzahl von Angehörigen der israelitischen Kultusgemeinde, sondern auch aus literarischen und wissenschaftlichen Kreisen Münchens waren Glückwunsch-

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